Der fliegende Berg von Christoph Ransmayr, 2006, S. Fischer1.) - 3.)

Der fliegende Berg.
Roman von Christoph Ransmayr (2006, S. Fischer).
Besprechung von Christoph Schröder aus der Frankfurter Rundschau, 28.9.2006:

Der Berg der Erkenntnis
Christoph Ransmayr ist nach elf Jahren wieder da - mit einem waghalsigen Versepos über Sinnsuche im Himalaya

Wo verläuft die Kitschgrenze, in welchen sprachlichen Höhen? Wie weit trägt Gegenwartsliteratur nicht nur ungefiltertes, sondern durch die äußere Form sogar noch verstärktes Pathos? Im Falle des Österreichers Christoph Ransmayr lauten die Antworten: Ziemlich hoch oben und ziemlich weit. Elf Jahre hat Ransmayr sich nach Morbus Kitahara Zeit gelassen für einen neuen Roman; nicht Wenige haben darauf gewartet - ein zurückgezogen lebender Schriftsteller, den die Aura des geheimnisvollen Sehers umgibt, ausgestattet mit einer Gemeinde. Der fliegende Berg ist Versepos und Messe der Erhabenheit zugleich, mit allen Zutaten, die es dafür braucht: Liebe und Abenteuer, das Erschrecken angesichts der eigenen Machtlosigkeit und Kleinheit gegenüber den Gewalten der Natur; ein ungleiches Brüderpaar, verbunden in Anziehung, Abstoßung, Gegensätzlichkeit und Abhängigkeit.

Ransmayr erzählt im Flattersatz, im "fliegenden Satz", also in Zeilen von ungleicher Länge, die, wie er im Vorwort betont, keinesfalls mit einem Gedicht verwechselt werden dürften. Es braucht eine kleine Anlaufzeit, bis man sich an das ungewohnte Schriftbild und die dadurch klar vorstrukturierte Lektüre gewöhnt hat - bis man aufgegangen ist in einer durchrhythmisierten und bildhaften Sprache. Wer spätestens nach dem zweiten Kapitel noch nicht in den Roman (und um einen solchen handelt es sich zweifellos) hineingefunden hat, wird es hingegen schwer haben, durchzuhalten. Eine Frage des Willens auch. Wie das Bergsteigen.

Nichts ausgelassen

Zwei Brüder, Pad, der Ich-Erzähler, und Liam, machen sich auf nach Kham, ins östliche Tibet, in "kaum betretbares, verbotenes Land". Zwei Brüder, Söhne eines radikalen Kämpfers für die irische Unabhängigkeit, die wenig miteinander gemein haben; Pad ist zur See gefahren, bis er der Bitte seines Bruders, endlich nach Hause zu kommen ("Du musst aus dem Wasser"), gefolgt ist. Zuhause, das ist ein Haus auf den Klippen an der irischen Küste, abgeschieden, sturmumtost. Dort sitzt Liam, inmitten gläserner Wände, umgeben von Computern, auf deren Bildschirmen permanent Datenströme aus aller Welt verarbeitet und plastisch gemacht werden - Karten, Satellitenbilder, Wetterberichte.

Auf einem seiner nächtlichen Streifzüge durch das Netz macht Liam eine Entdeckung: "Das von der Tragfläche eines Flugzeugs/überschattete, ja überdachte Bild/zeigte eine von Hängegletschern, Verschneidungen/und Lawinenstrichen zerrissene Wandflucht - /die südlichen Abstürze eines Berges,/dessen Höhe ein chinesischer Bomberpilot/auf neuntausend Meter geschätzt hatte,/ein Berg höher als der Mount Everest!" Phu-Ri, der fliegende Berg, so nennen die tibetischen Nomaden diesen Mythos. Liam und Pad machen sich auf eine Reise, die Liam, der erfahrenere und routiniertere Bergsteiger von beiden, nicht überleben wird. Das erfährt man im ersten Kapitel, die Geschichte erzählt sich vom Ende her.

