Der Fund von Veza Canetti, 2001, HanserDer Fund.
Erzählungen und Stücke von Veza Canetti (2001, Hanser).
Besprechung von Judith von Sternburg in der Frankfurter Rundschau, 8.8.2002:

Ich bin eine Künstlerin
Standhalten: Veza Canettis Erzählungsband "Der Fund"

Ein Nachgeschmack bleibt schon. Da tauchen vor gut zehn Jahren die Arbeiten der Schriftstellerin Veza Canetti aus der tiefsten Versenkung auf, das interessierte Publikum staunt, und ihr ziemlich berühmter Witwer verwahrt sich gegen den Vorwurf, das Werk seiner Frau unzureichend oder vielmehr gar nicht gefördert zu haben. Dass sie in dem autobiographischen Band Das Augenspiel zwar als komplexe Ehegattin, nicht aber als Autorin erwähnt wird, erklärt Elias Canetti so: Er habe nicht gewollt, dass sich "das Bild einer liebenswerten, aber gescheiterten Dichterin" festsetze. Jedes Mal, wenn nun ein neues Buch von Veza Canetti erscheint, ist auch diese merkwürdige Angelegenheit wieder da.

Es ist aber unsinnig, darüber nachzudenken, ob Veza Canetti ihrem Mann literarisch den Rang abläuft (läuft sie nicht) und Canetti eben dies befürchtete (wohl eher nicht, andererseits zögerte der Witwer noch nach dem Erfolg der Gelben Straße, weiteres herauszugeben). Es ist genauso sinnlos, darauf zu beharren, sie habe sich aus freien Stücken in den Dienst seines Werkes gestellt, weil sie in ihm den größeren Autor erkannt habe. Der nun vorliegende Band enthält viele bisher unveröffentlichte Texte einer Schriftstellerin, die eine Veröffentlichung fest im Blick hat. "Ich bin Künstlerin! Nur das ist mir wichtig! Künstler sind so. Ich muss berühmt werden und reich werden!", ruft die notorisch erfolglose Bildhauerin in der Komödie "Der Palankin". Nicht, dass sich irgendwer darum kümmern würde.

Das Buch, mit einem konstruktiven Nachwort von Angelika Schedel versehen, ist der fünfte Canetti-Band bei Hanser und vorerst der Abschluss einer Bestandsaufnahme. Unter dem Titel Der Fund sind zwölf Erzählungen und zwei Theaterstücke versammelt. Gut zwei Drittel davon wurden noch nie gedruckt, oft bleibt die Datierung vage, einiges wirkt skizzenhaft. Nach den Veröffentlichungen des Romans Die gelbe Straße und des Stücks Der Oger brauchte die Autorin Canetti aber keine Schonung mehr bei der Auswahl.

Es geht um einen Zeitraum von etwa zwanzig Jahren. Der erste Text, die Erzählung "Die Große" von "Martin Murner", war im Januar 1933 in der Saarbrücker Deutschen Freiheit zu lesen, sechs Monate später in der Wiener Arbeiter-Zeitung. Ein hübsches, fröhliches Mädchen wird in der Schule geschurigelt. Sie begreift, dass sie nur bestraft wird, weil ihre Mutter arm ist - "zum ersten Male hatte sie erfahren, dass es einen Unterschied gibt." Das ist etwas didaktisch (aber ja nun auch wahr), jedoch überwiegt der leichte Erzählton, eine Nuance ironisch, gut beobachtend.

