Der Friedhof in Prag von Umberto Eco, 2011, Hanser1.) - 2.)

Der Friedhof in Prag.
Roman von Umberto Eco (
2011, Hanser - Übertragung Burkhard Kroeber).
Besprechung von Bernhard Windisch in den Nürnberger Nachrichten vom 8.10.201:

Hass auf Frauen, Deutsche und Juden
„Der Friedhof in Prag“: Umberto Ecos neuer, ausschweifender Roman über das Böse

Nürnberg - „Der Name der Rose“ machte Umberto Eco weltweit bekannt. Der italienische Autor ließ seinem Bestseller über 20 Bücher nachfolgen, von denen keines auch nur annähernd eine solche Popularität und Auflage erreichte wie „Der Name der Rose“. Daran dürfte auch sein neuester Roman „Der Friedhof in Prag“ nichts ändern.

Worum geht es? Der vorgeblich ahnungslose Erzähler führt seinen Leser durch ein stinkendes Paris des Jahres 1897 zu einem Antiquitätenladen, der offenbar nur zum Schein geführt wurde. Im ersten Stock sitzt ein Mann an einem Schreibtisch. Erzähler und Leser blicken ihm über die Schulter. Der Mann, ein Hauptmann Simonini, hat sein Gedächtnis verloren (eine nicht besonders originelle Idee und ein ganz ähnlicher Ausgangspunkt wie bei Ecos letztem Roman „Die geheimnisvolle Flamme der Königin Loana“). Er versucht es offenbar schreibend wiederzuerlangen.
 

Bevor er sich aber über seine eigene Vergangenheit hermacht, holt er zum Rundumschlag aus: „Die Deutschen: die denkbar niedrigste Stufe der Menschheit. Der Deutsche lebt in einem Zustand permanenter Verdauungsbeschwerden wegen seines exzessiven Bierkonsums und jener Schweinewürste, mit denen er sich voll stopft.“ Die Deutschen aber interessieren den Hauptmann nur am Rande. Die Franzosen kommen nicht besser weg. Die Frauen, die hasst er einfach nur so nebenbei, während sein Hauptaugenmerk den Juden gilt, über die er kübelweise Unrat auskippt. Simonini ist ein Frauen-, ein Menschenfeind, vornehmlich aber ein Judenhasser. Seine Berufung besteht darin, gefälschte Dokumente herzustellen, die den Lauf der Geschichte in katastrophaler Weise verändern. Schon bei Garibaldi treibt er sein effektives Unwesen, dann in der achtundvierziger Revolution, bei der Pariser Kommune, und schließlich löst er den Fall Dreyfus mit einem erstunkenen und erlogenen „Borderau“ aus.

Erfundene Verschwörung

Sein Meisterstück ist das völlig aus der Luft gegriffene Protokoll eines Zusammentreffens jüdischer Verschwörer, das er als „Der Friedhof in Prag“ in die richtigen Hände lanciert. Simonini kommentiert seine eigene Arbeit: „O Gott, ein ganzes Volk auszurotten, zum Glück musste ich es nicht selber tun, aber meinen bescheidenen Beitrag leistete ich dazu.“

Was der Leser in die Hände bekommt, ist das vom plötzlich gar nicht mehr unwissenden Erzähler richtig gestellte und ergänzte Tagebuch eines – literarisch gesehen — sogenannten negativen Heldens. Wir haben uns inzwischen an solche gewöhnt. Spätestens mit Jonathan Littells „Die Wohlgesinnten“ dürfte der Leser gewarnt sein, vorschnell die sich fast zwangsläufig einstellenden Sympathien zu einer solchen Hauptperson aufkommen zu lassen. Dass Simonini bei Eco unter dem Schirm seiner Negativität die ganze antisemitische Kladde aufmachen darf, irritiert allerdings doch erheblich.

Abgesehen von der Spielerei mit drei Perspektiven (dem Tagebuchschreiber Simonini, dem Erzähler und einer weniger geglückten „romantischen“ Abspaltung Simoninis, die als Abbé mordet und gemordet wird) ist der Roman ganz im Stile des 19. Jahrhunderts gehalten. Ecos Vorbilder sind Alexandre Dumas d.Ä. und Eugene Sue. Eco macht es freilich besser als die Alten und ist auch viel gescheiter. Wie er die Verschwörungsszenarien durchdringt, beeindruckt genauso wie seine Kenntnisse der jeweiligen politischen Situation.

