Der falsche Weg nach Hause von James Tate, 2004, BerlinDer falsche Weg nach Hause.
Gedichte von James Tate (2004, Berlin-Verlag - Übertragung Jan Wagner).
Besprechung von
Jürgen Brôcan in der Neue Zürcher Zeitung vom 2.12.2004:

Surreale Szenarien
Erstmals auf Deutsch: Gedichte von James Tate

Ein Schweinsohr, das an ein Sofa genäht ist, eine Gesellschaft für Adlervertilgung, rosenfarbene Blindheit in Abendkleidern und essbare patriotische Pflaumen: Auf solche Bilder trifft, wer die poetische Welt des James Tate betritt - eine rätselhafte, verworrene, manchmal beängstigende, manchmal erheiternde Welt voller Absurditäten und Paradoxien. Es verwundert nicht, dass Tate von der Kritik seit seinem ersten Gedichtband, «The Lost Pilot» (1967), mit dem Surrealismus in Verbindung gebracht wird. In der auf Beobachtung alltäglicher Realität und persönliche Introspektion konzentrierten amerikanischen Dichtung nehmen sich Bilder, die gewohnter Logik zuwiderlaufen, beinahe wie Fremdkörper aus. Selbst W. S. Merwin oder Mark Strand klebte man in bestimmten Schaffensphasen das Etikett des Surrealismus allein deshalb auf, weil sie in den Raum der Imagination vorstiessen. Vertreter eines strikteren Surrealismus, beispielsweise Philip Lamantia, sind dagegen tatsächlich Aussenseiter der zeitgenössischen amerikanischen Lyrik.

James Tate, mit vielen wichtigen Literaturpreisen bedacht, entwirft surreale Szenarien, ist aber kein Surrealist. Weder überlässt er die Gestalt seiner Gedichte dem Automatismus - den Breton zwar theoretisch gefordert hatte, die meisten Surrealisten aber nicht oder nur teilweise umgesetzt haben -, noch basiert sie auf sogenannten diskontinuierlichen Bildern und Reihenmetaphern. Diese formalen Merkmale surrealistischer Dichtung finden sich bei Tate in Reinkultur allenfalls gelegentlich, so in «Rezept zum Einschlafen» oder in den hier nicht aufgenommenen «I Take Back All My Kisses» und «Fuck the Astronauts».

In Tates subtilsten Gedichten ist es bloss eine minimale Abweichung von gewohnten Ordnungen, die der Szene eine bedrohliche Atmosphäre verleiht oder sie ins Absurde umkippen lässt. Mit den Worten «In diesem Augenblick stimmt irgendetwas nicht» wird zum Beispiel eine ländliche Idylle aufgestört, ohne dass man Genaueres über die Ursache oder die Auswirkungen erfährt. Allein der Titel, «Land der kleinen Hölzer, 1945», macht Vermutungen zur schrecklichen Gewissheit. «Ich hoffte, in dem Gedicht die typische Farmerfamilie darzustellen und ihr eine tiefe Vorahnung des heraufziehenden Ereignisses zu geben. Sei es ein Tornado, der das Leben aufwirbelt, oder der Abwurf der Bombe auf Hiroshima, der die Einfachheit ihres Lebens ebenso in einem einzigen Augenblick verändern würde», kommentierte Tate einmal dieses Gedicht.

Mit Begriffen wie Traum- oder anonyme Innenwelt wäre Tates Lyrik unvollkommen umrissen. Sicherlich, sie hat diese Wirkung auf den Leser, zumal konkrete Rückbezüge auf die Biografie des Autors höchst selten sind; sie finden sich etwa in dem berühmten Gedicht «Der verschollene Pilot», das um die Versuche kreist, sich den Vater, den man nie gekannt hat und der im Zweiten Weltkrieg über Deutschland abgeschossen wurde, vorzustellen. Besonders die kleinen narrativen Szenen der späteren Gedichte exponieren das Gefühl der Entfremdung: Da tritt ein «als Mann verkleideter Mann» auf, dessen wirklichster Anblick ein Mädchen im Pool ist, das «der Traum im Innern des Traums im Innern» ist («Gedicht»). Oft wird der andere Blick auf den Alltag hervorgerufen durch einen derartigen ungewohnten Schwenk, der im Kern eine nachdenkenswerte kleine Lektion über die vermeintliche Sicherheit unserer Wahrnehmungen enthält.

Die virtuos eingesetzte Umgangssprache erklärt Tates Erfolg in Amerika. An der Oberfläche scheint sie zunächst harmlos, einschmeichelnd, dann reisst sie plötzlich Abgründe auf und lässt das Gedicht ins Offene ausklingen. Eine Wirkung, die sich im Deutschen aufgrund des fehlenden literarischen Kontextes nicht völlig entfalten kann. Wohl aus diesem Grund sind im vorliegenden Band nur wenige Gedichte enthalten, die auf spezifisch amerikanische Gegebenheiten anspielen. Die von Jan Wagner besorgte und sorgfältig übersetzte Auswahl bietet gleichwohl einen gelungenen Querschnitt in chronologischer (bedauerlicherweise nicht genau datierter) Reihenfolge durch das Werk James Tates. Mit diesem Band ist ein weiterer weisser Fleck auf der Landkarte amerikanischer Dichtung getilgt.

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