Der Feind im Schatten von Henning Mankell, 2010, Zsolnay1.) - 4.)

Der Feind im Schatten.
Roman von Henning Mankell (2010, Zsolnay -
Übertragung Wolfgang Butt).
Besprechung von Lars von der Gönna aus der WAZ vom 30.04.2010:

Mankells Wallander - ein Denkmal wird besichtigt
Der Feind im Schatten“: Hennig Mankell lässt Kult-Kommissar Kurt Wallander ein letztes Mal ermitteln. Fans haben sich nicht nur gefreut. Fans waren in Sorge. Unnötig: Ein würdiges Abschiedsgemälde ist es, das Henning Mankell seinem Anti-Helden zu Ehren gemalt hat. Die Farben sind vertraut.

Fans haben sich nicht nur gefreut. Fans waren in Sorge. Wer einen Helden so lange ruhen lässt, dem geht die Kunst der Wiederbeatmung leicht verloren. Aber nun ist Kurt Wallander zurück – er ist der alte, ein letztes Mal.

Ein würdiges Abschiedsgemälde ist es, das Henning Mankell seinem Anti-Helden zu Ehren gemalt hat. Die Farben sind vertraut. Zum Beispiel das seltsam schimmernde Schwarz, mit dem er zeichnete, wie Verbrechenslinien sich unaufhaltsam in heile Welten schoben. Oder ein wehmütiges Rot, das die melancholische Aufrichtigkeit eines Einzelkämpfers ausmalte. Und dieses ironisch eingesetztes Grau, das der Polizei-Bürokratie ein Gesicht gab. Und ab und zu blieb die Leinwand leer – ein fahles Weiß blieb da, wo Kommissar Wallander keine Antwort mehr hatte. Oder dort, wo wir nicht alles erfahren sollten.

Mankells Schlussbild ist tragisches Sittengemälde und zugleich morbides Stillleben

Der Rahmen dieses Abschiedsgemäldes ist würdig. Er schimmert unwirklich golden, weil er bis in die höchste Politik reicht, zu Olof Palme, zur CIA, zu kaltem Krieg. Vor allem aber fasst er mit großer und doch unaufdringlicher Geste die Grenzen eines Polizistenlebens ein. Mankells Schlussbild ist tragisches Sittengemälde und zugleich morbides Stillleben. Es ist wuchtiger Schinken in der (leider absehbaren) Hauptgeschichte und wunderbar andeutungsvolles Pastell in seiner Menschenbildnerei.

Kurt Wallander fühlt sich alt. Er arbeitet noch, aber er macht Fehler. Erste Demenz-Schübe setzen ein. Zudem wird Kurt seinem störrischen Vater so ähnlich, wie er es nie wollte. Und wie eine verzagte Abrechnung mit dem, was sein Leben ausmachte, schreibt er all die Toten auf, die ihm sein Beruf zu Füßen legte.

Fast lesen wir von ihm selbst als Sterbendem, so raffiniert und vielfarbig lässt der Erzähler alles, was Wallanders Leben bestimmte, in diesem Roman noch einmal an ihm vorüberziehen. Etwa mit einer Postkarte der Hinterbliebenen jenes Opfers, mit dem damals „Die weiße Löwin” begann. Oder mit der Erinnerung an das greise, für ein paar Tausend Kronen totgefolterte Bauernpaar aus „Mörder ohne Gesicht”. Und da ist Baiba Liepa, des Einsamen große Liebe. Nur deshalb hat sie Kurts Antrag abgelehnt, weil sie nicht das zweite Mal die Witwe eines Polizisten hatte werden wollen. Einmal sieht er sie noch. Es ist das Trauerspiel eines langen Augenblicks.

Dann wird es dunkel um Kurt Wallander

So liest sich „Der Feind im Schatten” nur oberflächlich (um Oberflächen geht es oft) als Agentengeschichte aus dem neutralen Schweden, als Suche nach den verschwundenen Schwiegereltern von Wallanders Tochter Linda, einem hohen Marine-Militär und seiner gütigen Frau. Wer den großen und für den gegenwärtigen Kriminalroman in mancher Hinsicht maßstäblichen Wallander-Zyklus des Henning Mankell verfolgt hat, liest dieses Buch vielmehr als nicht gänzlich unsentimentales biografisches Kompendium, in dem Bilanz gezogen und Zeugnis abgelegt wird.

