Der fernste Ort von Daniel Kehlmann, 2001, Suhrkamp1.) - 2.)

Der fernste Ort.
Roman von Daniel Kehlmann (2001, Suhrkamp)
Besprechung von W.P. aus Profil, Wien:

Totentanz

Ein Buchtitel, der gleichsam in eine ferne, magiedurchwirkte Literaturlandschaft weist. Eine Erzählung, in der die Sätze und Wörter sitzen, nur ab und an ins Wolkige und Vage driften. Es ist eine kleine Geschichte aus einem kleinen Leben, in dem das große, unsagbare Unglück wohnt, die der 26-jährige Schriftsteller Daniel Kehlmann ("Beerholms Vorstellung") in seinem jüngsten Roman "Der fernste Ort" erzählt.

Kehlmann macht aus diesem kleinen Leben mit sicherer, ab und zu vielleicht mit zu routinierter Hand eine große, lesenswerte Geschichte. In "Der fernste Ort" verzweifelt der täppische Julian nicht so sehr an einer spinnerten Umwelt wie die eskapistischen Protagonisten in den Büchern von Markus Werner ("Zündels Abgang") oder Alfred Andersch ("Die Rote"); Julian, gleichermaßen kurzsichtig wie gefühlstaub, zu Hause in einer "geometrisch umgefalteten Welt", plant seinen Abgang vielmehr völlig unspektakulär.

Wie Kehlmann diesen gespenstischen Totentanz kunstvoll erzählt, gehört schlicht in die Kategorie Pflichtlektüre.

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Der fernste Ort von Daniel Kehlmann, 2001, Suhrkamp2.)

Der fernste Ort.
Roman von Daniel Kehlmann (2001, Suhrkamp)
Besprechung von Susanna Engelmann aus Rezensionen-online *LuK*:

Die Spiegelungen des Poeta doctus
Daniel Kehlmanns "Der fernste Ort"

Nichts Geringeres als die großen philosophischen Fragen von Raum und Zeit hat Daniel Kehlmann auf seine poetischen Fahnen geschrieben. Zwei Bücher sind daraus entstanden, "Mahlers Zeit" und "Der fernste Ort", erschienen im Abstand von zwei Jahren unter dem Hoheitszeichen keines geringeren als des Hauses Suhrkamp. Der junge Autor - er zählt noch keine dreißig - scheint den Umgang mit großen Themen und großen Denkern nicht im geringsten zu scheuen. Die philosophische Dissertation, die er gerade in Arbeit hat, gilt, so ist zu lesen, dem Begriff des Erhabenen bei Kant.

Auch die beiden jungen Helden dieser beiden Bücher dissertieren. Für David Mahler, das an Übergewicht mit Herzschwäche leidende Zahlengenie in "Mahlers Zeit", ist die innerhalb weniger Wochen niedergeschriebene und mit Auszeichnung bestandene Dissertation der Auftakt zu einer vielversprechenden Universitätskarriere in Theoretischer Physik, doch diese endet, kaum daß sie begonnen hat, denn wenige Augenblicke, bevor der junge Physik-Assistent jene revolutionären Formen präsentieren kann, mit denen er das eherne Gesetz der gerichteten Zeit ins Wanken bringen will, ereilt ihn ein tödlicher Herzinfarkt. Anders Julian, der nachnamenlose Jungdoktor in "Der fernste Ort". Ohne eigentliche Begabungen und Interessen ist er durch die Schule hindurch- und ins Studium hineingestolpert. Ein zum Teil frei phantasiertes Referat an der Universität trägt ihm eine Promotionsstelle ein. Seine Monographie über einen (fiktiven) niederländischen Barockphilosophen und -mathematiker namens Vetering kommt nur langsam voran, um am Ende von den Fachzeitschriften um so schneller verrissen zu werden.

Bei allem Anderssein - sie ähneln einander sehr, die beiden Geschichten, vielleicht zu sehr. Beide Male geht es Kehlmann um die Frage nach der Ordnung der Welt und der Freiheit, die sie dem Einzelnen läßt. Beide Male erkiest er zu seinen Helden junge Doktoren, die sich im Grenzbereich zwischen mathematischem respektive physikalischem Denken und philosophischer Erkenntnis bewegen, ebenda nach Auswegen aus den Zwängen der Welt suchen und sich am Ende irgendwo zwischen Wahn und Wirklichkeit verlieren. Beiden Helden eignet neben einer ausgeprägten Sehschwäche eine ausgeprägte emotionale Blässe, die sich vor allem in der halbherzigen Beziehung eines jeden zu je einer jungen Frau aus dem universitären Umfeld manifestiert. Und selbst diese Frauen ähneln einander.

Bevor David Mahler des Nachts im Traum entdeckt, wie sich das Gesetz von der gerichteten Zeit widerlegen läßt, blickt er in eine Fensterscheibe. "Er drehte sich um", heißt es im ersten Kapitel von "Mahlers Zeit", "im Bett lag jemand, gleichmäßig atmend, mit geschlossenen Augen, der ihm bekannt vorkam. Er kam ihm sogar sehr bekannt vor. Er war es selbst." Und wie David hat auch Julian an prominenter Stelle eine trügerische Selbstbegegnung. Diesmal ist es - ein überstrapaziertes Motiv in "Der fernste Ort" - der Blick in den Spiegel: "Im Flur erschrak er von neuem über den Mann im Spiegel. Ein Fremder, deutlich jünger als er (…). Julian (…) sah ihn die Tür öffnen und hinausgehen, und dann war er allein und starrte dorthin und begriff nur allmählich, daß er selbst es gewesen sein mußte, der gegangen war, er selbst."

