Der Gedächtnissekretär von Hamid Sadr, 2005, DeutickeDer Gedächtnissekretär.
Roman von Hamid Sadr (2005, Deuticke).
Besprechung von Evelyne Polt-Heinzl in der Wiener Zeitung, 3.6.2005:

Wenn Steine flüstern
Sadr: Der Gedächtnissekretär

Da kommt ein junger Iraner in den 1970er Jahren in das demokratische Österreich und findet allerorten die Spuren der NS-Diktatur, mit der Riza Pahlewi einst gute Beziehungen pflegte. Nach und nach verliert er das Gefühl für die Trennlinie zwischen damals und heute und landet in der psychiatrischen Klinik am Steinhof, wo er niederzuschreiben beginnt, wie alles gekommen ist.

Hamid Sadr, 1946 in Teheran geboren, ist ein Autor, der sich seine neue Heimat Österreich über die Einverleibung ihrer Kultur erschreibt. In dem Roman "Gesprächszettel mit Dora" (1994) war der Anknüpfungspunkt Franz Kafka. In seinem neuen Roman, "Der Gedächtnissekretär", ist es die NS-Vergangenheit, die er sensibel und geschickt mit der Alltagsrealität einer "Ausländerexistenz" in Wien verschränkt. Der Ich-Erzähler, Chemiestudent aus dem Iran, gerät bei seiner Jobsuche ausgerechnet an Herrn Sohalt, der einst wie besessen das zerstörte Wien fotografiert hat. Nun will der alte Mann daraus einen Bildband machen und schickt seinen "Gedächtnissekretär" mit den Fotos und Aufzeichnungen von damals quer durch Wien, um die Bilder topografisch zu verifizieren.

Der junge Mann erledigt seine Aufgabe gewissenhaft und lernt dabei ein ganz anderes Wien kennen, das ihn nicht mehr loslässt. Beladen mit den Bildern und Texten von Luftangriffen, Plünderungsszenen – auch die arisierte Tabaktrafik von Sohalts Vater bleibt nicht verschont – , der Hinrichtung versteckter Juden noch in den letzten Kriegstagen und dem grotesken letzten Aufgebot des Volkssturms, wird ihm die Grenze zwischen Vergangenheit und Gegenwart immer brüchiger. Er identifiziert sich zunehmend mit den Menschen auf den Fotos; unterwegs in den Straßen Wiens wird er Teil der abgebildeten Szenerien, hört und sieht und riecht, was auf den Bildern dargestellt ist. Geht es Herrn Sohalt bei der Auswahl der Bilder um die Bauschäden, interessieren den Ich-Erzähler die Menschen und die "Reste der menschlichen Würde" , die aus den Fotos herauszulesen sind.

Herr Sohalt entpuppt sich im Lauf der Zeit nicht nur als handfester Nazi, sondern auch als säumiger Zahler. Und so verliert der Ich-Erzähler wegen zweier rückständiger Monatsmieten seine Einzimmerwohnung und erlebt fortan, was er noch nicht kannte: Der Vermieter behält einfach seinen Pass zurück, und plötzlich wird aus dem legalen Studenten ein illegales U-Boot im Studentenheim.

Wie besessen baut sich der Ich-Erzähler tagsüber und auch nachts in seinen Albträumen aus den Bildern und Notizen seinen eigenen Bildband zusammen, rekonstruiert im Kopf, worüber Herr Sohalt schweigt, schreibt dessen Aufzeichnungen fort, ergänzt ihre Leerstellen und berichtigt ihre Euphemismen. "Die Steine reden" hieß ein 1975 erschienener Band über Gedenkstätten für die Opfer des Faschismus. Dem Ich-Erzähler, der aus einer lebendigen Erzählkultur kommt, tragen die Steine "flüsterleise Pflastergerüchte" zu. Die kann nur hören, wer sich dazu Zeit nimmt, und die kann nur beschreiben, wer die poetische Klaviatur so leise und verhalten anzuschlagen weiß wie Hamid Sadr.

Sadr beschreibt die historischen Verstrickungen und Leiden der Stadt aus der Sicht eines Fremden, der plötzlich mit einer Vergangenheit konfrontiert wird, die nicht die seine ist, die ihn aber in ihrer ganzen unerwarteten Grausamkeit nicht mehr ruhen lässt. Vor Anklagen und Schuldzuweisungen weiß er sich zu hüten. "Da kann man halt nix machen" , lässt er Herrn Sohalt an einer Stelle mehrmals wiederholen, und die begleitende Geste interpretiert er so, als wollte der alte Mann "zwischendurch mit beiden Händen seine Traurigkeit über die Schulter" werfen.

Die historischen Fakten hat Sadr gründlich recherchiert, trotzdem sitzt er einigen innerösterreichischen (Nach-)Kriegsmythen auf, was zeigt, wie tief diese verankert sind. Dass der Stephansdom bei einem Bombenangriff zerstört wurde, hat den Wienern, die nach 1945 mit riesigen Spendenaktionen den Wiederaufbau finanzierten, immer schon besser gefallen als die Wahrheit: Der Steffl wurde das Opfer eines Funkenflugs vom gegenüberliegenden Haas-Haus, das Plünderer in Brand gesteckt hatten.

Hamid Sadr ist ein behutsamer Erzähler, der schrille Töne und allzu große Direktheit zu vermeiden weiß. Auch die Verschränkung von strammem NS-Verhalten damals und der Impertinenz Ausländern gegenüber heute hat nichts Lautes und Aufgesetztes. Sadr zeigt uns, dass es geschärfter Sinne bedarf, um die Gespenster der Vergangenheit zu sehen und die sprechenden Steine zu hören.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie in der Wiener Zeitung]

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