So gerade noch hat Henning Mankell seinen Ystadter Helden am ungebügelten Kragen gepackt und ins 21. Jahrhundert hinübergezogen. Er sieht noch kurz die Hedgefonds, die isländischen Bankengaukler, dann wird es dunkel um Kurt Wallander. Ein Fossil war er immer schon, nun umschließt ihn endgültig das Gestein eines großen Ermittler-Denkmals.

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Der Feind im Schatten von Henning Mankell, 2010, Zsolnay2.)

Der Feind im Schatten.
Roman von Henning Mankell (2010, Zsolnay -
Übertragung Wolfgang Butt).
Besprechung aus den Nürnberger Nachrichten vom 29.04.2010:

Abschied von Kommissar Kurt Wallander
Henning Mankells neuer Krimi ist zugleich der letzte mit dem beliebten Ermittler

Es heißt Abschied nehmen von Kommissar Wallander: Mit seinem zehnten Roman über den grüblerischen Ermittler macht Autor Henning Mankell nun leider endgültig Schluss mit der Figur. Morgen erscheint Wallanders letzter Fall »Der Feind im Schatten«.

Auch wenn Wallanders Ausmusterung unblutig verläuft, so ist sie - das sei allen gesagt, die insgeheim doch noch auf eine Fortsetzung hoffen - doch unwiderruflich. Zumindest nach dem Stand der heutigen Medizin. Aber obwohl Kurt Wallander von Beginn der Erzählung an erste Krankheitssymptome spürt, erweist er sich in dem vertrackten Fall wieder als sensibler Ermittler, der auf seine Intuition vertrauen kann. Dabei ist ihm wohl keiner seiner bisherigen Fälle persönlich so nahe gegangen.

Rätsel um U-Boote

Ausgerechnet die Schwiegereltern seiner Tochter Linda, die selbst Polizistin und zudem junge Mutter ist, sind in mysteriöse Vorgänge verstrickt. Zuerst verschwindet Hakan von Enke, ein Ex-Korvettenkapitän, kurz nach seinem 75. Geburtstag, dann auch noch dessen Frau.

Bei der Geburtstagsfeier erzählt der Jubilar unerwartet offen von einem Vorfall vor 20 Jahren. Damals, in den 80er Jahren, seien fremde U-Boote mehrfach in schwedische Hoheitsgewässer eingedrungen. Bis heute, so Hakan, sei der Fall nicht aufgeklärt und der Eindringling nicht identifiziert worden. Aber jetzt, so glaubt der pensionierte Kapitän, sei er »endlich einer Art Klarheit näher«.

Lektion in schwedischer (Militär)Geschichte

Während Wallander mit Interesse diese Lektion in schwedischer (Militär)Geschichte aus dem Kalten Krieg zuhört, bemerkt er bei seinem Gegenüber noch etwas anderes als Fachkompetenz und Aufklärungswillen: Angst. »Er hatte es oft genug erlebt, wenn Menschen sich ängstigten vor etwas, sei es eingebildet oder wirklich. Er war sicher, dass er sich nicht irrte.« Immer und immer wieder versucht Wallander dieses Gespräch nach Hakans Verschwinden zu rekapitulieren. Und weil er aufgrund eines misslichen Vorfalls, bei dem er seine Dienstwaffe in einer Kneipe schlichtweg vergessen hatte, gerade in Zwangsurlaub ist, nutzt er die Zeit, um in dieser Familiensache zu recherchieren.

Viele Fragen bleiben offen

Dabei erkennt er schließlich: »Das hier ist größer, als ich mir vorgestellt habe.« Natürlich klärt er den Fall trotzdem - zumindest in groben Zügen. Viele Fragen bleiben aber auch am Schluss offen - ganz so wie bei dem realen Vorfall, den Mankell für den Plot aufgreift: Im Herbst 1982 hatte Schwedens Marine tatsächlich U-Boote vor Stockholm gesichtet.

»Der Feind im Schatten« fängt stark an, lässt dann aber nach: Mit sicherer Hand baut Krimi-Routinier Mankell Spannung auf und gibt dabei den persönlichen Sorgen und Nöten, Schwächen und Sehnsüchten seines Protagonisten mehr Raum als in den Vorgängerbüchern. Streckenweise wirkt die Story dann aber arg konstruiert: Dem Ermittler kommen schier unglaubliche Zufälle zur Hilfe, und er hat für jedes Spezialproblem ruckzuck einen Super-Experten an der Hand, der Insiderwissen aus dem Ärmel schüttelt - sei es über die Giftmord-Methoden des DDR-Geheimdienstes oder die Personalpolitik der schwedischen Marine-Elite.

