Der ferne Garten von Hwang Sok-Yong, 2005, dtv1.) - 2.)

Die Geschichte des Herrn Han.
Buch von Hwang Sok-yong (2005, dtv - Übertragung Oh Dong-sik, Kang Seung-hee und Torsten Zaiak).
Besprechung von Dorothea Dieckmann aus Die Zeit,13.10.2005:

Der gefrorene Fluss
Zwei Romane des ehemals inhaftierten südkoreanischen Autors Hwang Sok-Yong vergegenwärtigen die traumatische Geschichte des Landes

Ende der sechziger Jahre zieht in einer südkoreanischen Provinzstadt ein heruntergekommener Alter in ein Mietshaus. Er arbeitet als Leichenwäscher, er trinkt: »Sein Gesicht ließ die Spuren einer Hautkrankheit erkennen… Sein leerer Blick und die heruntergezogenen Mundwinkel ließen auf einen schwermütigen Charakter schließen.« Ende der neunziger Jahre steht in der Hauptstadt Seoul ein ausgezehrter Mann auf der Kreuzung vor der Universität. Er torkelt wie ein Betrunkener, steht im Weg, rempelt Studenten an: »Mir war schwindlig, ich schwitzte… Fast hatte ich das Gefühl, die vorbeifahrenden Busse und Lkws würden sich auf mich stürzen. Ich hielt mich an einem Baum fest. Vor Übelkeit spuckte ich aus.«

Das sind die Helden von Hwang Sok-Yong: unwürdige Greise, denen man eher ausweicht, als ihnen den Respekt zu bezeugen, den die konfuzianische Tradition fordert. Ihre gebrochenen Körper, ihr ausgebranntes Gesicht, ihre autistischen Bewegungen zeugen davon, dass die koreanische Geschichte mehr ist als eine böse Erinnerung. Dabei könnte der eine ein Sohn des anderen sein. Der Arzt Han Yongdok, von dem Die Geschichte des Herrn Han erzählt, überlebt 1950 im kriegszerstörten Pjöngjang ein kommunistisches Exekutionskommando und landet nach seiner Flucht in den Süden in den Fängen der Geheimpolizei, die ihn als »nordkoreanischen Spion« foltert. Oh Hyunnuh, der Protagonist des Romans Der ferne Garten, gehört zur Generation der heute 50-Jährigen. Kurz nach dem Aufstand in Gwangju gegen die von den USA installierte Militärdiktatur verschwindet er 1980 im Gefängnis, aus dem er erst 1998 mit Beginn der Amtszeit von Kim Dae Jung freikommt.

Ihr Schöpfer Hwang, 62, gehört zur Generation dazwischen. 1964 wurde er bei Studentenprotesten zum ersten Mal verhaftet, 1966 für drei Jahre zum Militäreinsatz gegen Nordvietnam gezwungen, beim Gwangju-Aufstand zum Rückzug auf eine Insel. Ein kulturoffizieller Besuch Nordkoreas brachte ihn, nach Aufenthalten in New York und Berlin, ins Gefängnis, aus dem nach fünf Jahren auch ihn die »Sonnenschein«-Politik erlöste. Wie schreibt man über die unbeschreiblichen Leiden und Verbrechen, die ganze Generationen zu Opfern und Tätern, oft zu beidem auf einmal machten? Wie über die Last, die die Überlebenden in einem zunehmend industrialisierten, amerikanisierten, individualistischen und hedonistischen Wachstumsland herumschleppen? Fragen an zwei Bücher, zwei Dekaden, ja zwei Schriftsteller – den Hwang von 1972 und jenen von 2000.

Den Roman über Herrn Han, in dem er die Geschichte seines Onkels als exemplarisches Schicksal im Stellvertreterkrieg um das gerade eben dekolonialisierte Heimatland verarbeitet, schrieb Hwang Sok-Yong als 30-Jähriger unter Zensurbedingungen: »Wir haben geschrieben, wie man Billard spielt, unsere Metaphern haben wir über drei Bande laufen lassen.« So erscheint der misshandelte Han im Besucherraum des Gefängnisses wie einer dieser »kleinen Fische, durch deren durchsichtige Haut man die Eingeweide sehen kann, dünn, farblos, zerbrechlich.« Und dass der Krieg im geteilten Land nach 1953 weitergeht, und zwar nicht nur im Norden, liest sich so: »In Wahrheit war es eher so wie bei einem Fluss, der plötzlich an der Oberfläche gefriert. Die politischen Querelen ebenso wie die Hoffnungen der Menschen überwinterten einfach unter dem Eis und warteten auf eine neue Jahreszeit.« Kann man den Inhalt der verharmlosenden Metapher vom Kalten Krieg schneidender, klirrender zum Ausdruck bringen?

