Der Engel von Omorina von Miro Gavran, SeifertDer Engel von Omorina.
Roman von Miro Gavran (
2004, Seifert Verlag - Übertragung Hans-Joachim Lanksch).
Besprechung von Stephan Sigg in Plebs, Schweiz:

Ein Dorf und die Behinderung

Der geistig behinderte Mislav kommt erst nach fünfzehn Jahren in einer Zagreber Sonderschule wieder zu seinen Eltern nach Hause. Sie hatten ihr Kind weggeben, damit keine gesellschaftlichen Probleme aufkommen und die beiden jüngeren Kindern ungestört aufwachsen können. Frisch im Dorf angekommen, fällt es dann tatsächlich allen schwer, sich mit der Behinderung auseinander zu setzen.

Die Geschwister und das Dorf sind geschockt, als sie erfahren dass das Ehepaar Neda und Niko noch ein drittes Kind hat - einen Sohn, der aber wegen seiner geistigen Behinderung seit über zehn Jahren in einer Zagreber Sonderschule weilt. Doch als dort die Ausbildung zu Ende geht, bleibt ihnen nichts anderes übrig, als den behinderten Sohn ins Dorf Omorina zu holen, wo man anfangs mit kalter Ablehnung und Ekel reagiert. Die Familie wird gemieden und auch Mutter Neda lässt ihren Sohn spüren, dass er unerwünscht ist. Doch der behinderte Mislav bekommt mehr mit, als die anderen erwarten würden und führt über seine Erlebnisse und Gefühle detailliert Tagebuch.
Nachdem Mislav immer mehr Kontakte schliesst, glätten sich die Wogen und er wird als richtiger Dorfbewohner akzeptiert. Nur nimmt dann bereits das nächste Unheil seinen Lauf: Mislav verliebt sich in die schöne Nachbarstochter. Das Liebesspiel à la "Romeo & Julia" lässt sich nicht merh aufhalten und für die Beteiligten gibt es kein glückliches Ende.

Ausgrenzen von Behinderten

Der kroatische Autor Miro Gavran hat ein Buch ganz aus der Sicht eines Behinderten geschrieben. Dabei hat er auch alles daran gesetzt, einen speziellen Schreibstil zu verwenden, um zu zeigen, wie die Gedankenwelt eines geistig Behinderten funktioniert. Für den Leser ist das manchmal etwas anstrengend - vor allem wegen der verwirrenden Syntax. Doch trotzdem schafft der Autor eine Atmosphäre und animiert den Leser zum Nachdenken über die Akzeptanz bzw. das Ausgrenzen von behinderten Menschen. Was vielleicht in einer Grossstadt wie Zagreb nicht mehr so schwierig ist, ist in dem kleinen slawonischen Dorf Omorina ein grosses Problem. Und Omorina steht nicht nur für zahlreiche andere Dörfer in Kroatien, sondern dieses Geschichte könnte sich genauso gut irgendwo in der Schweiz ereignen. Ein spannendes Buch mit bitterem Ende, das gerade durch die Einfachheit der Sprache so viel aussagt und zum Nachdenken anregt!

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Leseprobe I Buchbestellung 0804 LYRIKwelt © plebs netzmagazin I Stephan Sigg