Eine leise Hoffnung

Diese Schwächen wird die große Mankell-Fangemeinde dem Abschiedsroman aber wohl verzeihen. Und ein bisschen Hoffnung gibt es ja doch auf neue Wallander-Fälle: Linda könnte in die Fußstapfen des Vaters treten...

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Der Feind im Schatten von Henning Mankell, 2010, Zsolnay3.)

Der Feind im Schatten.
Roman von Henning Mankell (2010, Zsolnay -
Übertragung Wolfgang Butt).
Besprechung von Andreas Thiemann in der Westfalenpost, 30.4.2010:

Neues Buch von Henning Mankell : Mehr Gedanken als Taten
„Manchmal kommt es mir vor, als wäre Klagen das Einzige, was mir bleibt“, seufzt Kurt Wallander gegen Ende seines letzten Einsatzes - und der Leser kann ihm nur aus vollem Herzen Recht geben. Denn tatsächlich hat Wallander auf den zurückliegenden 40 Kapiteln in der Hauptsache über seine geistige und körperliche Verfassung gebrütet und dabei ein weites Feld von der Melancholie bis zur Depression durchschritten. Und natürlich leidet der treue Leser mit ihm, nimmt Anteil an seinen ständig größer werdenden Gedächtnislücken, bangt um seinen Blutzuckerspiegel und sorgt sich um seine Fieberanfälle. Nein, dieser Kurt Wallander mutiert mehr und mehr zu einem wandelnden Wrack, psychisch wie physisch gleichermaßen.

Doch es gibt auch noch einen mysteriösen Fall zu klären. Ein ehemals hoher Marineoffizier verschwindet spurlos, wenig später auch seine Frau. Wallander ist nicht offiziell mit der Sache betraut, fühlt sich aber verantwortlich, weil die beiden Vermissten schon in naher Zukunft die Schwiegereltern von Wallanders Tochter werden sollen. Während Wallander nun bei seinen Aufklärungsbemühungen weitgehend im Dunkeln und zudem im Kreis tappt, transportiert Henning Mankell reichlich subjektive Lebensphilosophie und ein wenig Kalte-Krieg-Politik, von der man dachte, sie sei längst erledigt.

Das Geschehen, das recht zäh und schleppend vorankommt, wirkt zudem ganz schön konstruiert. Um überhaupt kleinste Erfolge, beziehungsweise Veränderungen zu erreichen, bemüht Mankell viele Figuren und Orte aus seinen früheren Wallander-Krimis. Auch seine Verflossenen tauchen hier auf und treiben mit ihren eigenen Schicksalen den ohnehin zweifelnden und zaudernden Alt-Kommissar nur noch tiefer in die Existenzkrise. Es ist einfach unüberlesbar, dass sich Henning Mankell durch seinen bewährten Fahrensmann Wallander selbst mitteilen will; der Abstand zwischen dem Romanhelden und seinem geistigen Vater scheint kaum zu existieren.

„Ich habe Angst vor dem Alter“, gesteht Kurt Wallander an einer Stelle, und niemand kann übersehen, dass Henning Mankell im Geiste ganz, ganz dicht hinter seinem erdichteten Fahnder steht.

Mehr als 20 Millionen Wallander-Krimis sind im Laufe der vergangenen Jahre buchstäblich rund um die Welt verkauft worden, und selbst im fernen Vietnam hat man Gefallen an dem ebenso sperrigen wie unvollkommenen Polizisten gefunden. Daraus eben konnte er seine unmittelbaren Sympathiewerte ziehen: aus der Antihelden-Haltung, die doch mit einer gewissen Hartnäckigkeit und Pflichterfüllung unterfüttert wurde. Aus der Indifferenz, der Wankelmütigkeit und dem permanenten Kampf zwischen Prinzipien-Anerkennung und gleichzeitiger Verletzung selbst gesetzter Normen.

Es ist die alltägliche Schwachheit in uns allen, die wir in diesem Kurt Wallander gespiegelt sehen. Darum verstehen wir ihn so gut, darum mögen wir ihn. Und eben darum ist sein letzter Fall ein so langer, trauriger Abschied.

