Der gehängte Mönch von Clemens Berger, 20031.) - 3.)

Der gehängte Mönch.
Erzählungen von Clemens Berger
(2003, Edition lex liszt 12 - *** Bestellung versandkostenfrei (15 Euro) beim Verlag: LL12@bkf.at, ++43-(0)-33940, Fax ++43-(0)3352-34685 ***).
Besprechung von Erich Hackl in Die Presse vom 31.01.2004:

Clemens Berger:Den Hut tief ins Gesicht
Doppelbödig, unaufgeregt, scheinbar ohne jede Anstrengung: Clemens Berger debütiert mit Erzählungen und Kürzestgeschichten.

Dem jungen Schriftsteller Clemens Berger steht die Welt offen, und er weiß sich in dieser Welt zu bewegen. Diesen Eindruck gewinnt man bei der Lektüre der 14 Erzählungen und elf "Kürzestgeschichten", mit denen er als Buchautor debütiert. Berger ist 24 Jahre alt, er ist in Güssing geboren und in Oberwart aufgewachsen, hat in Wien Philosophie studiert und mit einer Arbeit über Hans Mayer abgeschlossen. Die Texte seines Erzählbandes sind zwischen 1999 und 2003 entstanden, "aber ich schreibe schon sehr lange", das merkt man ihnen, im Guten, auch an.

Denn Clemens Berger kennt, worüber er schreibt, aus eigener Erfahrung oder Anschauung, und er sucht sich für jeden Stoff die ihm und diesem gemäße Gestalt. Er hält es also nicht mit der Genreliteratur, die die Formen schon parat hält, in die sie ihre Erfindungen gießt. Andererseits hantelt er sich nicht an der eigenen Biografie entlang, die jeweilige Befindlichkeit des Autors ist nur insofern wichtig, als sie ihm die Möglichkeit bietet, versteckte Zusammenhänge aufzuspüren, Gedanken weiterzuspinnen, Sätze oder Bilder in einen sozialen Zusammenhang zu bringen, das Werden und Gewordensein von Charakteren und Situationen darzustellen. Immer wieder geht es um Abhängigkeiten, um Annäherung im Gespräch, um die Bemühung, angehört und wahrgenommen zu werden oder eine Bedrohung abzuwenden, um die Einsicht also, dass die Menschen aufeinander angewiesen sind, und die Neugierde, wie sie damit wohl umgehen. Sie sind nicht souverän, eher verbohrt oder verschroben, schwer vorstellbar, dass man einen oder eine von ihnen auf Hochglanzpapier wiederfindet. Berger besitzt übrigens auch Humor: Er kann sich, ersichtlich, andere Verhältnisse als die herrschenden vorstellen. Oft erzählt er in der ersten Person, aber nicht immer handelt es sich um Rollenprosa. Ganz beiläufig führt er einen von der erzählten Zeit in die Gegenwart des Erzählens und wieder zurück. Dies und der schon erwähnte Humor, die Doppelbödigkeit, die lapidare Sprache, auch die Zärtlichkeit gegenüber seinen Helden erinnern mich an einen großen Geschichtenerzähler des vergangenen Jahrhunderts, den Deutschen Johannes Bobrowski.

Am deutlichsten spüre ich diese Nähe, die dem Autor wahrscheinlich gar nicht bewusst ist, in der Erzählung "Zuckerberg und Sicklau", in der Berger eine Kindheit am Rande evoziert, seine Kindheit vermutlich, in Oberwart. Er schreibt unaufgeregt, scheinbar ohne jede Anstrengung, und so formen sich, von der ersten Seite an, Wissen und Erinnerung, Idylle und Gefahr, Angst und Übermut zu einem Prosastück, in dem die Gegenwart zu ihrer Geschichte findet. Der Erzähler ist klüger heute, er weiß, dass die Verbrechen, die er sich als Kind ausgemalt hat, tatsächlich geschehen sind, unweit des Zuckerbergs, an dem er aufgewachsen ist, in der Sicklau, im Moor, in der Nazizeit. Das Wort Nazi kommt übrigens gar nicht vor, Bergers Kunst besteht darin, uns auf die falsche Fährte zu locken, umso verblüffter sind wir, als wir plötzlich über die Leerstelle stolpern. Da liegen wir, strampeln eine Weile, und uns schaudert, während der Erzähler seiner Wege geht. "Ich aber verschwinde jetzt mit und in meiner Zuckerbergkindheit und ziehe den Hut: einmal vom sich leicht nach vorn neigenden Kopf, dann tief ins Gesicht."