Wohl dem, der durchblickt!

Einen besonderen Reiz verleiht er seinem Roman, indem er Illustrationen aus dem 19. Jahrhundert dem Text beifügt, als wären sie dafür geschaffen worden, so dass der Leser niemals vergisst, dass es sich bloß um einen Roman handelt und nicht um Tatsachen, obgleich Eco behauptet, alle Figuren bis auf Simonini seien authentisch und hätten auch gesagt, was im Buch geschrieben steht. Trotzdem droht der Roman immer wieder zu zerfasern und sich im Gestrüpp seiner eigenen Handlung dann auch noch auf obskuren okkultistischen Nebenpfaden zu verlieren. Wohl dem, der da noch durchblickt! Eco selber hat das gespürt, er gibt Hilfen in Form von Handlungs-Tabellen.

Auf Seite 382 lässt der Autor eine seiner Figuren fragen: „Hat man jemals einen schönen Roman ohne Frauen (und also ohne Liebe) gesehen?“ Dämmerte es ihm? Denn leider trifft das auch auf „Der Friedhof in Prag“ zu. Die einzige Frau im Roman ist ein Medium, von dem es heißt: „Eine Mystikerin ist eine Hysterikerin, die ihrem Beichtvater begegnet ist, bevor sie ihren Arzt gefunden hat.“

Das Böse, um das es im ganzen Roman geht, ist bei Eco ausschließlich männlich und kommt in der Gestalt des zelebrierenden Gourmets Simonini ganz banal daher.

Die komplette Rezension von Bernhard Windisch mit Abb. finden Sie unter Nürnberger Nachrichten.

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Der Friedhof in Prag von Umberto Eco, 2011, Hanser2.)

Der Friedhof in Prag.
Roman von Umberto Eco (
2011, Hanser - Übertragung Burkhard Kroeber).
Besprechung von Simone Dattenberger im Münchner Merkur, 8.10.2011:

Neuerscheinung: Mörder, Spion, Feinschmecker
Schaurig schön-bös: An diesem Samstag kommt Umberto Ecos neuer Roman „Der Friedhof in Prag“ in den Handel

Die Lust am Schauer- und Abenteuerroman, die Lust am Wissen und Belehren: Diese beiden Passionen führt der italienische Schriftsteller und Zeichentheoretiker Umberto Eco (Jahrgang 1932) auch bei seinem neuen Roman „Der Friedhof in Prag“ zusammen. Dort landen wir in dem 519-Seiten-Buch übrigens nie wirklich. Aber was ist schon die Wirklichkeit? Dass ihr oder dem, was wir für sie halten, auf keinen Fall zu trauen ist, macht Eco von Anfang an klar: Ein Erzähler, der später explizit „der Erzähler“ genannt wird – da hört man den Semiotiker trapsen! –, geleitet uns im Frühling 1897 in eine räudige Sackgasse eines verrufenen Pariser Viertels, in einen Trödelladen, der keiner ist, zu einem Notar, der eigentlich Fälscher und Spion ist. Der schreibe gerade, merkt „der Erzähler“ an. Er baut seine Rahmenhandlung auf und reißt sie gleichzeitig ein nach dem Motto: Schaut her, das alles ist erfunden! Zugleich zieht sich Eco sprachlich und erzähltechnisch schnell und geschickt das Kostüm von Alexandre Dumas und Konsorten über. Man spürt förmlich das kindliche Vergnügen am Verkleiden, am intellektuellen Spiel mit dem Leser – dem er noch einiges an Verwirrung zumutet.

Nicht nur, dass sein Protagonist Simonini, der erwähnte Urkundenfälscher, ein Verbrecher und Widerling erster Güte ist, nicht nur, dass Eco ihn in seinen Tagebüchern ausführlich seine schmutzige Seele, seinen amoralischen Verstand und seine bösartigen Klischees ausbreiten lässt, er spaltet ihn obendrein auf. Der Italiener in Paris, den psychische Probleme zum Tagebuchschreiben – auf Anraten eines gewissen Dr. Froïde (!) – gezwungen haben, merkt plötzlich, dass es in einem Teil seiner verwinkelten Wohnung noch einen Abbé Della Piccola gibt. Sind sie nun zu zweit? Oder ein und dieselbe Person in verschiedenen Zuständen? Seltsam ist außerdem, dass sich der Geistliche, mit völlig anderer Schrift, in das Tagebuch einmischt. Noch seltsamer, als sich später herausstellt, dass Simonini diesen Della Piccola schon längst ermordet hat.

