1.) - 2.)
Der Eisvogel.
Roman von Uwe
Tellkamp (2005, Rowohlt).
Besprechung von Martin Krumbholz in der Frankfurter Rundschau, 16.3.2005:
Es lebe die Tat. Oder nicht?
Uwe Tellkamp will ran an die rechtselitären Herrenmenschenattitüden
Ein ehrgeiziger junger Autor, Jahrgang 1968,
Bachmannpreisträger seines Zeichens, was hat er wohl zu erzählen - und wie tut
er es? Dramatisch geht es los, mit zwei Schüssen, "flach und scharf",
ein gewisser Mauritz geht der Welt verloren, der Ich-Erzähler hat geschossen,
die Eierteigwarenfabrik steht in Flammen: Ein bisschen "Tatort" darf
schon sein, dergleichen nennt man einen furiosen Einstieg. Der Schluss der
Geschichte spannungsschürend vorweggenommen. Ein "Herr Verteidiger"
ist der formale Adressat, auch wenn er als Person gar nicht auftritt. Solche
kleinen Finessen gehören seit jeher zum handwerklichen Repertoire des modernen
Romans. Erzählt wird in langen Satzkaskaden und dennoch kurzatmig: Die Passagen
brechen punktlos ab, die Perspektive wechselt des öfteren, Zeugen melden sich
zu Wort, erzählen vom Ich-Erzähler Wiggo Ritter, 30, Philosoph, wohnhaft in
Berlin, Privatschulabsolvent (Vater: Banker), der seinerseits gerne redet und
lang.
Die dramaturgische Klammer verbindet also Anfang und Ende des Romans,
Protagonisten und Antagonisten, Aufstachelung und Beruhigung. Mauritz
Kaltmeister liegt erschossen da, der Ich-Erzähler Wiggo Ritter hat sich endlich
in das Raubtier verwandelt mit "dschungelheißen Konquistadorengenen",
wie es die Ego-Trainer der aufgemischten und zugleich stagnierenden Epoche ihren
von Natur aus handzahmen Schützlingen allenthalben großspurig einreden. Damit
ist freilich auch, vorläufig zumindest, das "normale Leben" beendet,
das zu führen Wohlmeinende dem armen Ritter abfordern. Normalität? Was
verstehen wir darunter? Die Frage wird gleich zu Anfang des Romans gestellt und
kompetent beantwortet: Ein normales Leben zu führen heißt Geld verdienen,
"gutes Geld für gute Leistung". Geld ist verwandeltes Leben, sagt
Ritters Vater, und als Banker muss er es wissen. Auch Romane sind verwandeltes
Leben.
Wiggo Ritter hat über Thomas Morus' Utopia promoviert, das kann nur
programmatisch zu verstehen sein, Utopien interessieren den jungen Mann, obwohl
er - mangels Geld - Mühe hat, sein eigenes Leben zu verwandeln. Ein Philosoph,
scheint es, ist immer auch ein Kauz, der nicht einfach hingeht und gutes Geld für
gute Leistung einstreicht, sondern der die Realität "hinterfragt",
der irgendwie schwierig ist oder komisch und mit dem wirklichen Leben entzweit
(Hegel). "Gefühlsgedeckelt", wie's die Ego-Trainerin in ihrem blöd-saloppen
Selbstbefreiungsjargon nennt. Und wer die Realität hinterfragt, der verpfuscht
sie, mag er auch wähnen, er verwandle sich selbst. Der Banker-Vater bestellt
den einzigen Sohn zum Lebensplanungsrapport ein und verkuppelt ihn en passant
mit der flotten Assistentin. Das funktioniert sogar. Später gründet Ritter
eine "Philosophie-Praxis" in Berlin. Ein Projekt, das seiner
chronischen Geldnot leider nicht abhilft.