Es wäre ungerecht gegenüber dem Autor, sein Buch unter regionalen Gesichtspunkten wahrzunehmen, als Beleg für die bisher geleugnete oder nicht wirklich verifizierbare Existenz einer burgenländischen Literatur, die im "Zieleinsgebiet europäischer Entwicklungshilfe" kaum Gelegenheit hatte, sich zu entwickeln und im Wesentlichen von Autoren geschrieben wird, die aus Wien, Duino oder Südtirol zugezogen oder dorthin verduftet sind. Trotzdem werde ich das Gefühl nicht los, dass das jüngste Bundesland Österreichs mit Clemens Berger endlich in die Literatur eingetreten ist, und zwar gerade deshalb, weil es in seinem Buch weder gelobt noch verdammt wird. So ist die Provinz, so müsste sie nicht sein: Einmal lesen wir von einem alternden Bademeister, der im Kampf um die eigene Autorität kläglich unterliegt, einmal von der männlichen Dorf- oder Kleinstadtjugend, für die das Leben am Gaspedal eines Autos beginnt und endet. Kein verächtlicher Blick von oben herab oder aus der Metropole Wien herüber, aber auch kein Anbiedern, kein Augenzwinkern. Außer Oberwart wird auch Rechnitz angesteuert, ein Rettungswagen wird zu einem Notfall gerufen, zum Entsetzen seiner Begleiter verweigert der Arzt dem Kranken die Erste Hilfe: Es handelt sich bei diesem um einen Mann, den wir alle kennen, Gauleiter und Verfasser einer berüchtigten Denkschrift zur "Zigeunerfrage", wohlhabend und wohl gelitten, seine Opfer (die wenigen, die die Lösung der Zigeunerfrage überlebt haben) und ihre Angehörigen leben im Elend, immer noch geächtet, und statt dem Eid des Hippokrates Genüge zu tun, weigert sich der Arzt. "Nein, sage ich, ich helfe keinem Unmenschen."

Nein sagen, fantasievoll genug sein, um im Fremden das Vertraute zu finden, Spuren von Auflehnung sichtbar machen, auch wenn sie sich nur im Abseitigen äußert, in der fragilen Gemeinschaft von Stammgästen eines Cafés oder von kauzigen Orchideensammlern auf Exkursion, in zielloser Sehnsucht und komplizierter Liebe, in der Weigerung oder Unfähigkeit, ein normales Leben zu führen: davon handeln Bergers Geschichten, und da er sie unbeirrt und mit originellen Mitteln zu Ende führt, ziehe ich vor ihm den Hut, "vom sich leicht nach vorn neigenden Kopf", respektvoll und einigermaßen dankbar. [*]

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Der gehängte Mönch von Clemens Berger, 20032.)

Der gehängte Mönch.
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Besprechung von Wolfgang Weisgram aus Der Standard, Wien 28.02.2004:

Hinterfotzige Verwicklungen
Clemens Bergers genussvolles Debüt

Einem jungen Autor zu bescheinigen, er sei eine Orchidee, die auf diesem oder jenem Landstrich zum Blühen gebracht worden sei, ist ein sehr rücksichtsloses Verdikt. Denn nichts kann einen ambitionierten Autor mehr irritieren, als wenn es heißt, es sei dem von ihm Verfassten anzumerken, dass er ein Unterkärntner, ein Waldviertler, ein Bewohner des abgeschiedenen Komitates Vas sei. Denn die Ambition ist es ja gerade, den Anker, der viele Menschen festhält an Land und Leute, zumindest zu lockern. Ohne Ambition wäre der Autor ja längst schon beim Heanzenverein und würde dort mundartliche Heimatgedichte verfassen.

