Der Engel der Geschichte.
Gedichte von Charis Vlavianos (2001, Romiosini - Übertragung Dadi Sideri und Dimitra Visaitou).
Besprechung von
Joachim Sartorius aus Süddeutsche Zeitung vom 4.1.2002:

Herbstwind
Erstmals auf deutsch: Der Lyriker Charis Vlavianos

Die Gedichte von Charis Vlavianos, einem 44 Jahre alten, in Athen Geschichte und Ideengeschichte lehrenden Griechen, sind offene Gebilde. Die Trennung von Poesie, Philosophie und Alltagsleben kennen sie nicht. Nach „griechischen“ Themen sucht man in ihnen vergeblich. Das hängt zum einen gewiss damit zusammen, dass Vlavianos ein Kosmopolit ist – in Rom geboren und aufgewachsen, hat er in Bristol und Oxford studiert. Zu dem hat er deutliche angelsächsische, im engeren Sinn amerikanische Vorlieben – Walt Whitman, Ezra Pound, Wallace Stevens und John Ashbery, die er allesamt ins Griechische übersetzt hat. Die Nähe seiner poetischen Texte zu denen etwa Ashberys ist nicht zu verkennen. In seinen längeren Gedichten montiert Vlavianos Zitate und der Straße abgelauschte Redewendungen, mischt lyrische Passagen mit Aphorismen, setzt „niedriges“ Parlando scharf gegen höhere Tonlagen. Dieser Verzicht auf stilistische Einheit und die Abbildung des dichterischen Prozesses im Gedicht selbst wirken erfrischend. Es gibt hier keine Posen, keinen Stillstand, auch keine eindeutige Interpretation.

Charis Vlavianos’ deutscher Erstling stellt nun eine Auswahl sorgfältig übersetzter Gedichte aus den drei letzten Bänden „Das Heimweh nach den Himmeln“ (1991), „Adieu“ (1996) und „Der Engel der Geschichte“ (1999) vor sowie eine Sammlung von poetologischen Notizen „Der andere Ort“(1995), die sich wunderbar als Einstieg in sein Werk eignen. Wir finden hier Sätze des Rationalisten: „Die Dichtung beruht nicht auf anarchischem Denken“, des Desillusionierten: „Jetzt, da alles erwachsen ist, vermag die Dichtung nicht mehr groß zu sein“, aber auch des verdichtenden Tagebuchschreibers, der von einschneidenden Ereignissen der eigenen Vita, wie vom Tod des Vaters oder vom Abgang des „neuen Vaters“ berichtet: „Nichts ist in der Dichtung wahr, außer den Übertreibungen des Ich.“

Die Strickleitern der Philosophie

So sind diese Gedichte im Grunde eine fortlaufende Autobiographie, jedoch auf eine reflexive Ebene gehoben, die das Private wieder ausmerzt und auch das Gespräch mit den Denkern der Postmoderne und der analytischen Philosophie aufnimmt. Besonders im letzten Gedichtband „Der Engel der Geschichte“, dessen Titel auf Walter Benjamin verweist, finden wir eine Reihe von bedeutenden Gedichten, die das Nachdenken über unsere Zeit mit Bildern zur Natur der poetischen Erfahrung verknüpfen. In „Fin de siècle, mal de siècle“ nimmt Vlavianos Abschied vom „verkrüppelten Jahrhundert“: Unter seinen barbarischen Pompejis (Terezin, Treblinka, Timisoara) / neben den zertrümmerten Schädeln der Andersgläubigen / liegen die hohen Strickleitern der Philosophen begraben / die sonnendurchfluteten Schuldgefühle der Dichter.

Auch „die heißen Tränen der Poesie vertrocknen, noch bevor sie sich recht formen“. Aber es gibt einen schlichten Trost: Geliebt zu haben und geliebt worden zu sein. Dies gibt eine Art Sicherheit, einen festen Punkt, von dem aus der Sturm, der den Engel der Geschichte unaufhaltsam in die Zukunft treibt, gefasst betrachtet werden kann: Der Herbstwind, / der diesen Worten einen Sinn gab, / und  ihren metaphysischen Glanz gewaltsam löschte, /  kennt sehr gut das Geheimnis, das sie verbergen. //  Du übrigens auch, / der sich bückt um ein trockenes Blatt vom Treppenabsatz / aufzuheben. // Das Blatt der Wirklichkeit.

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