Christoph Ransmayr ist mit dem Bergsteiger Reinhold Messner befreundet, dennoch wäre es verfehlt, diese Brüdergeschichte als Schlüsselroman lesen zu wollen. Was Ransmayr vorführt, ist eine quasi-religiöse Obsession; das tief sitzende Verlangen, das tatsächlich Vermessbare und Vermessene auch zu erfahren, zu begehen, weil erst in der realen Konkretion von Karten, Datenströmen, Satellitenbildern ein Heilsversprechen oder gar Erlösung warten. Phu-Ri, der fliegende Berg (vor dessen bösen Geistern die Liam und Pad begleitenden Nomaden eindringlich warnen) ist Symbol einer zunächst archaisch anmutenden Weltanschauung, die dem naturwissenschaftlich grundierten Gedanken entgegensteht, alles, was existiere, sei fixierbar und damit unterwerfbar - ein Ransmayr'sches Grundmotiv: die stetige Verwandlung, die Unberechenbarkeit der Natur und die des Menschen in ihr.

So leicht angreifbar ist dieser Roman, weil er nichts auslässt, weil die Motivlandschaft bekannt ist und abgegriffen scheint, weil Ransmayr auf keine noch so nahe liegende Konstellation verzichtet, weil die spirituellen Erfahrungen seiner Figuren von verschwiemelter Esoterik zu keinem Zeitpunkt sonderlich weit entfernt sind, kurz: weil Der fliegende Berg bei allem Brimborium im Grunde genommen ein ziemlich simpel gestricktes Buch ist: Meer und Gebirge, Bruderliebe und Bruderhass, Tod und Wiederauferstehung aus aussichtslosen Situationen, Selbsterkenntnis und Läuterung, die sich im Augenblick äußerster Gefahr, in der Grenzerfahrung einstellen - alles schon einmal dagewesen, sogar im Ransmayr'schen Werk selbst.

Man sperrt sich zunächst dagegen - vergeblich allerdings, denn hier kommt die Literatur zu ihrem Recht. Christoph Ransmayr hat ein sprachlich furioses Buch verfasst, in dem er sehenden Auges stets auf die Peinlichkeit zusteuert und sie eben darum (zumeist) zu umgehen vermag. Je einsamer das Individuum, je dünner die Luft, die es atmet, umso höher die Sprach- und Reflexionskraft. Jenes Kapitel, in dem Pad auf der Suche nach seinem Bruder in eine Gletscherspalte stürzt, von einem Eisbalkon aufgefangen wird und nun hilf- und rettungslos dem Himmel entgegensieht, ist von verblüffender Kühnheit und wagt bewusst und mit großer Sicherheit eine kaum mehr übliche sprachliche Schönheit: "In der Oberwelt, in einer wolkenverhangenen,/lichtlosen Nacht, hatte es zu schneien begonnen,/es waren nur Flocken, die von dort oben/herabtanzten und taumelten in das offene,/verstummte Maul meiner Kluft,/Gestöber, das dichter und dichter wurde/und sich in der Windstille meiner Tiefe/zu einem ebenmäßigen Schleier besänftigte,/der mit einem zarten, melodischen Klingen /über die blanke Eiswand strich/und mir Proben zukommen ließ/von der Makellosigkeit jener kristallinen Tarnung,/unter der dort oben nun alle meine Spuren/verschwanden."

Liebe in der Höh'

Leicht nachzuvollziehen, dass ein solcher Höhenrausch, ein auf permanenter Höchstdrehzahl laufender Stil, überreizt wirkt, wenn man ihm noch zusätzliches Gewicht aufbürdet. Die Liebesgeschichte zwischen dem Ich-Erzähler und der Nomadin Nyema (einer so genannten Himmelsbraut, die ungestraft mit jedem Fremden schlafen darf, wie praktisch!) und vor allem die Beschreibungen der körperlichen Liebe sind von einer nur sehr schwer erträglichen klebrigen Süße, so dass man bei der Lektüre unwillkürlich das Gesicht verziehen muss; Stichworte: Haar, das herabfließt, "Aromen von Erde, von Yakwolle", tropfende Muttermilch. Nun ja. Glücklicherweise geht auch das vorbei. Oder auch nicht. Denn Der fliegende Berg mündet trotz Liams Tod gleich in einem doppelten Happy End - in der erfüllten Liebe Pads zu Nyema und, endlich, auch in der nun nicht mehr erfüllbaren zu seinem Bruder.

"Vielleicht", so reflektiert Pad schon vor Antritt der Reise, "ist jenes Bedürfnis/tatsächlich unstillbar,/das uns selbst in enzyklopädisch gesicherten Gebieten/nach dem Unbekannten, Unbetretenen,/von Spuren und Namen noch Unversehrten suchen lässt - /nach jenem makellos weißen Fleck,/in den wir dann ein Bild unserer Tagträume/einschreiben können. (...) Armeen von Eroberern und Entdeckern,/die sich im Zweifelsfall/lieber von den Fluchtlinien eines Traums/als von Messwerten leiten ließen."