Ausdrucksfreiheit – nicht allein Meinungs- und Gedankenfreiheit – mussten sich laut Hwang die koreanischen Schriftsteller mühsam erkämpfen. Was das heißt, zeigt ein flüchtiger Blick auf die Geschichte. Das Land, an dem nach 1945 Russen, Amerikaner und Chinesen zerrten wie an einem Beutetier, Millionen Tote hinterlassend, war unter japanischer Herrschaft seiner nationalen Identität und Sprache beraubt worden; Koreanern wurden japanische Namen aufgezwungen, Zeitungen in ihrer Sprache durften nicht erscheinen. Die Zustände nach dem Krieg – bis heute nicht mehr als ein Waffenstillstand unter dem Oberkommando der USA – ließen keinen großen Spielraum für ästhetische Selbstbesinnung. Während es in den hiesigen diffusen Friedenszeiten darum geht, die Unbegreiflichkeit des Wirklichen literarisch wiederherzustellen, herrschte in Korea weiterhin eine heillose Situation, in der das Unbegreifliche nackte Wirklichkeit war.

Darauf reagiert ein fast dokumentarischer Realismus, der uns Europäern allerdings nur deshalb naiv erscheinen mag, weil wir die symbolischen Koordinaten nur schwer erkennen. Die Geschichte des Herrn Han, die Hwang als Chronik bezeichnet, wirkt auf den ersten Blick wie eine karge Reportage; erst auf den zweiten enthüllen sich die harten Schnitte, die kästchenhafte Ausschnitttechnik und die Gesamtkomposition, die an eine Totenwache erinnert.

Die ersten Notizen zu dem viel breiter angelegten Roman Der ferne Garten hat Hwang 1998 auf Toilettenpapier aus dem Gefängnis gerettet. Im selben Jahr wird auch sein Protagonist nach 18 Jahren Haft entlassen. Wir sehen Oh Hyunnuh, orientierungslos wie Franz Biberkopf, im brodelnden Seoul, bevor er das Dorf aufsucht, in dem er kurz vor der Verhaftung die Malerin Han Yunhi kennen lernte; sie ist mittlerweile an Krebs gestorben. Seine Reise bildet wieder einen Erinnerungsrahmen, in dem sich beider Geschichten verschränken, und mit ihnen seine Klage um ihren, ihre um seinen Verlust. Vielleicht geht es nicht zu weit, in dieser unmöglichen Liebe das Schicksal des geteilten Landes zu erkennen. Eins von Yunhis Bildern zeigt sie als alternde Frau neben dem jungen Oh, so wie er ihr in Erinnerung geblieben ist. Dass er ein Kind von ihr hat, weiß er noch nicht.

Zwei Jahrzehnte politischer Kämpfe, privater Überlebensstrategien, Gefängnis, Exil und wachsender Zweifel angesichts der Gewalt unter autoritären, der Stagnation unter liberalen Bedingungen prägen das Bewusstsein dieser intellektuellen, westlich gebildeten Zeitgenossen, die mit Breughel und Goya, Tschechow und Neruda, Heine und Kafka vertraut sind. »In schwierigen Zeiten sind Dichter immer gefährdet«, heißt es einmal, »weil es in allen Büchern um die Veränderung der Gesellschaft geht.« Und am Ende: »Verändern sagen Sie? Wozu? Die Welt plätschert dahin wie die kleinen Wellen des Meeres, und das Leben eines Einzelnen ist sehr kurz. Warum kann der Mensch nicht den Gedanken aufgeben, dass er der Herr der Welt ist?« Diese Sätze fallen im Jahr 1989 in einer Berliner Küche, wo sich Yunhi von einem Landsmann mit Sojasprossensuppe und Kimchi bekochen lässt – in einer Schürze von Ikea. Über Europa fällt ein prägnantes Urteil: »Obwohl nach wie vor auf der ganzen Welt Menschen hungern, kommt es mir vor, als hätte man hier das Licht gelöscht, nachdem man den Tisch schön gedeckt hat.«

In den Zeiten globalisierter Widersprüche und kapitalistischer Befriedung hat sich auch Hwangs Schreiben gewandelt. Die wechselnden Ich-Perspektiven, eingeschobene Briefe und Aufzeichnungen, Träume, Assoziationen und schwebende Leitmotive bilden im Fernen Garten ein vielfach gebrochenes Gewebe, in dem die Realität als Durchkreuzung subjektiver Wirklichkeiten aufgehoben ist. Es ist eine Realität, die keine Gewissheit mehr über die Grenzen zwischen Scheitern und Gelingen, Hoffnung und Resignation, Treue und Verrat bereithält. Und doch ist der verlorene Rückkehrer Oh ein Verwandter des zugrunde gerichteten Herrn Han. Es sind Übriggebliebene in einer vaterlosen Gesellschaft, in der die Emanzipation vollendet, was Krieg, Flucht und Trennung der Familien begonnen haben. In beiden Büchern nehmen Frauen die Entwicklung in die Hand, in beiden nehmen am Ende junge Mädchen von den unbekannten Männern Abschied, deren Zeit abgelaufen ist: »Ich muss jetzt gehen, Vater.« Die Geschichten aus dem Korea des 21. Jahrhunderts – die schreiben die Töchter.

