Der all Bremen von Dragan Velikic, 2002, UllsteinDer Fall Bremen.
Roman von Dragan Velikic (2002, Ullstein).
Besprechung von Claudia Kramatschek aus der Wochenzeitung, Zürich, 2.6.2002:

Der serbische Autor Dragan Velikic
Doppelgänger im Niemandsland

Nach Jahren des Exils wird der Schriftsteller Dragan Velikic demnächst in den «Bastard» Belgrad zurückkehren. Seine Bücher handeln von der Emigration, von einer wirklichen, einer zerfallenen und einer imaginierten Welt in «Mitteleuropa».

Am 24. März 1999 gehen die ersten Nato-Bomben auf Belgrad nieder – einen Tag später flieht der serbische Schriftsteller Dragan Velikic aus seiner Heimatstadt. Es ist zugleich der letzte Tag, an dem man das Land noch legal verlassen darf. Ein Land, das Velikic nicht aus Gefahr an Leib und Leben verlässt, sondern weil es keine Perspektive mehr für ihn gibt. Denn bis zu diesem Tag, dem 25. März 1999, war er vier Jahre lang Chefredaktor des nun zerstörten regimekritischen Senders Radio B 92 – und damit auch Leiter jenes Verlagshauses, das dem Sender angeschlossen war und in dem all jene LiteratInnen ihre Werke veröffentlichen konnten, die – wie beispielsweise Velikics Kollege Bora Cosic – eigentlich Personae non gratae waren. Velikic selbst verbringt zunächst ein Jahr in Budapest, dann geht es weiter nach Wien, seit Sommer letzten Jahres nun weilt er als Gast des Deutschen Akademischen Austauschdienstes in Berlin.
In Berlin, im Verlag Ullstein Berlin, ist nun auch Velikics neuer Roman «Der Fall Bremen» erschienen. Bislang waren seine auf Deutsch vorliegenden Bücher – «Via Pula» (1991), «Stimme aus der Erdspalte», «Das Astragan-Fell» (beide 1992), «Der Zeichner des Meridian» (1994) und «Dante-Platz» (1999) – im Klagenfurter Wieser-Verlag publiziert worden. Von Anfang an aber umkreisen alle Romane Velikics ein Thema: jenes der Emigration vor dem Hintergrund des zerfallenden ehemaligen Jugoslawien. Von der Emigration handelt auch «Der Fall Bremen», die wie ein Rebus erzählte Recherche dreier Emigrantengenerationen im geografischen Spannungsbogen zwischen Europa, Russland und Amerika, anhand deren Velikic zugleich verschiedene Formen der Emigration (und ihr mögliches Scheitern) reflektiert: Ivan Bazarov, der Held des Romans, zieht sich zurück in totale Indifferenz – laut Velikic die stärkste Bedrohung für ein Regime; sein Vater, dessen Werdegang der Sohn zu rekonstruieren sucht, entschwindet in die Namenlosigkeit dessen, der in den Kriegswirren 1945 als Vermisster gilt; ein weiterer Familienzweig seitens des Grossvaters wandert nach Amerika aus.