Es sei also an dieser Stelle nicht deshalb festgestellt, der 25-jährige Clemens Berger sei ein Südburgenländer, weil er ein Südburgenländer ist, sondern nur aus dem Grund, weil der verdienstvolle Verlag, in dem Bergers erstes Buch - ein Erzählband - nun erschienen ist, in Oberwart daheim ist und sich dort zu einer Art Fenster gemausert hat. Ein rein drucktechnisch-geographisches Verdikt. Natürlich kommt das Südburgenland vor. Die Stadt Oberwart zum Beispiel, "deren Ortstafeln den Archiven des Terrors als zu spät trauerbeflorte bekannt sind". Aber das sind bloße Schauplätze auch dann, wenn sich die Verwicklungen wie von selbst aus ihnen ergeben, wie die in Rechnitz, wo ein Notarzt dem ebendort angesehen lebenden Zigeunerfrage-Gauleiter die Hilfe verweigert. Im Grunde aber sind es die Verwicklungen, die Berger interessieren, und aus diesen wachsen dann die Protagonisten, die ihre Schauplätze halt mitbringen. Melk etwa, wo sie einst den später geheiligten irischen Mönch Koloman gehenkt (oder auch gehängt) hatten, was einen Heutigen so empört, dass er den "Koloman-Rat zur Zurückdrehung des Rades nach 1012" gründet, der dann eine bemerkenswerte Guerillaaktion an Wiener Ortstafeln inszenierte. Oder ein Café in der Josefstadt, dessen Oberkellner von den Stammgästen mit einer Festschrift geehrt werden soll, während dem zur Verfassung eben dieser nicht nur Walter Benjamin dazwischen kommt, sondern auch noch eine alte Schulfreundin. In all den Geschichten merkt man die Freude, manchmal sogar den Spaß des Autors am Formulieren, ohne dass die Sprache zu einer Art Selbstträgheit abgehoben hätte. Ums Verwickeln geht es, auch das der Leser. Zuweilen tut er das ziemlich hinterfotzig. Ganz unschuldig führt Berger den Leser, quasi an der Hand nehmend, zu einer morschen Holzbank. Von dort weiter zu einem alten Waffenrad. Unter dem liegt einer. Und was tut man in so einer Situation? Na eben.

Oder eben auch nicht. Berger ist nicht immer zu trauen. Aber wer möchte schon einem Autor trauen? Solange er so schön zu lesen ist.

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Der gehängte Mönch von Clemens Berger, 20033.)

Der gehängte Mönch.
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Besprechung von Sabine Mayr aus Literaturhaus.at, 11.04.2004:

Der gehängte Mönch.

