Der gefrorene Rabbi von Steve Stern, 2010, BlessingDer gefrorene Rabbi.
Roman von Steve Stern (2010,
Blessing - Übertragung Friedrich Mader).
Besprechung von Maren Schürmann in der WAZ, vom 13.1.2011:

Der Rabbi kam aus der Tiefkühltruhe
Ein heiliger Mann findet nach eisigem Dornröschenschlaf sein Glück im Kapitalismus. Wie er als Eisklumpen in die Tiefkühltruhe kam, erzählt Steve Stern in seinem skurrilen Roman „Der gefrorene Rabbi“.

Auf der Suche nach einem Stück Leber findet Bernie in der Tiefkühltruhe seiner Eltern anderes gefrorenes Fleisch: einen Rabbi. Was Bernie fast zu Tode erschreckt, bringt seinen Vater nicht aus der Ruhe. Denn der heilige Mann ist ein Familienerbstück, das unter einer Schicht Eis von Generation zu Generation weitergereicht wird. Bis der lebensmüde Bernie eines Tages allein daheim ist und der Strom ausfällt. Der Rabbi erwacht – und krempelt allein durch seine Anwesenheit Bernies Leben komplett um.

Bis zu diesem Punkt ist „Der gefrorene Rabbi“ von Steve Stern erfrischend skurril. Zudem spielt der Autor mit den Erwartungen seiner Leser: Der Rabbi kommt nicht nach Jahrzehnten aus dem Eis, um die Menschen zu bekehren. Nein, er lässt sich vom Kapitalismus einlullen und genießt nach einer Ewigkeit der Enthaltsamkeit die Shows im Fernsehen und den Sex als ein göttliches Vergnügen. Im Haus der Erleuchtung bietet er Sinnsuchenden ein umfangreiches und gewinnbringendes Programm: „vom preiswerten Schnellkurs in kosmischem Bewusstsein bis zum pittoreskeren, aber auch kostspieligeren Weg zur Selbsterleuchtung.“

Was für ein „schlimasl“

Der Rabbi hat sein Glück gefunden, Bernie steckt fest, im „schlimasl“ (Unglück). Viele Wörter hat Friedrich Mader nicht aus dem Jiddischen übersetzt. Dass man die Begriffe im Glossar nachschlagen muss, ist umständlich, aber auch erhellend: Einige Wörter kommen einem bekannt vor.

Hätte der Autor nur seine Geschichte bei der Beziehung zwischen Bernie und dem Rabbi weitergesponnen! Aber er musste noch eine komplette Familiensaga einbauen, die zunächst ebenfalls spannend zu lesen ist, weil er den Charakteren Raum gibt, sich zu entwickeln. Auch zeichnet er die Schlitterpartie des Rabbis bis ins neue Jahrtausend gut nach. Aber dann rast der Autor durch die Zeiten – und versucht nichts auszulassen. Da ist die Frau, die den Holocaust überlebte, da ist der Mann, der als Terrorist Schrecken verbreitete . . . Es ist zu viel!

Nur Bernie kommt nicht weiter. Seine Lösung für sich und die Welt ist auch das Ende dieses ironischen Buches. Das ist wie der Anfang sehr skurril, hat aber an Frische und Humor verloren.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.waz.de]

Leseprobe I Buchbestellung 0511 LYRIKwelt © Westdeutsche Allgemeine