In diesem zunehmend schmaler werdenden Grenzgebiet zwischen zivilisatorischer Erwartbarkeit und entfesselter Unberechenbarkeit, zwischen Traum und Messwert, Poesie und Empirie, Fantasie und Fakten bewegt sich Ransmayrs über weiteste Strecken virtuoser Roman, der hoch steigt, so hoch wie noch kein anderer dieses Autors, und nicht abstürzt. Die Kitschgrenze, sie liegt deutlich oberhalb des Gipfels des Phu-Ri.

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Der fliegende Berg von Christoph Ransmayr, 2006, S. Fischer2.)

Der fliegende Berg.
Roman von Christoph Ransmayr (2006, S. Fischer).
Besprechung von Ludger Lütkehaus in DIE ZEIT, 07.09.2006:

Dichten bei minus 30 Grad
Christoph Ransmayrs eindrucksvolles Roman-Epos aus der Todeszone des Himalaya.

Ich starb 6840 Meter über dem Meeresspiegel am vierten Mai im Jahr des Pferdes. Der Ort meines Todes lag am Fuß einer eisgepanzerten Felsnadel, in deren Windschatten ich die Nacht überlebt hatte. Die Lufttemperatur meiner Todesstunde betrug minus 30 Grad Celsius, und ich sah, wie die Feuchtigkeit meiner letzten Atemzüge kristallisierte und als Rauch in der Morgendämmerung zerstob.«

So würde man den Anfang von Christoph Ransmayrs Roman Der fliegende Berg schreiben, wenn es sich um die übliche Romanprosa handelte. Ransmayr schreibt so:

»Ich starb
6840 Meter über dem Meeresspiegel
am vierten Mai im Jahr des Pferdes.

Der Ort meines Todes
lag am Fuß einer eisgepanzerten Felsnadel,
in deren Windschatten ich die Nacht
überlebt hatte.

Die Lufttemperatur meiner Todesstunde
betrug minus 30 Grad Celsius,
und ich sah, wie die Feuchtigkeit
meiner letzten Atemzüge kristallisierte
und als Rauch in der Morgendämmerung
zerstob.«

Aus dem paradoxen Anfangssatz eines in der Todeszone des Transhimalaya angesiedelten Bergsteigerromans, der, wie öfter bei Ransmayr, »die Schrecken des Eises und der Finsternis« verheißt, wird ein Roman im Stil eines strophisch gegliederten Langzeilengedichtes, eines Epos oder einer Epopöe. Ich habe, Gott verzeih’ mir’s, manchmal an den Duktus von Klopstocks Messias gedacht. Ransmayr selbst spricht lieber mit gehörigem Understatement von seinem freien »Flattersatz« oder besser, mit Bezug auf den Titelberg, von seinem »fliegenden Satz«. Von einem Gedicht will er nichts wissen.

Die Erschwerung der Lektüre ist anfangs nicht unbeträchtlich. In der zeitgenössischen Romanliteratur handelt es sich um ein Unikum, ein risikoreiches formales Experiment. Gut möglich, dass sich etliche durch die Ankündigung eines Romans irregeleiteten Leser daran stoßen. Nicht alles wird man in versifizierter Form lesen wollen. »Ich verfügte über einen Eispickel und ein Paar Steigeisen«, das ginge auch in normaler Romanprosa. Doch dann gewöhnt man sich ohne Spannungsabstriche an den epischen Flattersatz. Und man gewöhnt sich nicht nur, sondern liest fasziniert die Poesie dieses Romans. Der Satz »Ich starb«, nach Wittgenstein und Derrida die »unmögliche Aussage« schlechthin, es sei denn, sein Sprecher spräche von der hohen Warte esoterischer Fortsetzungsromane des Lebens, wird zur unerhörten Anfangszeile des Epos vom Fliegenden Berg.

Freilich stellt sich der »unmögliche« Eingangssatz auch bald als falsch heraus. Nicht Pad, der Romanerzähler, den der drei Jahre ältere Bruder Liam nach einer Steinschlagverletzung mit den Bildern von Schmetterlingsschwärmen, von »Apollofaltern«, die es über die schneeverwehten Gletscher des Phur-Ri, des fliegenden Berges, herabschneit, ins Leben zurückholt, »zurückerzählt«, sondern Liam kommt in einer Eislawine um. Pad wird von einem Hirten gefunden und kann trotz der erlittenen Erfrierungen ins Lager des Khampa-Clans zurückgebracht werden. Hier hat Pad Nyema, seine Liebe, gefunden, die Witwe eines von den Chinesen umgebrachten Khampa.

