Der Freund
und der Fremde.
Buch von Uwe
Timm (2005, Kiepenheuer & Witsch).
Besprechung von Simone
Dattenberger im Münchner
Merkur, 21.12.2005:
Politische
Wunde, menschliches Leid
Uwe Timms Nachdenken über Benno
Ohnesorg
",Der 39jährige für die Politische Polizei tätige Zivilbeamte Karl-Heinz Kurras hatte mit einem Schuß aus der Dienstwaffe, einer Walther Kal. 7,65, Ohnesorg aus etwa eineinhalb Metern Entfernung über dem rechten Ohr in den Hinterkopf geschossen und die Schädeldecke zerschmettert’", zitiert Uwe Timm "Die Jahre der Kommune I" von Ulrich Enzensberger.
",Blutunterlaufungen Oberarm links 16 x 7
cm, Mitte linker Oberarm 5 x 3 cm, linker Oberschenkel 4 cm, linke Gesäßbacke
starke Blutunterlaufungen am Darmbeinsporn, Unterarm rechts 9 cm’", nimmt
Timm die Akten beim Wort und fährt fort: "Auch am Kopf, an den Fingern -
elf Blutunterlaufungen verzeichnet der Obduktionsbericht."
Am 2. Juni 1967 wurde Benno Ohnesorg, ein Freund Uwe Timms, am Rande der
Anti-Schah-Demonstration in Berlin getötet. Der Polizist wurde freigesprochen.
In "Der Freund und der Fremde" rollt der Münchner Schriftsteller
(Jahrgang 1940) aber nicht einfach diesen Fall staatlichen Versagens und
menschlichen Leids nochmal dokumentarisch auf (kurz nach dem Tod scheiterten die
Versuche), er nutzt ihn vielmehr zu einem tiefen, intensiven Nachdenken. Es
mündete in ein herausragendes Buch: vielschichtig analysierend, aber ohne einen
Hauch von Besserwisserei; unterhaltsam, weil Menschliches und Geschichtliches,
Philosophisches und Erotisches mit künstlerischer Wahrhaftigkeit erzählt wird.
Timm setzt keine Gewissheiten vor, er lässt jeden teilhaben an seinen (Gewissens-)Erforschungen.
Die Strategie schiebt auch den Leser an, selbst weiter zu suchen.
"Glaube muß sich schenken, sagte er, wie der Zweifel auch. Glaube
ist nicht Besitz, sondern ist in der unüberwindlichen Ferne zu Gott die
Paradoxie." Uwe Timm über Benno Ohnesorg
Der Autor knüpft mit diesem Buch an die lebensgeschichtliche Historiografie
seines Werks "Am Beispiel meines Bruders" (der bei der SS war und im
Krieg fiel) an. Timm hat jedoch nie den neuerdings modischen
Betroffenheits-Blickwinkel namens "Ich bin der Nabel der Welt". Er hat
Welt. Deswegen weiten sich die Episoden um den Freund, den er zu Beginn der
60er-Jahre im Braunschweig-Kolleg kennen lernte, stets zu exemplarischer
Größe. In jener Institution machten beide ihr Abitur nach, begehrten als
Erwachsene heiß Wissen und Kunst - ganz anders als Schul-genervte Kinder. Mit
dem sensiblen, stillen, eigentlich apolitischen Freund Benno verband Uwe Timm
vor allem die Sehnsucht nach dem Schreiben.
Nach und nach entwickelt der Dichter aus seinem Bericht über die damalige Zeit,
über seine Faszination von Camus'
"Der Fremde" mit seiner Kälte, dem Unbeteiligtsein, der "indiffé´rence",
über literarische Gehversuche der Freunde die Wandlung eben dieser Zeit - und
seines Ichs. Am Tod von Benno Ohnesorg und am Fehlverhalten der Staatsorgane
zerbrach die "indiffé´rence" - aber auch an der Liebe zu einer Frau,
die Timm in München traf. Aus Camus' starrer Haut aus Absurdität und
Sinnlosigkeit schälte sich politische Haltung. Für Timm, Ohnesorg, für die
gesamte 68er-Bewegung, die es ohne den ungesühnten Totschlag an Ohnesorg wohl
nicht gegeben hätte. So politologisch gescheit wie menschlich weise ist dann
die Analyse des "Revolutions"-Verlaufs: Er ging hin zur "rigiden
Organisation in Zirkeln". Timm hält deren "Generallinie" den
Marx-Satz entgegen: "Die Theorie wird in einem Volke immer nur so weit
verwirklicht, als sie die Verwirklichung seiner Bedürfnisse ist."
Nachdem es für den Schriftsteller, der seinem Freund ein wunderschönes Denkmal
geschrieben hat, "indifférence" schon lange nicht mehr gab, suchte er
nicht nur nach der politischen Wunde; insbesondere suchte er nach den Menschen.
Da ist das Entsetzen der Frau, die neben dem Sterbenden kniete, da ist der Sohn,
der seinen Vater nie erlebt hat, aber leben muss mit einer "Ikone". Da
ist der Schmerz des Freundes Uwe Timm, der jetzt den unnennbaren Verlust
befragt: Es fehlt der Mensch Benno Ohnesorg - und das, was er hätte schreiben
können.
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.merkur-online.de]
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