Wirkliches Leben, imaginiertes Leben
Auffallend viele Schriftsteller bevölkern Velikics Romane – vor allem agieren sie als Archivare des Vergangenen, die den Gang der Geschichte vom Keller aus sichten, wie Damjan, der Magaziner in «Dante-Platz». Doch wer in seinen Figuren schlicht Doppelgänger des 1953 geborenen Autoren Velikic vermutet, liegt falsch. Denn der liebt in seinen Büchern nicht nur das fast unentwirrbare Spiel zwischen Autobiografie und Fiktion. Wo er den Lebensspuren seiner Emigranten nachspürt, kleidet er diese zugleich stets in das vielsagende Paradox der erfundenen Biografie: Ob Bazarov in «Der Fall Bremen», ob Marco Delic in «Das Astragan-Fell» – immer imaginieren die entwurzelten Nachkömmlinge ein mögliches Leben ihrer Vorväter, um jenen Stammbaum zu umreissen, aus dessen Verästelung ihre eigene nie gesicherte Identität erwächst. Ein Leben in zwei Welten, das Velikic jedoch nicht allein als Verlust, sondern auch als Inbegriff der Möglichkeit erzählt: «Ich bin überzeugt, dass jeder Mensch ein erfundenes Leben führt. Jeder Mensch hat in seinem Kopf einen Erker, in dem ein erfundener Liebhaber, eine erfundene Liebhaberin steckt. Das ist ein ganz normales und daher häufiges Phänomen: ein geheimes, aber erfundenes Leben. Aber wenn uns solch ein Leben die ganze Zeit begleitet, dann nimmt es auch Einfluss auf unser wirkliches Leben. Und mich, sowohl als Leser als auch als Schriftsteller, interessieren die Berührungspunkte zwischen dem erfundenen, imaginierten und dem wirklichen Leben.»
In seinen Romanen erschafft Velikic diese Berührungspunkte, indem er von Wieder- und Doppelgängern erzählt oder seinen Figuren quasi übersinnliche Fähigkeiten verleiht, mit denen sie Zeit und Raum sowohl überbrücken als auch verbinden – somit eröffnet Velikic genau jenes existenzielle Niemandsland , in dem sich der Emigrant tatsächlich befindet. Denn das ist die Kunst des Romanciers Velikic: als Erzähler zu verführen, und das auch mit Fragen, die ebenso politische Existenzialia streifen, ohne je die Literatur an das Politische zu verraten. Während er selbst seit über zehn Jahren politische Essays zur Situation seines Heimatlandes verfasst – «eine Art der mentalen Hygiene» – und Mitglied ist in der von Nenad Popovic gegründeten Gruppe 99 zur Vernetzung serbischer, kroatischer, bosnischer und slowenischer AutorInnen, schimmern der Krieg und der Zerfall Jugoslawiens in seinen Romanen immer nur wie eine Folie durch, deren Transparenz ihm den Verlust einer Welt zu illustrieren erlaubt, indem er diese verloren gegangene Welt auf ganz eigene Weise noch einmal zum Leben erweckt: «Mich interessiert in der Literatur das, was hätte passieren können, aber nicht passiert ist. Bergson zufolge stellt jeder Schriftsteller seine Literatur aus dem her, was nicht in seinem Leben passiert ist. Ebenso wenig existiert laut Bergson das absolute Vergessen. Erinnerungen aber melden sich vollkommen ungeordnet wieder, ohne jeden Anlass kommt eine Erinnerung wieder an ein Bild, das man vor zwanzig, dreissig Jahren erlebte. Ich bin zudem überzeugt, dass die Bilder, die man als Kind gesehen hat und die einem auf den ersten Blick banal erschienen, etwas in einem wachrufen können, das man zu diesem Zeitpunkt noch nicht realisieren konnte, das aber später eine gewisse Form annimmt. Und auch, wenn wir das mental noch nicht begreifen konnten, haben wir mit der Haut bereits sehr wohl die Dramatik einer Situation erfassen können. Und wenn wir darüber reden, dann reden wir eigentlich von den Dingen, den Gegenständen. Ich glaube, dass Gegenstände, die hundert Jahre alt oder älter sind, auf ihrer Oberfläche Schichten von den Menschen mit sich tragen, mit denen sie zu tun gehabt haben. Mit diesen versteckten Schichten des Lebens aber – einer Art Thriller, der zwischen den Menschen und den Gegenständen besteht – beschäftige ich mich hauptsächlich in meinen Büchern.»
Tatsächlich scheinen die Dinge manches Mal die eigentlichen Protagonisten in seinen Büchern zu sein: beseelte Wesen, die wie in den Romanen etwa von Stefan Chwin eine Art archäologischen Leitfaden abgeben, um die tiefer gelegenen Schichten von Lebens- und geografischen Räumen wie Jahresringe freizulegen. «Via Pula» beispielsweise – laut Velikic thematisch wie stilistisch eine Art «Wörterbuch» seiner Literatur – ist Geschichtslektion und magisches Panoptikum zugleich über die Geschicke der von Eroberungen und fremden Mächten heimgesuchten Stadt Pula. «Das Astragan-Fell» wiederum wirft einen Blick hinter die Kulissen der Stadt Belgrad, jenen Sammelort der Entwurzelten, der ebenso oft für das Weltentheater namens Krieg herzuhalten hatte. Es sind gleichermassen historische wie literarische Ausgrabungen, die Velikic da vollzieht, denen auch sein eher in konzentrischen Kreisen denn linear verfahrendes Erzählen geschuldet ist.

