Der Fall Edwin Drood.
Roman von Charles Dickens (2003, MännerschwarmSkript Verlag, hrsg. von Lutz Büge).
Besprechung von Wolfgang Hettfleisch in der Frankfurter Rundschau, 18.2.2004:

Schöne Mannen
Lutz Büge lüftet das etwas andere "Geheimnis des Edwin Drood"

Es lässt den Schriftstellern keine Ruhe, dieses Werk. Das unvollendete, das letzte des großen Charles Dickens. Und dann auch noch ein Krimi, manche sagen gar: der Prototyp der Detektivgeschichte. Obwohl es im Geheimnis des Edwin Drood doch einen Detektiv im professionellen Sinn gar nicht gibt, allenfalls dilettierende Informationsbeschaffer als Randfiguren. Wie auch immer, jedenfalls nahm Dickens das Geheimnis um Droods Verschwinden scheibchenweise als Fortsetzungsgeschichte für Zeitungsleser konzipiert wie zwei Jahrzehnte später die Holmes-Abenteuer Conan Doyles - mit ins Grab, als er im Juni 1870 starb.

Das machte die in der philologischen Rückschau als eher mittelprächtig geltende Krimi-Novelle samt ihrem Personal unsterblich. Dabei muss nach Lage der Dinge im Textfragment und nach Aussage aller befragten Geheimnisträger aus Dickens' Umfeld ein dringender, ja nahezu gerichtsfester Verdacht geäußert werden: Der junge, ein wenig leichtlebige Beau Drood wurde von seinem Onkel John Jasper gemeuchelt. Und Dickens blieb nicht die Zeit, den Schurken zu entlarven, der vor der kleinstädtisch-bürgerlichen Wohlanständigkeit seiner Umwelt ein dunkles Geheimnis verbirgt: seine Opiumsucht.

So weit, so schlecht. Denn wie in jedem guten Krimi fehlt ohne das Ende der Geschichte der handfeste Beweis. Mehr als vage Andeutungen hat Dickens nie gemacht. Was der Welt die Detektiv-Gattung der Drood-Interpreten bescherte, die seitdem hingebungsvoll, nicht selten verbissen um des Rätsels Lösung streiten. Dabei, so lehrt uns nun Lutz Büge, liege die doch auf der Hand: Drood hatte an jenem stürmischen Weihnachtsabend, da er im beschaulichen Städtchen Cloisterham verschwand, sein Coming out. Man hört förmlich den entrüsteten Aufschrei auf der Polizeiwache der lauteren Dickensianer. Drood und schwul? Dabei fügt sich in Büges Komplementär-Erzählung Der Fall Edwin Drood, sprachlich und inhaltlich erstaunlich glatt gestrickt aus Originalvorlage und Ergänzung, nur zusammen, was doch irgendwie zusammen gehört. Dickens' Männerpersonal nähme sich fraglos auf jeder CSD-Parade prächtig aus. Sie sind ja nicht nur überwiegend ausnehmend hübsch, die braven Mannen aus Cloisterham um den sanften Hilfskanonikus Septimus Crisparkle, sie pflegen obendrein noch ausnehmend herzliche, ja vertrauliche Umgangsformen.

Nun mag der ambitionierte Literaturfreund tapfer einwenden, Dickens sei als verkannter Erfinder des schwulen viktorianischen Schlüsselromans denkbar ungeeignet. Der Mann hat immerhin zehn Kinder gezeugt. Büge und seinem Hamburger Verleger wird dieser Einwand allenfalls ein wissendes Lächeln abgewinnen.

Wenngleich Dickens' Vorlage hier und da schon ein wenig gebogen werden muss. Dass der wilde John Jasper hinter Droods Versprochener Rosa Bud her ist (Dickens hatte ein mitunter bedenkliches Faible für Namens-Wortspiele) wie der Teufel hinter der Großmutter, galt es in einem Schlüsseldialog ein bisschen zu entschärfen. Schließlich treibt Jasper bei Büge ja nicht zuletzt die Eifersucht wegen seines Neffens - und die zarte Rosenknospe soll später auch nicht allzu zerzaust in die Arme ihrer Helena sinken.

Ob das homoerotische Literatur ist, ob es eine solche Gattung überhaupt gibt, mögen andere entscheiden. Hauptsache, Büges an Anspielungen und Ironie reich verziertes Spiel mit Dickens' unvollendetem Spätwerk verkümmert nicht im rosafarbenen Elfenbeinturm der Schwulen-Buchläden.

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