1.) - 2.)

Der Eroberer.
Roman von Jan Kjaerstad (2002 - Übertragung Angelika Gundlach).
Besprechung von Christoph Schröder in der Frankfurter Rundschau, 26.4.2002:

Der Erinnerer
65 Episoden über einen Mann unter Mordverdacht: Der norwegische Autor Jan Kjaerstad las aus "Der Eroberer"

Jan Kjaerstad hat zwar Theologie studiert, aber niemals als Pastor gearbeitet. Jan Kjaerstad ist auch kein Rockmusiker, war aber einmal Keyboarder in einer New-Wave-Band. Der 1966 geborene Norweger ist Schriftsteller, einer der bedeutendsten seines Landes, 2001 ausgezeichnet mit dem Preis des Nordischen Rates, dem bedeutendsten skandinavischen Literaturpreis, für seine Trilogie um den Fernsehjournalisten Jonas Wergeland, der für seinen Erfinder ein "Repräsentant eines Volkes von Zuschauern der Weltgeschichte" ist.

In Deutschland ist soeben der zweite Band erschienen, Der Eroberer, den Kjaerstad gemeinsam mit seiner Übersetzerin Angelika Gundlach im Frankfurter Literaturhaus vorstellte.

In 65 Episoden ergründet das Buch Jonas' Biografie bis zu dem Zeitpunkt, an dem er unter dem Verdacht, seine Frau Margarete ermordet zu haben verhaftet wird. Kjaerstads Biograf erzählt sprunghaft und assoziativ; der Unlogik der Funktionsweise von Erinnerung folgend, wird hier ein Leben in Geschichten der unterschiedlichsten Art präsentiert und gleichzeitig die Schlüssigkeit des Erzählens selbst immer wieder reflektiert.

Da ist die Geschichte des Monuments aus kleinen Eisklötzen, das Jonas auf einem zugefrorenen See baut, während Margarete auf Schlittschuhen um ihn herum kurvt. Glitzernd steht es in der Sonne, einem Tempel gleich, bis ein Eishockeypuck alles in sich zusammen stürzen lässt. Margarete lacht - "war es möglich, dass er sie hier schon ermordete?"

Wer stellt diese Vermutung an? Ist Biografie eine Konstruktion, die sich beliebig verändern lässt, je nach Perspektive, je nach Erzählweise?

25 Jahre später hat Jonas Wergeland einen Autounfall. Im Moment des Zusammenpralls, der glimpflich endet, in den Sekundenbruchteilen der Gefahr, die in die Ewigkeit gedehnt scheinen, trifft Jonas plötzlich die Erkenntnis, dass Margarete schon seit Jahren ein Verhältnis mit seinem besten Freund hat. Nur ein Hirngespinst? Oder das Motiv für den Mord?

Der Eroberer wirft Fragen auf, die wohl selbst nach der Lektüre dieses komplex gebauten Romans nicht endgültig beantwortet sein dürften. Ein weniger emotionsloser Vortrag der deutschen Passagen als der durch Angelika Gundlach, bei dem die innere Gespanntheit des Textes auch nur halbwegs erhalten geblieben wäre, hätte mit Sicherheit auch das Interesse vergrößert, das herausfinden zu wollen.

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2.)

Der Eroberer.
Roman von Jan Kjaerstad (2002 - Übertragung Angelika Gundlach).
Besprechung von Guido Graf in der Frankfurter Rundschau, 9.7.2002:

Weltbejahungsmaschine
Jan Kjærstads Geschichte des Mörders Jonas Wergeland

Wie man ein Leben erzählt - so lautet die scheinbar simple Aufgabe, der sich der norwegische Schriftsteller Jan Kjærstad mit seiner Roman-Trilogie über den Fernsehstar Jonas Wergeland gestellt hat. Vor drei Jahren erschien, immer in der eleganten und souveränen Übersetzung von Angelika Gundlach, der erste Teil: Der Verführer. Mit Groß denken, einer nach einem Ibsen-Zitat programmatisch benannten Dokumentarserie über berühmte Norweger schlägt Jonas Wergeland die "vier Millionen verfrorenen Seelen" seines Landes in Bann. Die Lebensgeschichten von Komponisten, Bildhauern, Bakteriologen und Modeschöpfern formt er zu mitreißenden Portraits von Menschen um, die alle von einem Willen zur Größe geprägt sind. Die Welt soll wachsen, und Jonas nimmt seinen Anteil daran. Der tanzende Rhythmus aus Vor- und Rückblenden führt uns Kindheit, Jugend und erwachsene Gegenwart von Jonas Wergelands Leben vor als große Weltbejahungsmaschine. Alles fliegt ihm zu, alles lässt ihn nur noch größer und staunenswerter werden.

Einen blinden Fleck nur gibt es in diesem großartigen Leben. Der Verführer beginnt und endet damit, dass Jonas in seinem Haus vor der Leiche seiner Frau Margrete steht. Was tatsächlich geschehen ist, erfahren wir ausdrücklich nicht. Doch eben hier legt Kjærstad, der seinen Roman von keinem Gringeren als Gott erzählen lässt, den Grundstein für den 1996 im Original erschienenen zweiten Roman über Jonas Wergeland: Der Eroberer. Am Ende von Der Verführer wird die Möglichkeit beschworen, ein Leben dadurch zu verändern, dass man es anders erzählt. Genau das nun macht Der Eroberer: Die gleiche, aber eben eine ganz andere Geschichte.

Ein Professor erhält den Auftrag, die Biographie Jonas Wergelands zu schreiben, der wegen Mordes an seiner Frau Margrete verurteilt wurde und damit ganz Norwegen in hellen Aufruhr versetzt hat. Der Professor scheitert an der Fülle des Materials, er weiß nicht, was dieses Leben zusammenhält. Eines Tages erhält er Besuch von einer unbekannten Frau, die ihm ihre Version von Jonas Wergelands Leben diktiert. Sie erzählt die Geschichten, sorgt immer wieder für Verzögerungen und besteht auf einer Reihenfolge, die jeglicher Chronologie zuwiderläuft: "… als Jonas Wergeland mit dem Finger am Abzug dastand und auf Margrete Boecks Herz zielte, kehrten seine Gedanken zurück …"

Der Eroberer liefert nur die Schatten- und Nachtseiten, die Jonas Wergeland in Der Verführer so ganz zu fehlen schienen. Dort spielte beispielsweise die noch junge Freundschaft Jonas' mit dem Schiffer und ehemaligen Schauspieler Gabriel Sand eine bedeutende Rolle. Bei ihm fand Jonas immer eine stille und gelassene Zuflucht. Nun, im "Eroberer", wo immer wieder, wie ungläubig, die Frage gestellt wird, wie man ein Eroberer werde, kommt noch eine andere Geschichte hinzu, in der Jonas von dem betrunkenen Gabriel brutal vergewaltigt wird.

Sein ganzes Leben will Jonas ein Eroberer sein. Er unternimmt Reisen in die entlegensten Winkel der Welt, doch ist das alles nur die Simulation eines Eroberers, der nicht versteht, was er selbst leistet, der nicht versteht, "dass ein Mensch Gegensätze in sich tragen kann, die einander scheinbar ausschließen, dass er seine eigenen spärlichen Fähigkeiten zu etwas Genialem erweiterte, sich selbst an den Haaren emporzog und dass er dadurch vielen Menschen Hoffnung geschenkt hatte, uns allen, die wir unsere Gewöhnlichkeit zu etwas Großem gebrauchen wollen."

Die drei Bücher der Wergeland-Trilogie (die Übersetzung des letzten Romans ist in Vorbereitung) verhalten sich zueinander wie nicht ganz konsistente Parallelen, die sich, zumindest in den Augen des Lesers, bisweilen einander anzunähern oder gar zu schneiden scheinen. Während Jonas Wergeland im "Verführer" geradezu eine Lichtgestalt ist, lernen wir ihn nun als "Eroberer" von seiner dunklen Seite kennen.

