Wem gehört eine Geschichte? von Norbert Gstrein, 2004, SuhrkampDer Fall des Ökonomen.
Roman von György Dalos (2012, Rotbuch-Verlag).
Besprechung von Andreas Breitenstein in Neue Zürcher Zeitung vom 28.06.2012:

Verkorkste Zeiten
György Dalos' tragikomischer Schelmenroman «Der Fall des Ökonomen»

Doppelsinnig wie sein Titel ist György Dalos' jüngster Roman, «Der Fall des Ökonomen». Er handelt vom Sturz eines Menschen durch die Maschen der Epochen und Systeme und legt anhand ebendieses Sturzes deren Perversion bloss. Es ist der elegisch-ironische Abgesang des Autors auf das Schicksal und den Habitus einer Generation, der er selber angehört.

Budapest im Jahr 2000 – Gábor Kolozs, zu kommunistischen Zeiten zwischen Anpassung und Widerstand lavierender Kleingeist eines ökonomischen Reformkurses, ist auf dem Tiefpunkt seines Lebens angekommen. Nachdem seine Ehe früh gescheitert, seine Karriere als politischer Hoffnungsträger in der jungen Demokratie geplatzt und er, verarmt zum Vater heimgekehrt, wieder Kind geworden ist, sieht Gábor keine andere Hoffnung, als sich durch Betrug über Wasser zu halten. Hatte er mit von den Wiedergutmachungsgeldern gelebt, die dem todkranken Vater als Holocaust-Überlebendem aus der Schweiz zugekommen waren, droht ihn dessen Tod in den Abgrund zu reissen. Doch Gábor gelingt es fintenreich, die Illusion von dessen Existenz jahrelang aufrechtzuerhalten, bis des Vaters 100. Geburtstag ansteht und der «letzte Überlebende» gross abgefeiert werden soll . . .

Abschied von der Gegenwart

György Dalos' lakonisch-distanziert erzählte Vater-Sohn-Geschichte ist ein ebenso humorgesättigtes wie anrührendes Schelmenstück, das ein Licht wirft auf die tragische Schwierigkeit von ungarischen (jüdischen) Intellektuellen, sich im Realsozialismus wie in der neuen Welt nach 1989 zu behaupten. Der Impuls, selber ein moralisches Leben zu führen und für alle ein besseres System zu finden, macht sie zu hoffnungsfrohen Agenten von Veränderungen, die ebendieser Moral zuwiderlaufen. Gábor Kolozs' Weigerung, weiterhin das nützliche Mitglied einer innerlich entfesselten Gesellschaft zu sein, in der Skrupellosigkeit und Karrierismus, Klientelismus und Gier obsiegen, ist das letzte Aufbäumen eines an sich selbst leidenden Einzelgängers, für dessen Träume und Erfahrungen die Gegenwart keine Verwendung mehr hat. Denn wer brauchte noch einen Ökonomen, der mit der Reformierung der Planwirtschaft rang, selbst wenn dieser sich damit einst ins gesellschaftliche Abseits manövrierte? Und wer hätte Bedarf für jemanden, der bestens Russisch spricht?

Die stärksten Momente hat der Roman da, wo er im Rückblick auf Gábors Leben das Sittenbild des Realsozialismus zeichnet. Steht das Dasein nach der Wende unter Tyrannei von Geldmangel und Arbeitslosigkeit, ist es zuvor die Wohnungsnot, welche die kleinen Leute zur Verzweiflung treibt und alle sozialen Beziehungen bis hinein in die Liebe korrumpiert. Der Zwang, gemeinsam in einer kleinen Wohnung auszuharren, schnürt die Generationen zusammen und lässt zumal bei den Jungen die Neurosen blühn. Wozu soll Klassenkampf gut sein, wenn es keinen Ort für Sex gibt? Nur durch einen mustergültigen sozialistischen Lebenslauf (Parteitreue, Spitzeldienste, Kinderreichtum) kann man sich der Misere in einer Plattensiedlung am Stadtrand entziehen.

Psychologische Schwachstelle

Es ist ebendiese Enge, die Gábor 1962 ein ungeliebtes Ökonomiestudium in Moskau aufnehmen lässt. Und doch vermag er in der hormongetränkten Atmosphäre von Kubakrise und Gagarin-Euphorie, Entstalinisierung und Weltjugend-Solidarität dem Korsett seiner kleinbürgerlichen und jüdischen Herkunft nicht zu entsteigen. So muss er feststellen, dass entgegen den offiziellen Parolen der Antifaschismus den Antisemitismus keineswegs beseitigt hat (weshalb es ratsam ist, die eigene jüdische Herkunft zu verschweigen), wie es denn generell einen himmelschreienden Unterschied gibt zwischen der hehren kommunistischen Theorie und der niederschmetternden sowjetischen Praxis. Im Vergleich dazu mutet der Alltag in Ungarn, in dessen kakanischen Ritzen sich westlicher Konsum und Lifestyle festsetzen, paradiesisch an.

Auch die Liebe zu Márta bietet nur ein flüchtiges Glück. Wie die Ökonomie ist auch sie nur zweite Wahl, und wenn auch die sexuelle Zweckgemeinschaft eine Weile lang trägt, so scheitert doch mit der Lösung der Wohnungsfrage auch die Ehe. Dass die Hochzeitsreise nach Krakau am Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen in die Tschechoslowakei scheitert (sämtlicher Zugsverkehr fällt aus), spricht Bände. Im Gegensatz zu seinem Freund, dem jovialen Laci, der sich Gábors erste Wahl, Detty, geschnappt und dazu einen komfortablen Unesco-Posten in Paris ergattert hat (als Spitzel, wie sich später herausstellt), fehlt Gábor das Charisma. Einer Denunziation wird seine berufliche Karriere als Ökonomie-Experte zum Opfer fallen – der Sender Freies Europa jubelt einen alten Reformtext von ihm hoch, und auf seiner Neujahrsparty tummeln sich zu viele Dissidenten.

Eine gewisse psychologische Schwäche eignet dem Text, vielleicht weil er doch etwas zu modellhaft gedacht ist. Während sich Gábors beruflicher Absturz nachvollziehen lässt, tut man sich schwer mit seiner seelischen Verwahrlosung. Vom wohlbestallten Politkarrieristen der ersten Wendejahre nach 1989 zum Penner und Schwindler ist es ein gar weiter Schritt. Aber vielleicht liegt der Schlüssel in Gábors Erkenntnis, dass sein Vater als streng religiöser Jude das richtigere Leben geführt hat, während er mit seiner verkorksten Weltlichkeit weit danebenlag. Nur glauben, das kann er nicht . . . Dass er solch stille Dramen freilegt, wo er im Übrigen der lauten politischen Gegenwartskultur Ungarns ein miserables Zeugnis ausstellt, zeigt, welches Gewicht diesem leichten Roman innewohnt.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter nzzonline.jpg (1303 Byte)]

Leseprobe I Buchbestellung 0612 LYRIKwelt © A.B./NZZ