Der fünfte Winter des Magnetiseurs.
Roman von Per Olov Enquist (2002, Hanser - Übertragung Hans-Joachim Maass).
Besprechung von Hermann Wallmann aus der Frankfurter Rundschau, 6.4.2002:

Autoritärer Charakter
"Der fünfte Winter des Magnetiseurs" von Per Olov Enquist

Die 1827 erschienene siebte Auflage der Allgemeinen deutschen Real-Enzyklopädie für die gebildeten Stände bringt die folgende Magnetismus-Definition: "Seit den drei letzten Jahrzehenden des vorigen Jahrh. gab man einer Reihe von rätselhaften, bis jetzt aber noch unerwiesenen Erscheinungen, welche durch die Einwirkung eines Menschen auf einen andern hervorgebracht werden sollten, dass die Lebenskraft des Einen in den Körper des Andern überströmt, diesen Namen. Die Mittel zur Hervorbringung sollten theils Berührung und kunstmäßiges Streichen mit den Händen, Anhauchen u.dgl. sein, welche der Magnetiseur (einwirkende Person) zu der zu magnetisierenden Person, die immer schwächerer Constitution und wo möglich von verschiedenem Geschlechte und sehr gläubigem Gemüthe sein muss, ausübt. Die daraus entstehenden Erscheinungen selbst bestehen theils in verschiedenen körperlichen Empfindungen, theils in unterdrückter Thätigkeit der äußern Sinne, theils in Ohnmachten, Schlaf mit lebhaftem Träumen (magnet. Schlaf), in welchem die magnetisierte Person in höhere Sphären verzückt ist."

Diese Definition ist hier nicht nur so ausführlich zitiert, weil sie in das Labyrinth und das Personal von Per Olov Enquists Roman Der fünfte Winter des Magnetiseurs führt (1964; dt. erstmals 1966), sondern auch, weil sie sich heute liest wie eine aufnahmefähige und wallungswerte Metapher der Beeinflussungsstrategien der (neo)faschistischen Propaganda und der geheimen Verführer, der Massen-"Medien" und der Wahlkampagnen und der Managementschulung, ja des dubiosen Wunderteams um den wahlspanischen Skilangläufer Johann Mühlegg.

So paradox es klingt, Enquists früher Roman ist fast noch aktueller als Der Besuch des Leibarztes (1999; dt. 2001), obwohl oder weil er ein historischer Roman ist wie dieser, einer, der durchsichtig ist für ganz andere Zeitläufte: "Die Schilderung des folgenden Winters muss natürlich nicht gerade hier beginnen; es scheint nur immer ein Geschehen zu sein, das in bestimmter Weise abläuft und sich wiederholt. Dieses Wellental beginnt also im Spätsommer 1793 wieder in die Höhe zu steigen. Es hätte auch im Jahre 1932 eintreffen können."

In der deutschen Literatur hat das Phänomen des Magnetismus eine manifeste und eine metaphorische Tradition, die von Jean Paul (Der Komet) und E.T.A. Hoffmann (Der Magnetiseur) bis zu Thomas Mann (Mario und der Zauberer) und Peter Sloterdijk (Der Zauberbaum) reicht und auch etwa in Büchern von Helmut Krausser einige Echos gefunden hat. Aber Per Olof Enquist interessiert sich recht eigentlich weniger für den Magnetismus als für dessen "Rezeption". Die aufklärerische List seines Romans besteht darin, dass er in dem gleichen Maße, wie er auf eine Dämonisierung des Magnetiseurs verzichtet, diejenigen zur Rechenschaft zieht, die sich ihm andienen oder die seiner Magie mit nichts als plattem Rationalismus begegnen. Anders etwa als etwa Peter Sloterdijk, der im Mesmerismus, auf dessen "realen" Urheber Franz Anton Mesmer auch Enquist seinen Protagonisten zurückführt, eine frühe Stufe der Psychoanalyse annimmt, erforscht Enuist nicht die Geburt moderner Manipulationstechniken aus dem Geist des Magnetismus. Vielmehr studiert er auf seine Weise den autoritären Charakter, der einen Magnetiseur - oder einen ihm entsprechenden Staatsführer - erst ermöglicht.

Friedrich Meisner heißt Enquists Wunderheiler, der im Winter 1793 - den "fünften Winter" seiner Flucht vor Betrogenen, Gläubige(r)n und Hintergangenen - den bayrischen Ort namens Seefond in seinen Bann zieht, ehe über ihn schließlich auch dort Gericht gehalten wird. Nein, nicht eigentlich über ihn. Im letzten Kapitel tritt ein Arzt aus Seefond in einer Prozesspause ins Freie und resümiert den Fortschritt, der aus einem schmutzigen und ungepflegten Seefond ein zivilisiertes Gemeinwesen gemacht habe, das dennoch dem Magnetiseur keinen Widerstand entgegengesetzt habe: "Wenn wir ihm dort drinnen verfallen konnten, dachte ich, dann bedurften wir seiner, dann haben wir vergessen, etwas in unserer Stadt aufzubauen, in dieser unserer Stadt." Und wenn der letzte Satz des Romans lautet "Zu einem Urteil war es noch nicht gekommen", dann ist das nicht einfach die Frage an das Publikum, ob nicht auch es selber mitschuldig sei. Es steckt in diesem offenen Schluss auch die ratlose Jahrhundertfrage nach dem Zusammenhang von Zivilisation und Barbarei.