Abschied von Mitteleuropa?
«Topografie»: Ohne diesen Begriff ist seine Literatur ohnehin ebenso undenkbar wie ohne den obligaten Baedeker-Reiseführer, den all seine Figuren stets mit sich führen. Diese Topografie aber trägt einen eher geistigen Namen: Mitteleuropa. Ob Belgrad, Triest oder Pula – stets bannen die Schauplätze seiner Romane das, was man mediterranes Klima nennen kann: «Obwohl dieser Raum, der Begriff Mitteleuropa in den letzten zehn, fünfzehn Jahren an Bedeutung verloren hat, ist er für mich immer noch sehr wichtig», räumt Velikic ein. Dabei verbinde ihn, der zwar in Belgrad geboren, aber im istrischen Pula und damit kosmopolitisch aufgewachsen ist, weder ein bestimmtes Gefühl noch eine bestimmte Erinnerung mit diesem Raum. «Aber Mitteleuropa ist für mich vor allem die Literatur von Schriftstellern, die ich liebe: Broch, Canetti, Musil, ganz besonders aber Italo Svevo.» Erfahrungsschichten seien diese Lektüren, die sich nicht nur in ihn, sondern auch in seine eigenen Bücher eingeschrieben haben. Dies gilt gleichermassen für die Werke von Danilo Kis und Vladimir Nabokov, auf deren Spuren man bei Velikic beständig stösst.
Doch verfolgt man den Bogen seiner Bücher von «Via Pula» nun zu «Der Fall Bremen», so scheint sich leise, aber merklich ein Abschied anzukündigen: Mitteleuropa wird im neuen Roman nicht mehr sinnlich beschworen, sondern eher infrage gestellt: «Wen interessiert das heute noch?», heisst es bezeichnenderweise an einer Stelle in «Der Fall Bremen». Und waren seine Emigranten, wie zum Beispiel noch in «Dante-Platz» – jenem Roman über den Archetypus des mitteleuropäischen Schriftstellers anhand dreier fiktiver Autobiografien –, bis dato immer noch in einem anderen Leben angekommen, so scheint genau dieses Ankommen wie ausgestrichen im neuen Roman; nicht umsonst wohl ist eine in ihrem Realismus überraschende Passage über den Freitod Walter Benjamins in den Pyrenäen eingefügt.
«Es gibt keine glückliche Emigration», so Velikic. «Der Emigrant, der aus einem Leben herausgetreten ist, wird die ganze Zeit darüber nachdenken, was gerade passiert in dem Leben, das er verlassen hat. Auf diese Weise aber untergräbt man sein eigenes Leben.» Velikic selbst betrat erstmals im Jahr 2000 wieder den Boden seiner Heimatstadt Belgrad. Jugoslawien, so schrieb er einst in «Die Stimme aus der Erdspalte», seinem so scharfzüngigen wie klugen Essay zur Situation der dortigen Intellektuellen, sei die «Achillesferse des zukünftigen vereinten Europa». Diese Prognose gilt für ihn noch heute, und das umso mehr: Gerade in Belgrad sehe er den «Triumph des Bastards», eine Mischung von Menschen und Völkern, die er als Ressource der Zukunft erachtet. Es ist diese Mischung, die ihm auch den Reiz von Berlin ausmacht – dennoch wird er nun, Anfang Juli, endgültig zurückkehren in die Arme des Bastards Belgrad. Ob man ihn dort wirklich gerne erwartet, steht auf einem anderen Papier. Diese Ungewissheit der Zukunft aber vermag den Autor des Möglichkeitssinns und Kosmopoliten Velikic nicht zu schrecken. Im Gegenteil. Denn, so Velikic: «Wir sind alle Emigranten, die aus einem möglichen besseren Leben herausgeschmissen worden sind.»

(Das Gespräch der Autorin mit Dragan Velikic dolmetschte Claudia Busija).

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie in der www.woz.ch]

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