Eine tödlich endende Bergsteigergeschichte, angesiedelt im chinesisch okkupierten östlichen Tibet, im Brennpunkt ein noch unerstiegener Berg. Darunter tut es Ransmayr, der Dichter notorisch »letzter Welten«, der Poet in extremis, nicht. Natürlich darf auch der Yeti nicht fehlen. Anklänge an die Nanga-Parbat-Geschichte Günther und Reinhold Messners (mit dem Ransmayr befreundet ist), auch an Joe Simpsons Bergthriller Sturz ins Leere sind hörbar. Aber Ransmayr ist nicht nur mit seinem epischen Flattersatz etwas ganz Eigenes geglückt.

Die Geschichte des Brüderpaars steht im Mittelpunkt. Auch wenn Ambivalenzen bis hin zum Todeswunsch spürbar werden, auf die Kainsgeschichte wird angespielt, geht es anders als in der Tradition der deutschen Literatur seit dem »Sturm und Drang«, die die Tragödien verfeindeter Brüderpaare favorisiert, um eine Bruderliebe, die Komponenten homoerotischer Liebe enthält. Der Roman spielt in mehreren Welten. Im wilden Südwesten Irlands wachsen die beiden unter der Männlichkeitserziehung ihres der IRA angehörenden Vaters »Captain Daddy« auf, der von der Mutter verlassen wird. Pad fährt zur See, Liam betreibt auf den Klippen von Horse Island eine strapaziöse Viehzucht. Die riskante Klippenkletterei wird zum Vorspiel der Expedition zum fliegenden Berg.

Die erste Begegnung mit ihm ist einem atemberaubenden Foto zu verdanken, das Liam in den geodätischen Computerprogrammen einer auf Erdsatelliten und Lasertechnik gestützten Landvermessung entdeckt: eine zweite Welt, deren Lichtspiele immer wieder durch den Roman flackern. Alles Krachlederne, Hüttenmäßige und Alpinheroische, das sonst die antimodernistische Bergprosa prägt, wird so von vornherein vermieden. Allerdings: Vermessungsprogramme sind auch nur vermessene Programme, Berge nur virtuell versetzbar. Selbst fliegende Berge sind eine ganz andere, widerständige Realität.

Ihre eigenen, unverwechselbaren Konturen hat vor allem die Welt der tibetischen Nomaden. Das Denken in den Kategorien von Gipfelzielen und den Wegen dahin, das noch bei einem so klugen und kritischen Autor wie Reinhold Messner die »Expeditionen zum Endpunkt« antreibt, liegt ihnen fern. Für sie gibt es keine noch unerstiegenen Gipfel. Berge sind vielmehr wie der titelgebende, unerachtet aller Schwere »fliegende Berge«, die sich zum Schutz der Täler, der Menschen, der Tiere für eine Zeit auf der Erde niedergelassen haben, aber immer schon von Göttern, Göttinnen und Dämonen bewohnt sind. Irgendwann einmal werden diese wieder davonfliegen: steingewordene Anti-Gravitation. Das sinnlich erfahrbare Bild von Bergen, die in der Tat über den Nebel- und Wolkenbänken fliegen, grundiert die mythologische Erzählung.

Von Nyema, der geliebten Tibeterin, knüpfen sich die Gebetsfahnen der Pässe und Gipfel bis zu den himmlischen Sinnbildern der Großen Göttin-Mutter Nyema, die mehr angerufen als bei ihrem Namen genannt wird. Hier gerät die Ästhetik des Romans ihrerseits in die Todeszone und in akute Absturzgefahr. Die Kitschgrenze liegt nahe, wird aber ebenso umschifft wie die Klippen der Esoterik und des Spiritualismus, denen man auf dieser Reise durch die Zeit begegnet – durch die Zeit, die war, und die Zeit, die wieder sein wird.

