Der ferne Klang von Gert Jonke, 2002, Verlag Jung & JungDer ferne Klang.
Roman von Gert Jonke (2002, Jung und Jung).
Besprechung von Cornelia Staudacher aus der Frankfurter Rundschau, 16.1.2003:

Behördenkonfetti
Wiederbegegnung, Neuentdeckung: Gerd Jonkes "Der Ferne Klang"

Die Geschichte des jungen Komponisten, der eines Morgens in einem Krankenhauszimmer erwacht, wo ihm zu verstehen gegeben wird, er habe sich am Abend zuvor mit einer Überdosis Schlaftabletten das Leben nehmen wollen; der, weil er sich in eine Krankenhausmitarbeiterin verliebt hat, die nicht mehr auffindbar ist, aus dem Spital flieht und eine seltsame, mit vielerlei Überraschungen und Imponderabilien versehene Odyssee durch Stadt und Land erlebt, ist vieles in einem: eine Satire jener kleinbürgerlichen, in Konventionen erstarrten, verwalteten Welt und eine ins Absurde zugespitzte Parodie der Ämter- und Behördensprache, ein Künstlerroman in der Tradition der romantischen Künstlernovellen eines Novalis oder E. T. A. Hoffmann und die dichterische Paraphrase eines utopischen Weltuntergangsszenarios, dessen furioser Schluss dem opulenten Finale einer Mahler-Symphonie vergleichbar ist. Denn Gert Jonkes Roman ist vor allem ein sprachliches Gesamtkunstwerk. 1946 in Klagenfurt als Sohn einer Pianistin und eines Instrumentenbauers geboren, ist Gert Jonke ein Wort-Ton-Setzer. Er liefert sich der sinnlichen-vitalen Aura der Sprache aus, wie sich der Komponist den Gesetzen der Musik unterordnet. Die aus dieser manischen Sprachergebenheit entstehenden Textgebilde üben, Fugen vergleichbar, einen Sog auf den Leser aus. Wie die sich über mehrere Seiten erstreckende Passage über eine von den Kleinhäuslern lange bekämpfte Flussregulierung durch den Magistrat der Stadt, bis der "gesetzwidrig fließende Fluss, den keiner mehr haben wollte, allen im Weg war". Das sinnstiftende, parodistische Element stellt sich wie von selbst nebenbei mit ein.

Der Ferne Klang ist der mittlere Teil einer Trilogie, deren erster Band bezeichnenderweise Die Schule der Geläufigkeit heißt, wie der Titel des von Carl Czerny herausgegebenen Klassikers unter den Klavierschulen. Er schildert eine Reise ins eigene Ich, das allerdings als "Du", später sogar als "Sie" angeredet und erlebt wird und seine eigene Seins- und Weltverlorenheit mit artistischer Freude in immer neuen Episoden zelebriert: Es irrt auf der Suche nach der jungen Frau durch die Gassen der Stadt. Im Bahnhofscafé trifft es auf eine Gruppe von Redakteuren, die sich an ihren eigenen Artikeln ergötzen. Im Zug schließt es sich einer wandernden Schauspielertruppe an, die ort- und zeitlos zu leben scheinen. Die Grenzlinien zwischen Vorstellungskraft und Wirklichkeit werden sukzessive überschritten, die Trennung von Subjekt und Objekt, von Ich und Welt unterwandert. Das alles ist so vertrackt tragisch wie schwerelos, spontan und spielerisch, bis hin zum orgiastisch-opernhaften Finale, einem aberwitzigen Stadtfest: In einem endlosen Konfettiregen aus weißen Papierschnipseln, hergestellt aus allen vorhandenen Behördenakten, Dokumenten und Schularbeitsheften, der sich aus allen Fenstern und Ämterstuben auf die Stadt ergießt, wird der Beginn der Ferien- und Urlaubszeit gefeiert, ein "Wintermärchen im Hochsommertagtraum". Eine Wiederbegegnung für die älteren, die Neuentdeckung eines Klassikers für die jüngeren Leser. Gert Jonkes bereits 1979 erschienener Roman Der Ferne Klang ist heute so brisant in seinem Anspielungsreichtum wie damals.

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