Er solle all die bunten und traurigen Geschichten auf Papier bannen, wurde der Protagonist der Erzählung "Riemenzungen" von seinen Zuhörerinnen und Zuhörern bedrängt. Wortreich konnte dieser aus einer Begebenheit ein kunstvolles und leichtes Erzählgewebe spinnen und damit seinem Publikum unterhaltsam die Zeit stehlen, ihm manchmal, wie er gesteht, mit Wiederholungen auch ermüdend zusetzen. "Entwirre ich dieses Knäuel, kann ich mich, je nach Laune, als Abenteurer, Wissensdurstigen, Groteskensammler oder tief Verzweifelten zeichnen." 
Launische Kommentare zum Handlungsverlauf, das Spiel mit narrativen Variationen und die demonstrative Bescheidenheit waren nicht nur Eigenschaften des Erzählers in "Riemenzungen". Sie sind auch bestechende Kennzeichen des Autors Clemens Berger, dem es im vergangenen Jahr mit dem Erzählband "Der gehängte Mönch" ganz mühelos gelungen ist, seine Leser und Leserinnen in literarische Abenteuer zu verstricken. In vierzehn Erzählungen und elf "Kürzestgeschichten" aus den Jahren 1999 bis 2003 erweist sich Clemens Berger als verspielter Wort- und Wendungskünstler, als lustvoller und souveräner Zeichner ernster und komischer, grotesker und absurder Geschichten. Dies ist umso erstaunlicher, als der 1979 in Güssing geborene und in Oberwart aufgewachsene Autor mit dem in der Edition Lex Liszt erschienenen Prosaband sein schriftstellerisches Debüt feierte. 
In der Erzählung "Zuckerberg und Sicklau" beginnt Berger mit kindlichen Streifzügen durch das Moor in der Wart und durch eine von Enyd Blyton und Odysseus gespeiste Fantasie. Nachdem es der jugendliche Abenteurer zum ersten Mal geschafft hat, mit verschränkten Armen den Zuckerberg hinunterzuradeln, und nach einem Unfall auf einer Wasserrutsche im öffentlichen Schwimmbad kommt Berger auf seiner gekonnten Gradwanderung zwischen emotionaler Anteilnahme und kritischer Distanz bald zu den Geschichten aus der Welt der Erwachsenen - ein Balanceakt zwischen Komik und Tragik, der sich in einer assoziativen, expressiven, lyrischen und gleichzeitig lakonischen Sprache ausdrückt. Dann wird von einem Wunderheiler erzählt, der im 19. Jahrhundert in der Sicklau nach heilendem Schlamm und Thermalwasser sucht, von Privilegien genießenden Parteifunktionären und Politikern. Und allmählich dringen stumme Berichte über die während der Nazizeit in der Sicklau begangenen Verbrechen an die Oberfläche. "Im Moor, in der Sicklau, wo heute ein Bohrturm steht, der an die Ölfelder von Texas und Kuwait erinnert, ja wirklich!, stecken viele Geschichten. Etliche sind unermeßlich trauriger als meine in der Zuckerbergkindheit entstandenen, die im Fasching so gern ins Indianerkostüm schlüpfte." 
Um eine andere jugendliche Leidenschaft geht es in der Erzählung "Über Asphalt und über Stein. Eine Heldengeschichte". Der motorbesessene Mario, meist angetrunkener König der Land- und Bundesstraßen, buhlt mit seinem rasanten Schlitten um Bewunderung und verliert auf der Straße sein Leben. 
Verspielt und virtuos behält der Autor die soziale und historische Dimension des Dargestellten und die spezifisch österreichische Situation im Auge. So verbergen sich hinter den verschrobenen und eigenbrötlerischen Charakteren typische und bekannte Gestalten aus der österreichischen Provinz wie zum Beispiel ein der Ironie des Autors und dem Spott pubertierender Badegäste gleichermaßen ausgesetzter Bademeister oder der greise Patient in der Erzählung "Nein. Eine Rettungsfahrt". Ein Notarzt weigert sich, diesen zu betreuen, nachdem er den nationalsozialistischen Gauleiter Tobias Portschy erkannt hat. Portschy hatte bekanntlich bereits am 2. April 1938 gefordert, neben der Agrarreform auch die "Zigeunerfrage" und die "Judenfrage" "mit nationalsozialistischer Konsequenz" zu lösen. (Vgl. Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands, Hrsg.: Widerstand und Verfolgung im Burgenland. 1934-1945. Zweite Auflage, Wien 1983, S. 80, S. 294ff.) 
Wechselnde Handlungsebenen und originelle szenische Übergänge bewirken auch in der Erzählung "Herrn Ferdinand zu Ehren. Eine Festschrift" einen gewitzten, musikalischen und berauschenden Erzählfluss, der um die Eigenarten und Macken von Kaffeehausgästen kreist, während in den früheren Erzählungen die auktoriale Darstellung mitunter auch ein bisschen bemüht wirkt. Der Titel stiftende "Gehängte Mönch" spannt als übergreifendes Motiv einen Bogen von der Erzählung "Koloman. Eine Verteidigungsschrift", die sich mit dem "Heiligen Koloman" befasst, welcher der Überlieferung zufolge im 11. Jahrhundert auf seiner Pilgerfahrt nach Jerusalem in Niederösterreich erhängt wurde, hin zu einer seltenen Orchideenart, die - "Riemenzungen" oder "Gehängter Mönch" genannt - von "Naturfreundinnen und -freunden" bei einer Exkursion in Niederösterreich entdeckt wird. Auf ihrer Fahrt ins Grüne werden diese, wie eingangs erwähnt, vom Ich-Erzähler unterhalten, etwa so wie Clemens Berger seine Leserinnen und Leser zu begeistern versteht.

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