Der Gefangene des Himmels von Carlos Ruiz Zafón, 2012, S. Fischer

1.) - 3.)

Der Gefangene des Himmels.
Roman
von Carlos Ruiz Zafón, (2012, S. Fischer, Übertragung Peter Schwaar).
Besprechung von Peter Pisa im Kurier, Wien, 19.10.2012:

Sensationell: Barcelona ist dieses Mal nicht deshalb düster, weil ständig geschrieben wird, dass es schwarz ist in der Stadt.
Auch ziehen kaum dunkle Wolken durchs Buch, und kein Regentropfen fällt wie ein Geschoß auf den Weg der Helden.

Carlos Ruiz Zafón hat sich im dritten von geplanten vier Teilen zurückgehalten.

Vielleicht, weil die Kritik böser wurde. Auch im KURIER stand: Der Autor verwendet einen ganzen Drogeriemarkt zum Einseifen.

Es fing 2003 mit "Der Schatten des Windes an". Eine Freude. Damals bettelte man geradezu, von dem Roman, der während der Franco-Diktatur spielt, verführt zu werden. Es war der Moment, als Buchhändler Sempere seinem Sohn Daniel den geheimen "Friedhof der Vergessenen Bücher" zeigte.

Daniel soll ein Buch, das hier im Labyrinth ruht und das niemand mehr braucht, adoptieren. Er nimmt den Roman eines gewissen Julian Carax. Oder nimmt der Roman ihn? Sehr plakativ. Aber unterhaltsam. 2008 enttäuschte die Fortsetzung "Das Spiel des Engels". Die Vorgeschichte, Barcelona 1910 bis 1930. Ein Durcheinander mit einem Schriftsteller, der an einem Gehirntumor leidet, aber vom Teufel geheilt wird. Brrr.

Jetzt "Der Gefangene des Himmels". Klarer, wenig verwurstelt, und plötzlich erkennt man: Zafón kann witzig schreiben.

Diesmal lässt er den Gehilfen der Buchhandlung Sempere, Fermín, die erste Geige spielen: 1957, wenn ihm ein Unbekannten "Der Graf von Monte Christo" schenkt – kleine Erinnerung an jene Zeit ab 1939, als Fermín politischer Gefangener im Kastell war. In einem Leichensack konnte er damals flüchten.

Der Kerker bietet starke, stinkende Szenen. Zafón ist am besten, wenn er sich eng an Alexandre Dumas’ altes Abenteuer schmiegt.

Notwendig ist es nicht, die vorangegangenen Bücher zu kennen. Für den abschließenden vierten Roman, der auch in Spanien noch nicht erschienen ist, wird man diesen dritten allerdings brauchen: Eben erfuhr der junge Buchhändler Daniel Sempere, dass seine schöne Mutter vergiftet wurde.

KURIER-Wertung: **** von *****

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Der Gefangene des Himmels von Carlos Ruiz Zafón, 2012, S. Fischer2.)

Der Gefangene des Himmels.
Roman
von Carlos Ruiz Zafón, (2012, S. Fischer, Übertragung Peter Schwaar).
Besprechung von Jens Dirksen aus der NRZ vom 24.10.2012:

Carlos Ruiz Zafon im Windschatten des eigenen Erfolges
„Der Gefangene des Himmels“ schreibt die Bücherbuch-Serie des spanischen Bestsellerautors Carlos Ruiz Zafón fort. Es beginnt in der Weihnachtszeit 1957 und bringt wieder Bücher, die umgeschrieben werden, und andere, die das Leben der Menschen zu schreiben scheinen.

Carlos Ruiz Zafóns „Schatten des Windes“ war ein berauschender Bestseller, der Elke Heidenreichs „Lesen!“-Befehl gar nicht nötig, aber verdient hatte. Das ist fast zehn Jahre her, und seitdem sucht der gelernte Werbetexter und Jugendbuchautor Zafón, nach Hollywood-Manier den Windschatten seines Erfolges. Der geschichtspralle Bücherkrimi in den anheimelnden Kulissen von Barcelona wird zum Vierteiler.

2008 erschien „Das Spiel des Engels“, eine verkrampft auf die Magie des Zufalls und den Friedhof der verlorenen Bücher setzende Vorläufer-Geschichte; heute nun kommt mit dem „Gefangenen des Himmels“ die dritte Folge heraus, die irgendwie auch die zweite ist.

Altbekannt und frisch verheiratet

1957 – die Buchhandlung des altvertrauten, frischverheirateten Daniel Sempere geht schlecht. Da kauft ein Mann das teuerste Buch des Ladens, und damit gerät eine Geschichte ins Rollen, die kurz nach dem spanischen Bürgerkrieg einsetzt, in Francos Gefängnissen mündet und eine Wiedersehen mit David Martín bringt, dem Helden aus dem „Spiel des Engels“. Er kommt den anderen Gefangenen so spinnert vor, dass sie ihn „Gefangener des Himmels“ nennen.

Mit „Marina“ gelingt Carlos Ruiz Zafón wieder ein magischer Roman. Der ist ihm in diesem Fall sogar besonders wichtig. Aber auch das Herz der Leser bleibt immer bei der Sache.

Wieder werden Bücher umgeschrieben, wieder scheinen Bücher das Leben vorwegzunehmen. Ohne die Kenntnis der beiden Vorläuferbände wird man sich in den Erzählsträngen verlieren, Zafón-Fans aber müssten sich in ihrem Element fühlen. Freilich bietet sich ihnen weniger historisches Kolorit denn je, Zafóns öfters ins Flapsige kippender Tonfall und die (prägnant ins Deutsche übersetzte) Wortwahl wirken sehr heutig. Ein gekonnter Schluss ohne Auflösung aber dürfte dafür sorgen, dass sich auch der vierte Band gut verkaufen wird.