Vom eigentlichen Thema hätte das Buch ein Spionagethriller werden können, aber das ist es ganz gewiss nicht. Es streift allenfalls diese Problematik, wirkt aber angesichts der mangelnden Dynamik und Spannung eher lustlos, fast schon beliebig ausgewählt. Der Reiz und die Qualität dieses Romans liegen nicht im Krimi-Genre. Das aber macht diese Lektüre nicht weniger interessant.

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Der Feind im Schatten von Henning Mankell, 2010, Zsolnay4.)

Der Feind im Schatten.
Roman von Henning Mankell (2010, Zsolnay -
Übertragung Wolfgang Butt).
Besprechung von Ingeborg Sperl in Der Standard, Wien vom 8.5.2010:

In dunklen Gewässern
Der Moment, in dem man seinem Leben eine andere Richtung hätte geben können - Der letzte Wallander-Roman

"Es war ein früher Herbsttag. Am Himmel war ein Zugvogelschwarm auf dem Weg nach Süden (...) an jenem Nachmittag im September 2003 verliebte er sich auf der Stelle in dieses Haus." Kriminalkommissar Kurt Wallander hat sich einen Bauernhof in Schonen gekauft und mit der Anschaffung eines Hundes einen Kindheitstraum erfüllt. Die Idylle zwischen Feldern und Meer, mit der Henning Mankell seinen Roman beginnt, hält nicht lange an.

Als Wallander angezeigt wird, weil er seine geladene Dienstwaffe in einem Lokal vergessen hat, kann er sich absolut nicht daran erinnern, die Pistole überhaupt mitgenommen zu haben. Doch sich überstürzende Ereignisse helfen ihm, diese unheimliche Begebenheit zu verdrängen. Seine Tochter Linda, die auch Polizistin geworden ist, hat ihr erstes Kind bekommen. Sie lädt ihren Vater zu den zukünftigen Schwiegereltern ein. Die gehören zur wohlhabenden Oberschicht Stockholms, sind aber zu Wallanders Erleichterung nicht so borniert, wie er sie sich vorgestellt hat.

Der Korvettenkapitän von Enke belegt bei einer noblen Geburtstagsfeier Wallander mit Beschlag. Er erzählt ihm von den Zwischenfällen mit den U-Booten, die 1982 in die schwedischen Hoheitsgewässer eingedrungen waren und die man nicht zum Auftauchen zwingen konnte.

Der Mann scheint unruhig, ja ängstlich und besessen von den Ereignissen im Kalten Krieg; als er spurlos verschwindet, hat Wallander einen Kriminalfall in der eigenen Familie, denn bald darauf wird von Enkes Frau tot aufgefunden, und auch der Mann bleibt verschollen.

Als Wallander einen im schwedischen Asyl lebenden Ex-Stasibeamten konsultiert, bestätigt sich sein Verdacht, dass Louise von Enke einem raffinierten Giftmord zum Opfer gefallen sein könnte.

Mankell verknüpft in seinem zehnten und letzten Buch mit Kurt Wallander sehr geschickt politische und persönliche Vergangenheiten. Im Laufe der Ereignisse konzentriert er sich immer mehr auf die inneren Befindlichkeiten seiner Hauptfigur. Kurt Wallander ist mit den Jahren nicht umgänglicher geworden. Er leidet an Diabetes und beängstigenden Blackouts, fürchtet sich vor Alter, Einsamkeit und Tod.

Er ist immer noch ein guter Ermittler, aber er irrt sich auch und verfolgt kalte Spuren. Er ist nie ein Superheld gewesen, und die Mosaiksteine seiner Nachforschungen wollen kein vernünftiges Bild ergeben, es bleiben lose Enden, U-Boote in dunklen Gewässern.

Seine einstige Geliebte aus Riga, mit der er seinem Leben eine andere Richtung hätte geben können, kommt ihn zum letzten Mal besuchen. Sie hat Krebs und will sich von ihm verabschieden. Noch ein Schatten, ein Omen.

Mankells letzter Wallander-Roman enthält sich zum Glück jeglicher selbstgerechter Pädagogik, die manch andere Bücher von ihm so penetrant und mühsam machen. Der Feind im Schatten ist ein doppeldeutiger Titel. Wer ist der Feind? Krankheit und Tod, verpasste Chancen, oder russische Spione, die CIA, das alltägliche Böse, dem die Polizei nicht Einhalt gebieten kann? Vielleicht ist dieser Abgesang auf Wallander der beste Krimi in der so erfolgreichen langen Reihe. Auf jeden Fall aber ist er der düsterste.

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