Mit virtuosem Schnitt, mit unerhörter Vielfalt und Genauigkeit verschafft Kjærstads Erzählkino dem Leser einen Eindruck, wie er sonst nur dem Bewusstsein vorbehalten ist: Alles ist gleichzeitig da. In der Gleichzeitigkeit steckt auch die Verwirklichung eines Kindertraums, nämlich jene Allmachtsphantasie, der die Unterscheidungen der Vernunft nichts bedeuten. In diesem Sinne ist Jonas Wergeland auch eine Märchenfigur, eine phantastische Erfindung, die ähnlich ins Herz der (nicht nur) norwegischen Gesellschaft von heute zielt, wie vor einem halben Jahrhundert Thomas Manns Doktor Faustus in das der deutschen.

Wie also wird man ein Eroberer? Wie wird man zum Mörder, und welches sind die schwarzen Löcher in Jonas Wergelands Leben? Auf diese Fragen wird keine schlüssige Antwort geben. Möglicherweise besteht die Kunst Kjærstads eben darin, Fragen dieser Art zu stellen, die an die Existenz gehen und auf die es keine Antwort gibt. Es gibt keine zwangsläufige Verbindung von der Vergewaltigung des unschuldigen Kindes, von den Lügen, den Gemein- und Feigheiten des heranwachsenden Jonas zu dem Mord an Margrete. Auch die geheimnisvolle Fremde in schwarz, die den Professor scheinbar zum Schreiber degradiert, kann nicht alles wissen, so sehr sie auf die Bedeutung der Reihenfolge all ihrer Geschichten Wert legt.

Nicht zufällig erinnert diese Konstruktion an die Geschichten aus Tausendundeiner Nacht. Gleich bei ihrer ersten Begegnung mit dem Professor betont die Erzählerin, dass es um nichts weniger als ein Leben geht. Auch Scheherazade erzählt eine Geschichte nach der anderen, um ihren drohenden Tod aufzuschieben. Kjærstads Erzählerin hingegen scheint mit ihren Geschichten am liebsten Jonas Schuld und vor allem sein Schuldbekenntnis ausradieren zu wollen, nicht um ihn vor der Verurteilung wegen Mordes zu bewahren, sondern, wie sie sagt, vor etwas weitaus Schwierigerem, vor der Sinnlosigkeit.

Für sie ist das der beste Weg, Jonas Wergeland zu verstehen: ein Bild von seinem Land und den Menschen zu entwerfen, eine Art Mentalitätsgeschichte für einen exemplarischen Zeitgenossen. Was aber ist das besondere an Norwegen? Leere, unendliche Leere, lautet die trügerische Antwort. Alles, was Jonas je versucht und getan habe, sollte nur diese Leere mit Inhalt füllen. "Je größer die Leere, desto mehr Inhalt." Doch der Logik des Romans folgend, verschwindet Jonas selbst in eben dieser Leere. Er, der von seinen Landsleuten wegen seiner Serie über große norwegische Persönlichkeiten wie ein Gott verehrt wurde, ist in Wahrheit vollkommen durchschnittlich.

Der Professor ist der Überzeugung, das, was wirklich wichtig für das Leben eines Menschen sei, könne kein Portrait einfangen. Das Wesentliche sei immer zwischen den Bildern und Erzählfäden zu finden. Das nicht bedacht zu haben, könnte Jonas Wergelands Schicksal gewesen sein. Erst wurde er für seine Serie gelobt und geliebt, weil er die Großen auf Augenhöhe mit ihren Bewunderern brachte. Dann, nach Jonas tiefem Fall, wurde er aus dem gleichen Grund geschmäht, weil nun diese Berühmtheiten zu gewöhnlich erschienen, zu ähnlich Jonas selbst, zu ähnlich den Zuschauern und jedermann. Hier sieht der Professor auch das eigentliche Motiv Jonas' für den Mord an seiner Frau: weniger Eifersucht als die Angst, in der eigenen Mittelmäßigkeit entdeckt zu werden.

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