Der Gefühlsmensch.
Roman von Javier Marías (1986/2002, Klett-Cotta - Übertragung Elke Wehr).
Besprechung von Sabine Dultz aus der Münchner Merkur, 25.2.2003:

Des Sängers Traum
Javier Maríás' Othello-Paraphrase "Der Gefühlsmensch"

Ein Liebesroman. Ein Roman über Erinnerung, Traum, Tod und Wirklichkeit. Eine Frau zwischen zwei Männern. Was sonst? Eine alte, immer währende Geschichte neu und faszinierend erzählt: "Der Gefühlsmensch" von Javier Marías. Nicht sein jüngstes Buch, es ist der fünfte Roman des Spaniers, geschrieben noch vor den Welterfolgen "Mein Herz so weiß" und "Morgen in der Schlacht denk an mich". Aber dieser 1986 verfasste Roman, der jetzt in einer neuen deutschen Ausgabe herausgebracht wurde, zeichnet sich bereits durch jene Raffinesse und stilistische Meisterschaft aus, die Maríás in die Reihe der europäischen Spitzen-Autoren stellt.

Erzählt wird ein Traum. Der Ich-Erzähler, ein junger Operntenor, lässt den Leser teilhaben am schriftlichen Fixieren des soeben Geträumten. Als Hilfe dafür, Vergangenes zu klären. Denn der Traum des Sängers wiederholt ein Stück seines Lebens, eine Phase, die vier Jahre zurückliegt. Das war jene Zeit, als er am Opernhaus Madrid für die "Othello"-Premiere den Cassio probte.

Im Luxushotel, in dem Stars und andere Menschen von Welt abzusteigen pflegen, gleich ein dreifaches Dé jà-vu. War er den Menschen, die er hier trifft, nicht schon früher begegnet: dem belgischen Bankier Manu, dessen spanischer Frau Natalia und ihrem vom viel beschäftigten Ehemann bezahlten Begleiter Dato? Saß er diesem eigenwilligen Trio nicht gerade erst im Zugabteil gegenüber? Und kamen sie ihm nicht bereits dort bekannt vor aus seinen Träumen? Oder aus einer Shakespeareschen Tragödie?

"Ich will nicht wie ein Idiot sterben." Javier Maríás

Das Wechselspiel zwischen Rationalem und Irrationalem, zwischen Wahrheit und Fantasie erlaubt Javier Marías eine Erzählweise, die in ihrer Sprunghaftigkeit von äußerster, logischer Konsequenz ist. Der Leser wird unmittelbar hineingezogen in dieses dichte Geflecht der Beziehungen und Gefühle. Die Figur, um die sich alles dreht, ist Natalia, eine flirrende, dem großen Leiden und einer unendlichen Melancholie hingegebene, unglückliche Frau. Aber der Autor lässt ihr Wesen im Ungefähren. Das ist der Grund dafür, dass der Ich-Erzähler ihr genauso verfallen ist wie der Bankier, mit dem sie in sonderbar fremder Ehe lebt. Der Freundschaft zwischen seiner Frau und dem Sänger, den sie regelmäßig zu den Proben von Verdis "Othello" begleitet, schaut er so lange gelassen zu, so lange er daraus keine Gefahr für seine Ehe, für seine Liebe, für sein Leben wittert.

Mit sublimer Meisterschaft entwickelt Maríás die einzelnen Charaktere, ihre beherrschte und unbeherrschte Gefühlsnot. Er führt seine Leser auf die Fährte des Unbewussten und Unvorhersehbaren. Und wie nebenbei beschreibt er mit großer Komik und bis an Lächerlichkeit grenzender Ironie das Geschäft des Opernbetriebs, die Unsinnigkeit der Proben, die Eitelkeit der Stars. Da darf man sicher sein, dass er die Jagos, Othellos, Desdemonas mit authentischen Zügen ausgestattet hat.

Vier Jahre liegen zwischen jener Wirklichkeit und dem Traum von ihr. Ein Zeitraum, in dem unser Sänger des Cassio an die Spitze der Tenor-Elite vorgestoßen ist. So wie in der Oper Cassios reine Existenz Othello und Desdemona vernichtet, so wiederholte sich dies auf ähnliche Weise - lediglich der Moderne angemessen - mit den Hauptfiguren des Romans. Wobei Natalias Pflicht-Begleiter Cato die Rolle Jagos spielen könnte.

Bis zum Schluss allerdings sind Zweifel erlaubt, ob die erzählte Geschichte dem Reich des Todes, des Traumes oder der Realität entliehen ist. Dass sich dazu gegen Ende auch noch die Sympathiekurve dreht zu Gunsten des hartherzigen Bankiers und man dazu neigt, ihn als die Titelfigur, als den "Gefühlsmenschen" zu identifizieren - das alles macht den Roman zu einer atemberaubenden, spannenden Lektüre auf den verwunschenen Spuren von Shakespeares "Othello".

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