Aber Ransmayrs Fliegender Berg erinnert auch daran, dass gerade große Literatur öfters dort entsteht, wo die Kitschgrenze nur haarscharf vermieden wird. Im Übrigen ist der Realismus von »Scheißhimmelsgipfeln« und die Vergegenwärtigung einer »Bangigkeit«, die die Bergsteigerliteratur sonst als »Angst« missversteht, präzise genug, um sowohl den Abgründen der Alpinliteratur wie den Untiefen unerbetener Erleuchtung zu entgehen. Selten hat man die tödliche Schönheit der schwarzen Himmel, der astronomisch durchbuchstabierten Sternbilder mit ihren kosmischen Katastrophen über den Windfahnen fliegender Berge so suggestiv wie im epischen Flattersatz dieses Romans gesehen. Für eine extreme Welt findet Ransmayr eine so noch nicht gehörte Sprache, seinen Sprachgesang: eine Ausnahmeerscheinung in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Es lohnt sich, den Roman zweimal und dann laut zu lesen. Wer sich nicht durch seine Form befremden lässt, legt ihn erst nach dem versöhnlichen Epilog wieder aus der Hand, um unverzüglich zum Anfang, zum Tod, der für den Erzähler keiner war, zurückzukehren.

»Ich starb
6840 Meter über dem Meeresspiegel
am vierten Mai im Jahr des Pferdes.«

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Der fliegende Berg von Christoph Ransmayr, 2006, S. Fischer3.)

Der fliegende Berg.
Roman von Christoph Ransmayr (2006, S. Fischer).
Besprechung von Alexander Altmann aus den Nürnberger Nachrichten vom 15.12.2006:

Schrecken im Eis
„Der fliegende Berg“ von Christoph Ransmayr

Er war schon immer ein Spezialist für Männer, die aufs Ganze gehen: An die Grenze und über sie hinaus drängte es die Helden von Christoph Ransmayrs Romanen „Die letzte Welt“ oder „Morbus Kitahara“. Und von einer Grenzerfahrung handelt auch „Der fliegende Berg“, das jüngste Werk des österreichischen Bestsellerautors mit Wohnsitz Irland.

Über zehn Jahre mussten die Ransmayr-Fans auf dieses Buch warten, das uns wieder mal in die „Schrecken des Eises und der Finsternis“ führt. Es erzählt von zwei irischen Brüdern, die beschließen, einen Berg zu besteigen, den es laut satellitengestützter Kartographie gar nicht gibt: Jenen mythischen „fliegenden Berg“ im Lande Kham in Osttibet.

Also verlassen sie die Insel vor der irischen Atlantikküste, wohin Liam, einer der beiden Brüder, sich als Schafzüchter und Hobbyastronom zurückgezogen hat, und ziehen los, einen der letzten weißen Flecken der Landkarte zu betreten. Ob sie den Gipfel des rätselhaften Sehnsuchtsberges wirklich erreicht haben, bleibt unsicher, sicher ist aber, dass Liam beim Abstieg ums Leben kommt. Trotzdem macht sich der überlebende Bruder den irrationalen Vorwurf, Liam getötet zu haben . . .

Die Vermutung liegt nahe, dass Ransmayr durch seinen Freund Reinhold Messner, der ebenfalls einen Bruder im Himalaya verlor, zu dieser Geschichte inspiriert wurde. Auf jeden Fall ist dem Autor mit diesem wuchtigen Bergsteigerepos eine faszinierende Großmetapher für das menschliche Absolutheitsstreben gelungen - und für dessen „Verstiegenheit“ im Wortsinne. Denn nichts ist besser geeignet, diese Sehnsucht nach dem Unbedingten darzustellen, als der süchtigmachende Sog von Ransmayrs Sprache.

Mit ihrer abgründigen Suggestionskraft wirkt sie wie eine schwindelerregende Gratwanderung zwischen dichterischem Höhenflug und raffinierter Taschenspielerei. Die unangeseilte Prosa, mit der er die Eis- und Schneehölle der Achttausender beschreibt, ist ein funkelnder Wirbel aus lyrischen Bildern. Keine Frage, Ransmayr hat so etwas wie einen homerischen Heldengesang der Extrembergsteigerei geschaffen, in dem der Leser lustvoll abstürzen kann, um in einem sicher geknüpften Netz aus Motivsträngen aufgefangen zu werden.

Einmal mehr bringt der Autor hier das Kunststück fertig, das den Reiz und die Wirkung seiner Romane bedingt: Durch Erzählgesten von elementarer Eindringlichkeit verschmilzt er die bürgerliche Gattung des Romans mit der pulsierenden Wucht des archaischen Gesanges. Einziger Wermutstropfen dabei: Der Text ist absichtlich im so genannten Flattersatz gedruckt und sieht daher aus wie ein endloses Gedicht.

Das ist störend, denn es hemmt nur den melodischen Fluss und damit die Wirkung von Ransmayrs betörender Prosa.

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