Grusel und Rätsel also allerorten. Aber Umberto Eco ist auch Wissenschaftler und Lehrer. Und er will uns nicht allein etwas von Text-Funktionen wie „Leser“ oder Rahmen- und Binnenerzählungen beibringen. Mit dem „Friedhof in Prag“ will er wie schon bei den früheren Romanen vom „Namen der Rose“ bis zur „Geheimnisvollen Flamme der Königin Loana“ Geschichte, ja Zeitgeist-Geschichte analysieren. So reißt er knapp den Judenhass des alten Simonini an, um dann zurückzugehen in dessen Kindheit in Turin. Dort wurde der mutterlose Bub, der nie mehr einen normalen, schon gar nicht sinnenfrohen Kontakt zu Frauen bekommen wird, zum Geschöpf seines verbohrten, antisemitischen, frömmlerischen Großvaters. Eco verwirbelt hier das Wahn-Gewaber der damals virulenten Verschwörungstheorien: Juden und/oder Freimaurer und/oder Jesuiten sind an allem schuld – und wahlweise miteinander verquickt und verfeindet. Obwohl Simonini selbst das „Schema der Allgemeinen Weltverschwörung“ dechiffriert, glaubt er an den blühenden Blödsinn. Und der ist im Prager Friedhof der Juden verankert, wo sich die Agenten der Weltverschwörung getroffen und ihr ruchloses Tun besprochen haben sollen. In seiner späteren „Karriere“ wird er das ausführlich mit „echten“ Dokumenten belegen.

Aus dem piemontesischen Jungfälscher wird schnell ein Spitzel und Agent provocateur der Staatsmacht, der ohne einen Hauch von Gewissensbissen andere verrät und ermordet. Als solcher begleitet er Garibaldis Feldzug auf Sizilien, der die Vereinigung Italiens einleitet. Dort als Spion „verbrannt“ wird er weitergereicht nach Frankreich, wo wir durch seine Hass- und Verachtungs-Brille die turbulenten Zeiten zwischen den Nachkommen von Napoleon, Krieg mit Preußen und Pariser Kommune erleben. Über allem liegt das unheilvolle Geflecht aus französischen, deutschen und russischen Geheimdiensten.

Eco arbeitet mit Hilfe des Abenteuerromans des 19. Jahrhunderts, der vollgestopft ist mit Dunkel- und Hintermännern, Bombenlegern, Angebern, Nebelwerfern und idealistischen Dummköpfen, so kenntnisreich wie brillant die politische Strategie der Desinformation heraus. Ihr Handwerkszeug ist die Intrige. Die führt der Wissenschaftler-Schriftsteller mit seinem didaktischen Furor allerdings in arg vielen Facetten etwas zu gründlich vor. Der Leser kapiert das durchaus schneller, als Eco glaubt. Dennoch bleibt der Roman fast immer spannend, denn die geschichtlichen Ereignisse sind glutvoll geschildert, die Polit-Strategien/-Lügen werden auch heute oftmals genauso eingesetzt, das Schaurige inklusive Okkultismus und Schwarzer Messe funktioniert wie geschmiert. Und der Humor kommt nicht zu kurz. Der liegt nicht zuletzt darin, dass der Roman-„Held“, der nur durch seine Lust am Essen einen Hauch von Sympathie gewinnt, über eine schöne Frau und seinen ersten und letzten Orgasmus in ein Trauma stolpert: Das zwingt ihn zu seinem Rechenschaftsbericht; und dass er am Schluss unbedingt selbst eine dieser neumodischen Bomben in der Pariser Metro deponieren will...

Umberto Eco kreist mit seinem Buch in der Maskerade des Schauerromans beeindruckend das menschenmordende Phänomen des Vorurteils ein. Es ehrt ihn, dass er nicht plump auf den Nationalsozialismus verweist – aber die Idee der „Endlösung“ lässt er deutlich anklingen.

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