Gewisse Ähnlichkeiten der Figuren und Situationen mögen durchaus legitim, vielleicht sogar gewollt sein. Und doch drängt sich beim Lesen der Eindruck auf, der Autor sei eher auf die Entfaltung seiner Raum-Zeit-Theorien und seiner dramaturgischen Möglichkeiten bedacht gewesen als auf die Entwicklung seiner Figuren. Zu abstrakt wirken diese, zu blaß und gelegentlich auch zu gleichförmig, als daß sie einen wirklich berühren oder gar über die Lektüre hinaus begleiten würden.

Dabei hat es sich Kehlmann gerade in "Der fernste Ort" nicht leicht gemacht mit dem Entwurf einer so durch und durch mediokren Hauptfigur wie der des Julian. Der hat es seinerseits schwer, mit den zerstrittenen Eltern und dem begabteren Bruder, mit den Schulkameraden und den Kollegen, mit den Vorgesetzten und den Frauen. Schwer tut sich schließlich der Leser mit ihm, denn der spröde Held, der mindestens ebenso fischblütig, dafür aber weit weniger liebenswürdig ist als der kauzig-geniale David Mahler, treibt so energie-, humor- und orientierungslos durchs Leben, daß man ihm weder sein Faible für den exzentrischen Denker Vetering noch seinen radikalen Aufbruch zur "Ultima Thule", dem mythischen "fernsten Ort", recht glauben mag.

Mit eben diesem Aufbruch beginnt das Buch. Der Aufbruch indes beginnt mit einem Badeunfall. Nachdem Julian seine Universitätsstelle verloren hat, ist er durch die Vermittlung seines tüchtigen Bruders Paul bei einer Versicherungsfirma untergekommen. Deren Chef nimmt ihn eines Tages mit zu einer Tagung nach Italien. Dort soll Julian einen kurzen Fachvortrag zur Rolle der elektronischen Medien in der Risikokalkulation halten. Doch statt sich auf diesen Vortrag vorzubereiten, geht er in einem nahegelegenen See, vor dessen Strömungen man ihn gewarnt hat, schwimmen. Prompt gerät er in einen Sog - und ertrinkt. Ob tatsächlich oder nur beinahe, das bleibt offen. Ebenso offen bleibt demzufolge, ob das, was sich dann ereignet - das Erreichen des Ufers, die unbemerkte Rückkehr ins Hotel, die Entscheidung, den eigenen Tod vorzutäuschen und zu neuem Leben aufzubrechen -, ob sich all das wirklich zuträgt oder ob es in jenem von Vetering behaupteten Sinne geschieht, wonach "ein Sterbender noch tagelang durch die allmählich unwirklicher werdende Welt seiner Einbildungen irren könne".

So oder so, Julian ist ein Sterbender. Anders als David Mahler hat er nie dafür gekämpft, "daß die fesselnde Kraft der Schwere keine Gewalt habe über den Geist eines freien Menschen". Und so, wie er sich zeit seines Lebens hat treiben lassen, läßt er sich auch am Ende treiben, mutterseelenallein irgendwo in einem sehr fernen Osten inmitten eines dichten Schneetreibens, während das Leben noch einmal wie in einem Zeitraffer an ihm vorüberzieht. Auch die Kehlmannschen Leitmotive finden sich noch einmal in bedeutungsschwerer Häufung versammelt: die Brille, der Spiegel, der Zug, die Schienen und der Schnee. Und dann mündet alle Düsternis in lichtes Wissen. Julian blickt unbebrillt gen Himmel. Unzählige Schneeflocken fallen herab - "das Weiß schien makellos" -, und dann läßt der Autor seinen Protagonisten ein erstes Mal lächeln und ein letztes Mal sprechen, letzte Worte, die (leider) ein (lautes) Wortspiel sind: "Ich weiß."

Kehlmanns außerordentliches sprachliches und stilistisches Können steht außer Frage. Davon zeugen die beklemmende Eindringlichkeit, mit der er im ersten Kapitel den Vorgang des Ertrinkens schildert; der souveräne Umgang mit den erzählerischen Mitteln der Spannungssteigerung; die genaue Wahrnehmung des Alltäglichen und Nebensächlichen; die Souveränität, mit der er Vergangenes und Gegenwärtiges verknüpft, Reales und Surreales in der Schwebe hält. Störend ist, wie schon in "Mahlers Zeit", die Pose des Poeta doctus, der weiß, was er weiß. Und dies auch zeigt. (Leider nicht beim Schlüsselbegriff der "Ultima Thule", der stets nur schlagwortartig auftaucht, aber nirgends vertieft wird.) Eher hinderlich als stützend wirkt auch das allzu dicht geknüpfte Metaphern- und Motivnetz, in dem alles sich in allem zu spiegeln scheint und dadurch ein wenig beliebig wird. Überhaupt, die vielen Spiegel im Text. Abhängen! Vielleicht wirken die Protagonisten ja auch deshalb so eigentümlich gesichtslos auf den Leser, weil sie sich fortwährend in irgendwelchen Fensterscheiben und Wandspiegeln reflektieren anstatt dem Leser ihr Gesicht einmal unmittelbar zuzuwenden.

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