Der Eisvogel ist ein Roman über die Angst. Die Angst vor dem sozialen
Abstieg, vor dem Selbstwertverlust, der Aporie. "Ich hatte sie
kennengelernt in meiner Praxis", spricht der Erzähler, "die Sorgen
der Menschen, die zu mir kamen. Und was ich sah, war, dass das beherrschende Gefühl
im Leben der Menschen, unter den Maskierungen, Zynismen, Scherzen, Ablenkungsmanövern,
Angst war." Die Angst hinter den Maskierungen will dieser Roman aufdecken;
und dazu ist jedes Mittel recht, das nichts mit Ironie (also Verstellung) zu tun
hat, sondern mit Pathos. Also mit Schmerz und Leid. "Ego ohne Pathos ist so
wabblig wie Couchkartoffeln", meint, diesmal etwas kryptisch, unsere fidele
Trainerin. Man riecht förmlich den Schweiß der Psycho-Fitness-Jünger.
Auch der Terror ist eine pathetische Geste. Der Angriff kommt diesmal von
rechts. Ritters eingangs erwähnter Antagonist, ein charismatischer Typ mit dem
sprechenden Namen Mauritz Kaltmeister, spielt auf der Klaviatur der Angst von
Desorientierten. Er verficht elitäres, hierarchisches Gedankengut. Obwohl oder
gerade weil seine Eltern einst einem linken Terrorakt zum Opfer gefallen sind,
begründet Mauritz die terroristische Organisation "Cassiopeia", mit
der er die schlaffe Demokratie hinwegfegen und durch klare Ordnungsstrukturen
ersetzen will. "Maßstäbe. Vertrauen. Ende der Beliebigkeit. Saubere
Begriffe. Unterscheidung, Hierarchie, Ränge. Unflat ist Unflat, Mozart ist
Mozart.".
Bachmann ist Bachmann und Tellkamp ist Tellkamp, ja, so könnte man endlos weiter tautologisieren, aber Mauritz Kaltmeister wird in diesem Roman bitterernst genommen mit seinen Herrenmenschenattitüden und Klavierspielkünsten und seinen forschen Kaltmeistereien: "wir müssen zerstören, Wiggo, um dem Neuen den Weg zu ebnen, alles ist verstopft, dicht, ermattet, ermüdet, die Gesellschaft verkalkt, sieh es dir doch an. . ." Das ist so ungefähr das Programm, das von konservativen Honoratioren im Hintergrund, sogar ein Bischof ist dabei, diskret gesponsert wird. In diesen zentralen Passagen entwickelt Der Eisvogel sich zu einem veritablen Ideen- und Debattenroman, Botho Strauß im Taschenuhrformat, während gleichzeitig das Ende der Debatten propagiert wird.
Der "Tatmensch" Kaltmeister nimmt den
Mann des Wortes, den streunenden Philosophen, in den Schlepptau. Es bedarf dazu
freilich eines weiteren Instruments: Die schöne Manuela, Mauritz' Schwester,
ist die Schlaufe, in der Wiggo sich verfängt. Mauritz' hammerharte Visionen
sind für sich allein doch nicht sexy genug. Zwar ist der Vamp Manuela als Figur
nicht frei von klischeehaften Zügen (eine Frau, "die hinreißend aussah in
ihrem schwarzen Abendkleid zum roten Haar"), aber als erotisches Bindeglied
ist sie mindestens so effektvoll in den Roman hineinkonstruiert wie der coole
Vamp in die aktuellste "Tatort"-Folge.
Seien wir fair: Handwerklich hat der Roman einiges zu bieten. Schick und
geschickt jongliert Tellkamp mit dem Multiperspektivismus seiner Dramaturgie.
Der Ich-Erzähler, der nach dem finalen Desaster mit Brandwunden im Krankenhaus
liegt, vergisst auch im letzten Drittel nicht, dass es ja der "Herr
Verteidiger" ist, dem er pflichtschuldig Bericht erstattet. Auch an
sprachlichen Finessen fehlt es nicht. "Der Himmel wird von hellgrünen
Nussknackerzungen gefasst und von den Rändern her strahlig zerbrochen": Da
vernimmt man entzückt den, sagen wir, Turner-inspirierten Lyriker, der Tellkamp
ebenfalls ist.
