Der elektrische Michaelangelo von Sarah Hall, 2005, LiebeskindDer elektrische Michelangelo.
Roman von Sarah Hall (2001, Verlagsbuchhandlung Liebeskind).
Besprechung von Alexandra Supertramp für Amazon.de, 1.10.2005:

Jahrmarkttrubel, siamesische Bardamen und bunte Bilder

Anfang des letzten Jahrhunderts wächst Cyril Parks im Seebad Morecambe Bay an der englischen Nordwestküste auf. Cy, der schon immer ein talentierter Zeichner war, tritt dort in jungen Jahren eine Lehre bei Eliot Riley an, dem berühmt-berüchtigten ortsansässigen Tätowierer. Riley ist ein begnadeter Künstler, aber auch ein notorischer Trinker und ein draufgängerischer Querulant, der keinen guten Ruf genießt. Nur als Tätowierer ist sein Ruf tadellos. Cy lernt in seiner Zeit bei Riley viel über die tiefen Abgründe des Lebens und die hohe Kunst des freihändigen Tätowierens. Als Riley dann in den 30er Jahren stirbt, schifft Cy sich nach Amerika ein.

Als Tätowierer kommt er schon bald auf Coney Island unter, dem ewigen Jahrmarkt vor den Toren New Yorks. Hier geht Cy seiner Arbeit nach, tätowiert Meerjungfrauen und Herzen auf Oberarme und trinkt abends im Varga, der Kneipe mit den siamesischen Kellnerinnen, einen Drink - bis die mysteriöse Zirkusakrobatin Grace mit einem äußerst ungewöhnlichen Auftrag an ihn herantritt und Cy sich in sie verliebt ...

Die Lebensgeschichte eines Tätowierkünstlers ist schon für sich genommen ein literarisch eher seltenes Vergnügen. Hall führt eine Reihe skurriler Figuren in die Geschichte ein. Sie widmet sich einem faszinierenden Ausschnitt vom Rande der menschlichen Gesellschaft und erzählt dabei eine Geschichte, die dennoch mitten aus dem Leben gegriffen scheint. Halls Figuren haben Ecken und Kanten. Sie mögen noch so kurios erscheinen und noch so sonderbar wirken, sie wirken dennoch echt.

Hall beobachtet das bunte Treiben im Tätowierstudio von Eliot Riley uns auf Coney Island, erzählt kuriose Geschichten um Tätowierungen und Tätowierte, Geschichten zwischen Schönheit, Schmerz und Leidenschaft. Besonders gut macht sie ihre Sache vor allem aufgrund ihrer herausragenden sprachlichen Fingerfertigkeit. Virtuos jongliert sie mit Worten und zeichnet im Kopf des Lesers farbenprächtige und plastische Bilder - ähnlich unauslöschlich, wie die Bilder, die Cy seinen Kunden mit der Nadel in die Haut ritzt.

Am Ende sind es alle großen menschlichen Gefühle, die der Roman in sich vereint. In "Der Elektrische Michelangelo" spiegeln sich viele Facetten von Liebe, Schmerz und Lebensphilosophie, sowie die dunklen und auch die hellen Seiten der menschlichen Seele wieder. Der Roman bekommt dabei trotz seiner kuriosen, "unnormalen" Figuren etwas Universelles.

FAZIT: Lesenswertes und faszinierendes Kopfkino für alle, die skurrile Figuren mögen. Dass "Der Elektrische Michelangelo" für den Booker-Preis nominiert wurde, kommt nicht von ungefähr.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter In Partnerschaft mit Amazon]

Leseprobe I Buchbestellung 1112 LYRIKwelt © Amazon.de I A.S.