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Leseprobe I Buchbestellung I home 0106 LYRIKwelt © Die Zeit/Dorothea Dieckmann

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2.)

Der ferne Garten von Hwang Sok-Yong, 2005, dtvDer ferne Garten.
Buch von Hwang Sok-yong (2005, dtv - Übertragung Oh Dong-sik, Kang Seung-hee und Torsten Zaiak).
Besprechung von Christine Diller im Münchner Merkur, 17.10.2005:

Verlorene Vergangenheit
Erlebnisse eines politisch Verfolgten: Zwei Romane von Hwang Sok-yong

Ein Autor, ein Anliegen, eine Grundstimmung der verhaltenen Trauer. Aber zwei Bücher von ganz verschiedener Wirkung, in unterschiedlichen Stilen verfasst. 30 Jahre liegen zwischen der Entstehung der "Geschichte des Herrn Han" und dem Roman "Der ferne Garten". Nicht nur Südkorea, das Heimatland des Autors Hwang Sok-yong, hat sich gewandelt, indem nach Zeiten wechselnder Militärregime endlich die Demokratisierung vorangetrieben wurde. Auch Hwangs Rolle als politisch engagierter Schriftsteller hat sich verändert: Er ist vom Systemkritiker zum offiziellen Kulturgesandten Südkoreas im verfeindeten Bruderland Nordkorea geworden.

Und doch hat sich auch in diesem mutigen demokratischen Vorkämpfer ein Wandel vollzogen: Er hat in der Zwischenzeit all die Erfahrungen der körperlichen und seelischen Gewalt, der Freiheitsberaubung und Entrechtung, der Trennung von Familie und Heimat, von denen er schon in der "Geschichte des Herrn Han" schreibt, am eigenen Leibe erfahren müssen.

Hwang, 1943 in der Mandschurei geboren, 1945 mit der Familie nach Nordkorea übergesiedelt und 1948 in den Süden geflohen, protestiert in den 70er-Jahren gegen das südkoreanische Militärregime und erlebt den blutig niedergeschlagenen Aufstand von Gwangju 1980 mit. 1989 dann verstößt er mit einer Reise nach Nordkorea gegen südkoreanische Sicherheitsgesetze und geht ins Exil nach Berlin und New York. Als es ihn 1993 nach Südkorea zurück zieht, wird eine Haftstrafe doch noch fällig. Erst unter Kim Dae-jungs "Sonnenscheinpolitik" kommt Hwang 1998 frei. In "Der ferne Garten" sind die entwürdigenden Erfahrungen einer Haft, die nicht den Maßstäben eines Rechtsstaates entspricht, eingeflossen.

In der "Geschichte des Herrn Han" aber, diesem distanzierten, spröde konstatierenden Roman, verarbeitet Hwang zunächst die Erlebnisse seines Onkels. 1968 stirbt in einem ärmlichen Mietshaus in Seoul ein alter Mann, der seiner Umgebung suspekt, ja unangenehm war. Nachträglich immer beklemmender werden die Urteile seiner kleinkarierten Nachbarn und seiner wenigen Angehörigen, wenn der Erzähler Hans Vergangenheit fast protokollartig ausführt. Herr Han war ein äußerst gewissenhafter Arzt. Während des Koreakriegs zwingen ihn die nordkoreanischen Kommunisten, nur die Parteikader ärztlich zu behandeln. Doch Han widersetzt sich und wird zum Tode verurteilt. Nach einem haarsträubenden Cliffhanger trifft man Han, der überlebt hat, auf der Flucht nach Südkorea wieder: eine - obwohl ganz unemotional geschrieben - herzerreißende Szene der Trennung von der Familie, die Han nicht mehr wiedersehen wird. In seiner Aufrichtigkeit viel zu naiv, gerät er in die Fänge von Betrügern, wird als kommunistischer Spitzel denunziert, verhaftet, gefoltert. Der verachtete Tropf vom Beginn des Buches ist ein Mann, dessen Integrität große Bewunderung abverlangt. Und dem doch vorzuwerfen ist, dass er sich allzu vertrauensselig seinen Feinden ausgeliefert hat.

Einen intimeren und persönlicheren Tonfall schlägt "Der ferne Garten" an. Nach 17 Jahren wird der politische Häftling Oh Hyunuh entlassen. Er erfährt, dass seine Geliebte in der Zwischenzeit gestorben ist. Am Ort ihrer gemeinsamen Liebe findet er ihre Briefe und Tagebücher. Im Wechsel mit seinen Erinnerungen an seine politisch aktive Zeit und den Gefängnisaufenthalt werden die Aufzeichnungen der Malerin Han Yunhi erzählt. Nur so schafft es der von der Welt und seiner Zeit abgeschnittene Ex-Häftling, wieder an sein eigenes Leben anzuknüpfen. Hwang hat hier eine zarte, hochpolitische Liebes- und Leidensgeschichte geschrieben, die der Poesie, aber auch der Kritik an einem egoistischen Kämpfertum nicht entbehrt.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.merkur-online.de]

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