Der gedehnte Blick von Wilhelm Genazino, 2004, Hanser

Der gedehnte Blick.
Essays von Wilhelm Genazino (2004, Hanser).
Besprechung von Fitzgerald Kusz in den Nürnberger Nachrichten vom 23.10.2004:

Das alte Lenz-Gefühl: Zur Verleihung des Büchner-Preises an den Autor Wilhelm Genazino
Flaneure kümmern sich nicht um Fitness

Georg Büchners epochale, bis heute nachwirkende Lenz-Novelle beginnt mit dem lapidaren Satz: „Am 20. Jänner ging Lenz durchs Gebirg“. Die Roman-Helden des diesjährigen Büchnerpreisträgers Wilhelm Genazino, dem die Auszeichnung der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung morgen verliehen wird, haben sehr viel mit diesem Lenz gemeinsam. Sie sind samt und sonders Getriebene. Aber die Natur ist ihnen gleichgültig. Sie durchstreifen die Stadt als Flaneure. Nicht auf körperliche Fitness haben sie es abgesehen — ein hektisches „nordic walking“, noch dazu mit Stöcken, überlassen sie dem „Erlebnisproletariat“, das sich mit „Erlebnissen von der Stange“ zufrieden gibt.

Der Flaneur ist ein Stadtwanderer, der kein erklärtes Ziel hat. Er lässt sich treiben, bis die äußere Welt zu seinen „inneren Texten“ passt. Es ist das alte Lenz-Gefühl, das aus der deutschen Literatur nicht mehr wegzudenken ist: Lenz war es „manchmal unangenehm, dass er nicht auf dem Kopf gehen konnte.“ Die Welt auf den Kopf zu stellen ist der Wunsch der Romantik, die die Welt verbessert, indem sie sie poetisch durchdringt.

Ein leichtes Stolpern

Im Gegensatz zu Büchners Lenz haben die Genazinoschen Helden keine tragische Fallhöhe. Es sind Ritter von der traurigen Gestalt, die sich aufmachen, die banalen Abenteuer des Alltags zu bestehen. Ihre Abstürze sind nur ein leichtes Stolpern, gemildert durch den mit der Wirklichkeit versöhnenden Humor. „Humor“- so die wunderbare Definition Jean Pauls - „ist überwundenes Leiden an der Welt.“ Das bedeutet aber auch, dass der Humor das süße Gift der Melancholie braucht. „Dass die Wolken schon seit drei Wochen von Westen nach Osten ziehen, macht mich ganz melancholisch“ („Leonce und Lena“).

Alle Helden Genazinos haben den Blues. Sie setzen der angesagten Beschleunigung trotzig die demonstrative Entschleunigung ihres ständigen Innehaltens entgegen. Sie denken über Dinge nach, die niemandem mehr auffallen. Der Müßiggang ist der Anfang der Poesie. Die Hauptfigur in Genazinos Meisterwerk „Ein Regenschirm für diesen Tag“ ist ein Paradebeispiel für das poetische Entschleunigungsprogramm des Autors: Sie verdient ihren kümmerlichen Lebensunterhalt damit, dass sie edles englisches Schuhwerk testet. Für einen Flaneur eine geradezu ideale Beschäftgung!

Keine der Figuren des Autors, angefangen vom Angestellten-Roman „Abschaffel“ bis zu „Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman“ ist eine Kämpfernatur. Sie nehmen den Kampf mit der Ellbogengesellschaft nicht auf, sie verweigern sich. Sie wollen nicht die „blinden Passagiere ihres eigenen Lebens sein“. Genazinos scheinbar richtungslos herumirrende Flaneurs-Prosa sollte man ganz langsam lesen. Und immer wieder. Er verfügt über den fremden Blick, der uns die „terra incognita“ des Alltags zeigt, er ist ein hochsensibler Meister der Wahrnehmung, der kleinste Nuancen und Verästelungen des Bewusstseins registriert.

Im Mittelpunkt der eben erschienenen Essay-Sammlung „Der gedehnte Blick“ steht die Auseinandersetzung mit dem genauen Hinschauen, der Grundvoraussetzung seiner Wahrnehmungsprosa: „Wir wissen, daß wir die Dinge mit Bedeutungen anschauen, an denen die Dinge schuldlos sind. Wir können nicht schauen ohne den Drang nach Bedeutung (. . .) Der gedehnte Blick nimmt alles, was er sieht, sorgfältig auseinander und setzt es wieder neu zusammen. Denn alles, was wir über die Zeit anschauen, beginnt eines Tages in uns zu sprechen (. . .) Wir haben, mit anderen Worten, nichts anderes hervorgebracht als eine raffinierte Perfektionierung unseres kindlichen Sehens.“

Diese „Schule des Sehens“, die Genazino von Buch zu Buch vervollkommnet, beginnt mit Büchner. Seinem Lenz legt er sein ästhetisches Credo in den Mund: „Man muß die Menschheit lieben, um in das eigentümliche Wesen jedes einzudringen; es darf einem keiner zu gering, keiner zu hässlich sein, erst dann kann man sie verstehen; das unbedeutendste Gesicht macht einen tiefern Eindruck als die bloße Empfindung des Schönen.“

Die Vorstadt

Genazino ist ein Beobachter der „Merkwürdigkeit des Lebens“ im Abseits. Am liebsten mag er die Vorstädte, die mit der Straßenbahn zu erreichen sind. Im Essay mit dem seltsamen Titel „Fremdheit ist wie das vergebliche Reiben an einem Fleck“ heißt es: „Die Vorstadt ist als belebter Raum in gewisser Weise fortschrittsresistent und insofern über lange Zeiträume mit sich selbst identisch. Mit der Vorstadt hat niemand etwas vor; sie wird immer nur hingenommen, sie ist nicht zu beseitigen.“

Genazino setzt nie zu metaphysischen Höhenflügen an. Ein feiner Humor verleiht seiner Prosa Bodenhaftung. Sie schwebt wie ein Luftkissenfahrzeug knapp über dem Boden.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter Nürnberger Nachrichten]

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