Claus Seliger, so heißt der besagte Prozessbeobachter, kann gar nicht ahnen, dass Enquist in ihm ein Exempel statuiert. In einem prosperierenden Seefond ist er einer von neun Ärzten, die auf der Höhe des medizinischen und pharmazeutischen Fortschritts ihrer Zeit erfolgreich, aber schlecht bezahlt ihren Dienst tun. Einmal, als seine Frau erkrankt, wird er rückfällig: "Ich versuchte zu Gott zu beten, gab das aber bald auf, da ich ja auch unter normalen Umständen weder an ihn glaubte noch zu ihm betete." Dann stellt sich das Ganze als eine Bagatelle heraus: "Weder Glaube noch Unglaube waren nötig gewesen." Schreiend hilflos ist Seliger dann aber gegenüber dem Leid seiner Tochter Maria, die, zehnjährig, von französischen Soldaten vergewaltigt worden und seitdem erblindet ist.

Helmut Heißenbüttel hat einst über Per Olof Enquist gesagt, dieser sei für ihn der einzige Schriftsteller, der die "Mischung aus Erzählformen und Report, Kommentar, Diskurs und Spekulation, Selbstbefragung, Selbstentblößung und Analyse" für eine literarische Großform einzusetzen verstehe. Es ist eine Beobachtung, die auf den Fünften Winter des Magnetiseurs exakt zutrifft. Bevor sich mit dem Auftreten von Friedrich Meisner für die Tochter des aufgeklärten Arztes eine unverhoffte Chance ergibt, hat Enquist das Spektrum zwischen personalem Erzählen und auktorialem Exkurs, den Wechsel von Außen- und Innensicht so nachhaltig installiert, dass der Leser nicht gefesselt, sondern gefordert wird. Enquist als Erzähler arbeitet nicht mit Suggestionen, sondern mit Argumenten.

Und so wird der Leser zu einem erkennenden Augenzeugen für das Opfer des Intellekts, das Claus Seliger bringt, als der Magnetiseur bei seiner Tochter erfolgreich ist. Es ist leicht durchschaubar, dass die Erblindung einen psychosomatischen Schock darstellt, der - verkürzt gesagt - eher mit "magnetischen" Zuwendungen als medizinischen Anwendungen aufzulösen ist. Aber jetzt ist Claus Seliger so "blind", dass er sich von Meisner sogar zum Assistenten machen lässt: Vor Dankbarkeit durchschaut er nicht, dass der Scharlatan in ihm einen potentiellen Kritiker neutralisiert und ideologisch instrumentalisiert: "Er erklärte, ich solle als wissenschaftlicher Kontrolleur bei schweren und schwer zu beurteilenden Fällen Dienst tun."

Enquist nun präzisiert seine Versuchsanordnung in Sachen Geist und Macht dadurch, dass er neben Seliger einen zweiten Arzt stellt, Arnold Steiner, einen Agnostiker, der sich konsequent mit dem Fortschritt identifiziert und jeglichem Magnetismus gegenüber konsequent skeptisch bleibt. So sehr Steiner recht hat, wenn er seinem Kollegen vorwirft, mit dem Engagement bei Meisner die Vernunft verraten zu haben, anderes als seine positivistische Wissenschaftsgläubigkeit führt er gegen den Irrationalismus auch nicht ins Feld. Und so stehen letztlich beide Positionen schlecht da, als Meisner seinerseits einer Betrügerin erliegt und sich eine grandiose Wunderheilung zugleich als Täuschung und Selbsttäuschung erweist.

Der Roman über den Magnetiseur ist nicht eine Parabel über einen Demagogen, sondern darüber, dass für jene Erscheinungen, die "theils in unterdrückter Thätigkeit der äußern Sinne, theils in Ohnmachten, Schlaf mit lebhaftem Träumen (magnet. Schlaf)" bestehen, wir selber verantwortlich sind, auch und gerade wir "gebildeten Stände". Ach, es ist ein Geschehen, das in bestimmter Weise abläuft und sich wiederholt, wie der Wunsch, es möge der fünfte Winter des Magnetiseurs der erste Winter sein, in dem die Arbeitsteilung zwischen Vernunft und Gefühl wieder rückgängig gemacht würde!

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