Der Flambeur.
Roman von Erwin Koch (2005, Nagel & Kimche).
Besprechung von Sibylle Birrer in Neue Züricher Zeitung vom 26.4.2004:

Verkanntes Seifenwunder
Erwin Kochs Roman «Der Flambeur»

Manchmal schreibt das Leben tatsächlich verquere Geschichten: Da sitzt ein Mensch irgendwo in der Schweizer Provinz und erfindet ein seifiges Wundermittel, mit dem sich ölverschmutztes Wasser in Trinkwasser verwandeln lässt. Doch niemand scheint sich, Ölkatastrophen zum Trotz, für die Rettermixtur zu interessieren - also harrt der Mann in seiner guten Stube weiterhin der Entdeckung. Werner Kroh heisst der Erfinder in Realität und ist im bernischen Enggistein zu Hause. Ausfindig gemacht hat ihn der Journalist Erwin Koch, seines Zeichens mehrfach preisgekrönter Reportagenschreiber. 2002 erschien Kochs Erfinder-Porträt im «Magazin» des «Tages-Anzeigers» - nun lässt er die Tragik des Verkannten in Romanform noch einmal aufleben.

«Der Flambeur» nennt Erwin Koch das Buch, mit dem er sich zum zweiten Mal als Schriftsteller der Leserschaft präsentiert und abermals einen Recherche-Stoff einer literarischen Umarbeitung unterzieht. Doch während Koch in «Sara tanzt» (2003), einer subtil erzählten Opfer-Täter-Geschichte in Zeiten einer Militärdiktatur, die imaginative Durchdringung des Stoffes auf eindrückliche Weise glückte, will die Figur des «Flambeurs» keine glaubwürdige Plastizität entfalten.

Mittelmass

Siegfried Kuhn heisst der unscheinbare, aber polyvalente spätere Erfinder im Roman. Er wird zu Kriegszeiten in Süddeutschland geboren. In ärmlichen Verhältnissen wächst er auf, der Vater ist ein psychisch versehrter Kriegsheimkehrer, die Mutter verkauft ihren Körper gegen Mettwurst-Rationen an den Nachbarn. Siegfried fliegt von der Klosterschule, schafft mit Ach und Krach eine Lehre als Koch - alles an ihm ist Mittelmass, mit Ausnahme seiner körperlichen Erscheinung: Eins neunzig ist er gross, dünn «wie ein Spargel», bestückt mit «Ohren wie Flossen».

Mit einer Anstellung als Hilfskoch in der Schweiz findet Siegfried auch seine zukünftige Frau, er wird Vater, führt ein Restaurant und feiert unverhofft Erfolge, indem er kreuz und quer alles flambiert, was ihm in die Finger kommt. Aber eine Salmonelleninfektion unter seinen Gästen bringt auch dieses Glück wieder zu Fall. Siegfried wird Handelsreisender in Sachen Seife, wird Tüftler, Experimentator, Erfinder. Beim 103. Versuch im eigenen Badezimmer gelingt es: Das Wundermittel zur Neutralisation von Öl in Wasser ist gefunden - doch die Frau, die Tochter und die Arbeitsstelle sind ob der neuen Besessenheit bald verloren. Einsam, doch vernarrt in Seife und seine Erfindung, beschliesst Kuhn, der eigenen Entdeckung mit einem inszenierten Ölunfall auf die Sprünge zu helfen. Dass dies nur schiefgehen kann, versteht sich von selber.

Genau um diesen Angelpunkt herum - das vergebliche Warten auf den Durchbruch und die Entdeckung des eigenen Unglücks - hat Erwin Koch seinen Roman angelegt: Das Warten seines Protagonisten gibt ihm Anlass, dessen Leben mit seinen kleinen und grossen Schicksalsschlägen Revue passieren zu lassen.

Zwar glücken Erwin Koch, vor allem bei der Ausgestaltung von Siegfried Kuhns Kindheit, atmosphärisch dichte, in sich dramaturgisch überzeugende Erzählmomente. Aber je mehr Aufwand Koch betreibt, um seine Figur in ihrer latenten Tragik einzukreisen, umso weniger gelingen Stringenz und Plastizität. Zu heterogen sind Kuhns stets kulminierende Lebenssituationen, und jede Station ist zu sehr ihrer eigenen Dramatik verpflichtet, als dass sich in ihrer Abfolge noch zusätzliche Spannung - Spannung auf das arrangierte Finale hin - entwickeln könnte.

Aus der Trickkiste

Grosszügig greift denn auch der Autor in die literarische Trickkiste, zeichnet hartnäckig Motive aus, die er fast nach Taktfahrplan zum Einsatz bringt - aber in ihrer Redundanz nach und nach zur reinen Manier aushöhlt. Schleierhaft bleiben auch Sinn und Zweck der stets unvermittelten Perspektivenwechsel, mit denen Erwin Koch seine Leser von der monologischen Innenperspektive Kuhns in die Aussensicht katapultiert.

So dramatisch Erwin Koch auch reale und imaginierte Lebensmomente seines Protagonisten auf ein tragisches Ende hin arrangiert, so wenig gelingt es ihm, den Leser in diesen Entwicklungsgang zu involvieren. Es bleibt allenfalls das Staunen darüber, welch verquere Geschichten das Leben in der Realität schreiben kann. Aber von der Literatur erwartet man eben doch ein bisschen mehr - und sei's auch nur die Verführung zum Mitgefühl mit einer Person, die man, still lesend, in ihrem Scheitern über 180 Seiten hinweg begleitet.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter nzzonline.jpg (1303 Byte)]

Leseprobe I Buchbestellung 0505 LYRIKwelt © NZZ