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Der Gefangene des Himmels von Carlos Ruiz Zafón, 2012, S. Fischer

3.)

Der Gefangene des Himmels.
Roman
von Carlos Ruiz Zafón, (2012, S. Fischer, Übertragung Peter Schwaar).
Besprechung von Peter Mohr aus dem titel-magazin vom 26.11.2012:

Die Geschichte geht weiter
Wieder ein Weltbestseller – Carlos Ruiz Zafóns Roman Der Gefangene des Himmels

Mit seinem 2003 in deutscher Übersetzung erschienenen Roman Der Schatten des Windes landete der heute 48-jährige katalanische Autor Carlos Ruiz Zafón einen Weltbestseller, der in mehr als 30 Sprachen übersetzt wurde. Mit dem Nachfolgeroman Das Spiel des Engels (dt.: 2008), dessen pompöse Präsentation in Barcelona einen Hauch von Hollywood-Glamour versprühte, bewegte er sich auf ähnlichem Kurs. Innerhalb eines halben Jahres waren in der spanischsprachigen Welt mehr als eine Million Exemplare verkauft.

Nun legt der abwechselnd in seiner Geburtsstadt Barcelona und in Los Angeles lebende Romancier den dritten von vier geplanten Bänden über die spanische Historie, Bücher und eben Barcelona vor – diese eigenwillige, leicht exotisch anmutende Mischung aus Abenteuerroman, Krimi, historischer Milieustudie und reichlich Anleihen aus der Literaturgeschichte.

Wir begegnen (kein Wunder!) wieder dem »Friedhof der vergessenen Bücher«, jener geheimnisvoll-labyrinthischen Bibliothek, und auch dem aus den Vorgängerwerken bekannten Personenensemble: dem Buchhändler Sempere und seinem Sohn Daniel, deren Mitarbeiter Fermin, dem Schriftsteller David Martín (Hauptfigur im Spiel des Engels) und dem einstigen Gefängnisdirektor Mauricio Valls, der danach in der Politik Karriere machte.

Die auf diversen Zeitebenen alternierende Handlung beginnt im Advent des Jahres 1957. Selbst im mediterranen Barcelona ist es ungemütlich kalt geworden, die Dächer sind reifbedeckt, die katalanische Metropole wirkt seltsam fremd. Die Geschäfte in der Buchhandlung der Semperes gehen ziemlich schlecht, als plötzlich ein zwielichtiger Kunde auftaucht und eine sündhaft teure Ausgabe von Dumas’ Graf von Monte Christo kauft.

Carlos Ruiz Zafón belässt es nicht bei der schlichten Erwähnung des Buches, sondern bedient sich bei einem seiner zahlreichen Exkurse in die Vergangenheit auch eines Dumas-Motivs. Der Buchhandlungsgehilfe Fermin hat einst in der Franco-Haft in der berühmt-berüchtigten Festung auf dem Montjuic, die von Mauricio Valls mit unmenschlicher Brutalität kommandiert wurde, den Schriftsteller David Martin kennengelernt und mit ihm einen Fluchtplan ausgetüftelt, der ganz stark an Dumas’ Roman erinnert.

Derweil gibt es in der erzählerischen Gegenwart auch etliche mehr als spannende Handlungsbögen. Sempere-Sohn Daniel will wissen, wer der wenig vertrauenserweckende, aber zahlungskräftige Buchkäufer war; und sein Freund, der vehemente Franco-Gegner Fermin, schmiedet Heiratspläne, bekommt aber Probleme, weil er 1940 für tot erklärt worden ist und deshalb keine gültigen Papiere besitzt.

»Ich denke, dass es für jedes Land schwer ist, eine Tragödie vom Ausmaß des Spanischen Bürgerkrieges zu bewältigen. Ich glaube, das ist für deutsche Leser leicht zu verstehen. In Spanien blieben viele offene Wunden der Vergangenheit, weil es nach dem Bürgerkrieg keinen Frieden gab, sondern eine Diktatur, die viele Jahre dauerte«, meinte Ruiz Zafón kürzlich in einem Radiointerview.

Nach und nach erhärtet sich der Verdacht, dass der einstige Gefängnisdirektor und militante Falangist Valls am gewaltsamen Tod von Daniels Mutter beteiligt war. Doch es kommt nicht zum ultimativen Showdown zwischen Daniel und Valls. Offensichtlich hat sich der Autor dieses Sujet für den geplanten vierten Band aufgespart. Der Hinweis darauf wirkt am Romanende jedenfalls ziemlich plump. Daniel ist mit Frau und Söhnchen am Grab seiner Mutter. Dort zerbricht durch eine Unachtsamkeit ein Gipsengel, und aus dem Inneren fällt ein Zettel heraus – mit dem aktuellen Aufenthaltsort von Valls.

»Er weiß, dass die Geschichte, seine Geschichte, noch nicht zu Ende ist. Sie hat gerade erst angefangen.« Mit diesen Zeilen entlässt Carlos Ruiz Zafón den Leser aus der wieder einmal perfekt inszenierten, manchmal dennoch etwas langatmigen Handlung und weckt gleichzeitig schon eine gehörige Portion Neugier auf den Abschlussband seiner Tetralogie. Mehr Werbung in eigener Sache geht kaum. Auch in der Literatur heißt es offensichtlich schon: The show must go on.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter TitelMagazin]

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