Der letzte Text, "Der Palankin", spielt in "London, 1952", wo die Canettis seit ihrer Flucht vor den Deutschen 1938 lebten. Er ist der einzige Nachweis dafür, dass Veza Canetti, die 1963 starb, nach dem Krieg noch schrieb. Die Handlung über einen kühnen Einbrecher und etliche "feine Leute" ist heiter-verworren, sehr britisch, ein so vernünftiger wie vergeblicher Versuch, als Autorin doch wieder Boden unter den Füßen zu bekommen. Seit bald 20 Jahren hatte sie nichts mehr veröffentlichen können. Canettis Thema vom gesellschaftlichen Oben und Unten hat auch im "Lustspiel" nur oberflächlich an Strenge verloren. Den bigotten Ton der Saturierten weiß sie wohl noch einzufangen. Am schärfsten gelingt ihr das aber ein paar Erzählungen vorher, in "Toogoods oder das Licht" über das Leben in der englischen Emigration: "Das Prinzip des pensionierten Geistlichen lautete: wenn das Empire die von Gott Gezeichneten einlässt, und ich sie gar ins Haus nehme, so haben sich mir diese Flüchtlinge für die Großmut Englands dankbar zu erweisen (...). Denn sie wetzen die Teppiche ab, ziehen den Zug im Abtritt und schauen durchs Fenster. Sie zahlen, das ist richtig, aber was ist Geld, wie eitel ist es. Welcher Schein in den Augen eines Dieners Gottes."

Im Mittelfeld des Bandes zeigt sich, dass Veza Canetti immer dann am besten ist, wenn ihr Distanz und leise Ironie nicht abhanden kommen. In Der Fund: Jungschriftsteller Knut Tell (dem sie immer einmal wieder einen Auftritt verschafft) begegnet beim halbherzigen Versuch, einen bürgerlichen Beruf auszuüben, einer Todunglücklichen, schreibt ihre Geschichte nieder und schläft anschließend behaglich aus. In "Herr Hoe im Zoo": Ein entrüsteter Bürger will beweisen, dass der Mensch schlechter sei als ein Tier und begibt sich zu diesem Behuf in einen Löwenkäfig. Glücklicherweise verwendet er Lavendelseife, die der Löwe nicht leiden kann. In "Air raid": Die "Dame des Hauses" ist weit mehr mit ihrem Krimi als mit der Londoner Bombennacht befasst.

Weit über das - sehr gekonnt - Anekdotische hinaus gehen zwei längere Erzählungen: "Drei Viertel", über eine Vierecksbeziehung, die geheimnisvoll in der Schwebe bleibt, "Pastora", über ein nettes, bettelarmes Mädchen, dem die letzten Illusionen geraubt werden. Gründlich missraten ist eigentlich nur die bizarr und kopflastig konstruierte "Flucht vor der Erde".

Einige Geschichten passen in Ton oder Thema unmittelbar zu den Erzählungen der Gelben Straße, darunter die Komödie "Der Tiger" nach der gleichnamigen Romanepisode, ein paar gehören nach England. Auf die deutlich sozialkritischen früheren Erzählungen folgt die amüsante Gesellschaftsanekdote "Hellseher", vielleicht ein Versuch, mit dem Verbot der deutschen und später österreichischen linken Zeitungen ein anderes Publikum zu finden. Der Band rundet die Herausgabe der Werke Canettis nicht nur formal ab, sondern ist auch noch einmal ein flotter Spaziergang mitten hindurch.

Erneut gehört Veza Canettis Interesse äußerlich und innerlich beschädigten Menschen. Bucklige Fräuleins, hässliche Angestellte, bitterarme Dienstmädchen, erfolglose Künstler bevölkern ihre Geschichten. Dass Elias Canetti (im Zusammenhang mit ihrem in der Tat sonderbaren Pseudonym Veza Magd) von "Hingabe in jeder Form" spricht: "für den Geliebten, für Schutzbefohlene, aber auch für solche, die durch ihre Geburt oder durch die Niedertracht anderer benachteiligt waren", macht sie aber lieber (und harmloser) als sie ist - als Schriftstellerin wenigstens. Bitterkeit, Anklage, Spott und Witz weiß sie für gewöhnlich auszutarieren. Dass sie ihrem unglückseligen Personal und sich nicht oft, aber manchmal ein fulminantes Happyend gönnt, wer wollte das verübeln. "Das Leben ist hart, weil die Menschen kalt sind", heißt es unvermittelt in "Pastora". "Sie gehen umher wie Tote. Sie sehen nicht die Blicke um sich. Sie fühlen nicht die Wünsche. Sie lauschen nicht, sie hören weg. Sie gehorchen nur ihrem Blut. Und ihr Blut ist böse."

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