Der geborene Gärtner.
Roman von Alois Brandstetter (2005, dtv).
Besprechung von Ulrich Steinmetzger aus der NRZ vom 7.07.2005:

Der versöhnliche Grantler
Alois Brandstetters höchst lehrreicher, amüsanter und recht politischer Mittelalterroman heißt allerdings "Der geborene Gärtner".

Wir sind im innbairischen Augustiner-Chorherrenstift Ranshofe. Und treffen den Prälaten Konrad von Burghausen bei einer ausschweifenden Gardinenpredigt. Immer wieder sagt er "Pfui Teufel" und hat viele Gründe dafür. Sein Garten ist die reinste Katastrophe, denn der Gärtner hockt in der Bibliothek. Merkwürdige Gedanken schreibt er auf, die mit Egalität zu tun haben. Unkraut, Ungeziefer, Düngermangel, nirgends eine Beere für geistliche Getränke und als einziges Werk eines verlorenen Sohnes steht am Eingang ein demolierter Fruchtbarkeitsgott - das ist doch kein Klostergarten nach den Regeln, die vor über 500 Jahren der Reichenauer Klostergärtner Walahfrid von Strabo formuliert hat! Dem Abt kann das nicht egal sein. Eigentlich müsste man zusammenrücken - vor den Mauern rumoren schließlich die Bauern, murren über Kuttenbrunzer und zu hohe Abgaben. Und in ganz Baiern wuchert der Rettichanbau. Das sorgt für Winde, die bei der Andacht stören. Und dieser Wernher der Gartenaere schreibt an seinem "Meier Helmbrecht" und erzählt von einem Bauernsohn, der zum Raubritter wird. Nachparadiesische Zeiten also, und der Vertreter des Klerus muss etwas klären. Bauern als Ritter, Mönche als Schriftsteller - das geht doch nicht!

Und dann auch noch Bücher über Bücher!

In einem blitzgescheiten Monolog voller Kreuz- und Querverweise hebt Alois Brandstetter, der wertkonservative Altgermanist, den gern bespöttelten Professorenroman in eine Qualität, wie wir sie noch nicht kannten. Er hört antiquierten Worten und Welten nach, dreht und wendet sie, bis wir auf ihrem Grund sind. Das jongliert mit Zitaten vom Nibelungenlied bis zu Thomas Bernhard, dem zweiten großen Österreicher. Nur grantelt Brandstetter ungleich versöhnlicher mit seinem Wissen, auf dass sich die Zeiten gegenseitig erklären. Am Schluss sind wir schlauer und haben trotzdem herzlich gelacht, am erhobenen Zeigefinger eines überforderten Prälaten entlang. Von Entfremdung hatte der geredet und vom weltlichen Irrgarten. "Zuerst werden Bücher und dann auch noch Bücher über Bücher geschrieben", sagt der Visionär. Aber wenn schon, dann so bodenständige, denkt man als sein höchlich begeisterter Zuhörer. (NRZ)

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