Der Fall Arbogast von Thomas Hettche, 2001, DuMont1.) - 2.)

Der Fall Arbogast.
Roman von Thomas Hettche (2001, DuMont).
Besprechung von Jamal Tuschick in der Frankfurter Rundschau, 14.11.2001:

Geschichten, die auf der Haut passieren
Der Schriftsteller Thomas Hettche, dem Berlin zu weit im Osten liegt, stellt seinen Kriminalroman "Der Fall Arbogast" vor

Er debütierte glanzvoll. Als Thomas Hettche 1989 mit Ludwig muß sterben bei Suhrkamp seinen ersten Roman herausbrachte, wußte niemand weniger von seinem Glück als er selbst. Hettche war 25. Dem im Wortsinn jungen Autor fehlte jede Idee von den konstituierenden Merkmalen des Literaturbetriebs. Hettche fiel nichts auf an seinem außerordentlichen Entree: "Ich dachte, das müsste so sein". Nach ihm wurden vergleichbare Karrieren zur Gewohnheit; mit ihnen befreite sich die neue deutsche Literatur vom Modergeruch der Ladenhüter.

Die Konjunktur einer Sparte, die lange ohne nennenswerte Öffentlichkeit auskam, verstellt den Blick auf die Situation des literarischen Nachwuchses in den achtziger Jahren. Im Widerstand gegen einen allgemeinen Rückzug in die Sprache, forderten Kritiker (mit einem sämtlichen Versuchen vorauseilenden) Vergeblichkeitsbewusstsein von den jungen deutschen Autoren "Welthaltigkeit". Wieder sollte von Amerika gelernt werden.

In dieser Stimmung reüssierte Hettche. Er erschien singulär, bis hin zu seiner Fähigkeit, auf die elektronischen Medien angemessen zu reagieren. Vor diesem Hintergrund verblüfft die Auskunft des aus Staufenberg bei Gießen gebürtigen und dort ohne besondere Vorkommnisse herangewachsenen Schriftstellers, er habe die Literatur lange nur für eine von mehreren Möglichkeiten gehalten, um sich zu positionieren. Zum Zeitpunkt seines Debüts steckte er in einem Studium, auch der Theater- und Filmwissenschaften, mit der Vorstellung, als Journalist daraus hervorzugehen. Die Neigung fand einen Niederschlag vor allem in Fernsehkritiken, oft Serien betreffend, so wie Raumschiff Enterprise, die er - im Vorgriff auf eine Aufwertung der Populärkultur im Feuilleton - früh in den neunziger Jahre für die Frankfurter Allgemeine Zeitung schrieb.

Fernsehen ist wichtig für Hettche geblieben, so wie Kino. 1992 folgte ein Band mit Erzählungen, Inkubation. Im selben Jahr zog Hettche nach Berlin. Dort entstand Nox, Hettches zweiter Roman (Suhrkamp 1995).

Das Gedächtnis des Autors hebt kaum freundliche Erinnerungen an Berlin auf. Die Stadt liegt Hettche zu weit im Osten. Sie konfrontierte ihn mit "schrecklichen Wintern". Ein Villa-Massimo-Stipendium bescherte Hettche, der im übrigen mit einer ganzen Reihe von Auszeichnungen geehrt wurde, Mitte der Neunziger einen Aufenthalt in Rom, wo er sich wohler fühlte als in Berlin. Er kehrte 1997 nach Frankfurt zurück, um zu bleiben. "Direkt" und "unprätentiös" nennt er Frankfurt.

Hier stellte er 1997 an einem passenden Ort, dem West-Östlichen Divan im legendären Sudfaß, I Modi - Stellungen vor, eine Nachdichtung der "Sonette des göttlichen Pietro Aretino". Der Band kam bei "Gatza im Eichborn Verlag" heraus, auch dieses Inprint ist schon wieder Geschichte. 1999 publizierte Hettche im soeben gegründeten DuMont Verlag den Essay Animationen. Gleichzeitig startete er ein Internetprojekt, an dem sich vom ersten Januar bis zur Jahrtausendwende zahlreiche Autoren mit Rede und Widerrede beteiligten. Eine Dokumentation dazu edierten Hettche und Jana Hensel unter dem Titel Null (DuMont 2000).

Zuletzt erschien von Hettche Der Fall Arbogast, ein Kriminalroman mit historisch verbürgter Vorgabe. Wie auch an älteren Stellen in Hettches Werk spielen darin Sexualität, Gewalt und aufgeschnittene Leichen ihre Rollen. Der Autor erklärt diesen Fokus mit einem besonderen Interesse an Geschichten, "die auf der Haut passieren". Für den Fall Arbogast habe er "viel recherchiert". Er erkundete die Lebensumstände seines Helden, dem zu Zeiten, als es in Deutschland noch Zuchthäuser gab, ein Lustmord zur Last gelegt wurde. Arbogast saß in Bruchsal ein. Hettche folgte ihm in seine Einsamkeit soweit, dass er sich in einer Zelle einschließen ließ.

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Der Fall Arbogast von Thomas Hettche, 2001, DuMont2.)

Der Fall Arbogast.
Roman von Thomas Hettche (2001, DuMont).
Besprechung von Gudrun Norbisrath in der WAZ, vom 1.12.2001:

Ein Buch, das fesselt und bis zur letzten Seite nicht loslässt, ist auch Der Fall Arbogast von Thomas Hettche. Unerwartet traditionell, dabei berührend dicht, zart und packend schildert der Autor einen authentischen Kriminalfall aus den 50er Jahren. Die Erzählstränge sind eindrucksvoll komponiert, und bei der Frage: Was ist ein Lustmord? geht es um Menschlichkeit so gut wie um Sinnlichkeit. Ein Buch, das auf stille Weise aufregt.

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