Der Felsen, an dem ich hänge.
Essays und andere Texte
von Hans-Ulrich Treichel (2005, Suhrkamp).
Besprechung von Sven Hanuschek aus der Frankfurter Rundschau, 8.2.2006:

Der Entronnene
Essays von Hans-Ulrich Treichel

Flaubert hat in einem Brief geschrieben, sein Roman sei der Fels, an dem er hänge. Hans-Ulrich Treichels poetologische Reden und Essays in seinem neuen Band Der Felsen, an dem ich hänge handeln vor allem von Felsen. Es sind eine ganze Reihe von Felsen, von denen Treichel vielhändig hängt, der eines im Schreibentstehen begriffenen Romans ist nicht dabei. Wenn er denn erst einmal bei der Niederschrift eines solchen angekommen ist, scheint ihm das anders als Flaubert keine größeren herstellerischen Probleme mehr zu bereiten, jedenfalls spricht er nicht darüber, und seine Romane und Erzählungen zeichnen sich ja durch einen erfreulich heiteren Duktus aus. Auch äußerst deprimierende Angelegenheiten werden mit Leichtigkeit und Komik vorgebracht, in Heimatkunde und Der Verlorene ebenso wie im Tristanakkord und Der irdische Amor.

Freilich ist damit noch nicht viel gesagt. Die Wege zu diesen Werken müssen sehr beschwerlich gewesen sein. Zu den Felsen gehören Slapstick-Situationen, eine brütende Kindheit in Ostwestfalen voller Familiengeheimnisse und -traumata, die die Eltern nicht erzählen wollten, durch ihr Verhalten aber nur ihrerseits kindliche Traumata erzeugten - das Gefühl, "eigentlich" falsch am Platze zu sein, nur ein Platzhalter für den 1945 auf der Flucht verloren gegangenen Bruder. Die erste Abteilung der vorliegenden Essays macht deutlich, wie nahe sich Treichel und seine Protagonisten stehen, wie sehr seine Belletristik transponiertes, bearbeitetes, keineswegs lustiges Leben ist. Seine Arbeiten sind Beschreibungen einer geglückten Flucht, die immer neu unternommen werden müssen, um ihrem Verfasser zu bestätigen, dass dieser Verlorene tatsächlich ein Entronnener ist.

In der Beschreibung des langen Weges zum ersten Roman entwirft Treichel nebenbei eine veritable Theorie des Lesens - warum lesen Menschen Romane? Warum haben sie Lieblingsschriftsteller, warum gehen sie (im Falle lebendiger Schriftsteller) auf Autorenlesungen und stellen peinlich persönliche Fragen? Seine Mutmaßung ist, dass das Lesen beinahe den Eindruck eigenen Schreibens, eigenen Ausdrucks vermittelt, man steht immer kurz davor und muss deshalb immer weiter lesen, um sich diesen Eindruck zu erhalten. Als Student dieser Disposition und mit Schreibwunsch sei er so weit gewesen, dass sein erster Roman "fast fertig" war, "es fehlte nur noch der Text".

Diese Zuspitzung ist typisch für Treichel. Er ist ein vielfältig aktiver Schriftsteller, der Kreatives Schreiben als ordentlicher Professor in Leipzig unterrichtet und parallel zum belletristischen Schreiben auch das wissenschaftliche Schreiben unternommen hat. Er ist in der Welt herumgereist, hat mehrere Poetikvorlesungen angenommen und seit mehr als 20 Jahren regelmäßig Bücher veröffentlicht. Dieser Aktivismus scheint nötig zu sein, um einen großen Fels zu umkreisen: nämlivh den inneren Antrieb zum Nichts, zum Phlegma, zur Melancholie (um keine medizinischen Ausdrücke zu gebrauchen).

Daraus könnten bleischwere Arbeiten entstehen. Stattdessen ist Treichel in der Gegenwartsliteratur derjenige Autor geworden, der den Gedanken-Slapstick erfunden hat: der Gedanken so zusammen bringen kann, dass sie im Slapstick kollidieren. Ein wohlmeinendes, anscheinend ganz offenes, geradezu parzivaleskes Ich setzt sich Gedanken und Umgebungen aus und erzeugt, gern mit mutwilliger Intelligenz, Komik.

Der Felsen, an dem ich hänge kann deshalb auch eine Reiseabteilung bieten, in der (Selbst?)Beobachtungen beim Verlassen des Hotelghettos in Ägypten oder nach misslungener Ahnenforschung in Brooklyn verzeichnet werden; der zeitweilige Lebensort Berlin wird ebenso unnachsichtig kommentiert wie Beate Uhses Erotik-Museum, das die Gründerin ohne jede Erklärung als Pilotin in den NS-Jahren zeigt. Nach Uhse folgt ein Besuch auf Hiddensee, bei Gerhart Hauptmanns Villa, womit belegt wäre, dass der Band auch noch schön komponiert ist.

Man kann offenbar aufgeräumt und witzig auf der Flucht sein und dabei auch noch literarische Quisquilien über ein römisches Motiv bei Wolfgang Koeppen, ein nicht geschriebenes Nachwort zu Truman Capote, einen privaten Leidenskafka und das Hören moderner Musik schreiben. Eine beachtliche Beweglichkeit für die Zahl der Felsen; ein letzter schließlich ist die Zwitterposition zwischen Poet und Wissenschaftler. Auch die nutzt Treichel für Pointen: Die verehrten poetischen Ahnen können aus literaturwissenschaftlicher Sicht betrachtet, die Germanisten aus der Sicht des Poeten verspottet werden.

So findet sich der folgende Satz des Poeten, er brauche keine Erzähltheorie: "Es sei denn, ich bin Erzähltheoretiker. Erzähltheoretiker brauchen die Erzähltheorie um ihrer selbst, das heißt um ihrer Reproduktion als Theoretiker willen."

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