Allerdings, das politische Skandalon dieses Romans wird denn doch, nachdem es
seine provokative Schuldigkeit getan hat, durch Mauritz' gewaltsamen Tod allzu
elegant weggekickt. Denn wie halten es Autor und Ich-Erzähler mit den frommen Wünschen
und sinistren Drohungen des Herrn Kaltmeister? An dieser entscheidenden Stelle
ist der Roman verdächtig indifferent. Viel wird für die Ehrenrettung
Kaltmeisters getan: Einmal macht er sich in der U-Bahn nicht etwa für die
Skinheads stark, die ein Ausländerpaar anpöbeln, sondern weist sie mutig in
die Schranken. Es soll also gezeigt werden, dass dieser große, blonde
Herrenmensch kein Betonkopf ist, kein Faschist, sondern ein mitfühlender
Mensch, der jeder Aufklärungskampagne Ehre machte. Nur eben mit ein wenig
problematischen oder auch nur provokanten Ansichten.
Aus der glasklaren Analyse der verkommenen -
nicht etwa: der herrschenden - Verhältnisse hätte sich die Tat ergeben sollen,
aber am Schluss schwadroniert dieser Antiheld: "Mein Irrtum war, dass man
nicht schwatzen, sondern handeln müsse... Aber man kann nicht handeln. (. . .)
Wer handeln will in dieser Gesellschaft, wird über kurz oder lang zugrunde
gehen." Lassen wir das gut sein, aber immerhin: Kaltmeisters Thesen bedürften,
solange der Mann noch bei Verstand und nicht vom Suff umnebelt ist, eines
Gegengewichts, wie ja auch - wenn der Vergleich erlaubt ist - ein Naphta einen
Settembrini braucht, der Terrorist den Humanisten. Es scheint aber so, als
spekuliere Uwe Tellkamp ganz gezielt mit der Attraktivität der
Kaltmeister-Figur, ohne sich die Finger verbrennen zu wollen.
Vorschusslorbeeren sind oft eine schwere Hypothek. Der Eisvogel löst die
hohen Erwartungen, die der Bachmann-Preis weckt, bei aller Sprachvirtuosität
und dramaturgischen Finesse bei weitem nicht ein. Zu sehr gefällt dieser Text
sich darin, schweres Geschütz aufzufahren und unbeteiligt bleiben zu wollen,
wenn es kracht.
[...diese und weitere Besprechungen
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2.)
Der Eisvogel.
Roman von Uwe
Tellkamp (2005, Rowohlt).
Besprechung von Simone Dattenberger im Münchner
Merkur, 13.4.2005:
Einladung
zum Nachdenken
Uwe Tellkamps Roman "Der Eisvogel"
"Die lassen einen kaputt gehen, . . . es führt kein Weg rein. Du hast in diesem Land keine Zukunft. . . So verpufft deine Jugend, so wirst du verschwendet und beiseite geworfen, einfach pfft . . ." Wiggo Ritter, junger, angesehener Philosoph an der Berliner Uni, ist aus seiner Assistentenstelle, ist aus unserem System von Arbeit und Lebensinhalt geflogen. Der Mann aus reichem Hause und mit bester Ausbildung erleidet das Schicksal aller Arbeitslosen: Angst, Wut, Hass, Resignation.
Uwe Tellkamp, der im vergangenen Jahr den
Ingeborg-Bachmann-Preis für seine Lyrik bekommen hat, packt in seinem Roman
"Der Eisvogel" ein brisantes Thema mutig an. Der 1968 in Dresden
geborene Schriftsteller (und Arzt) setzt dem Leser keine kernig-realistische
Sozialanalyse vor. Nicht ein Zola
oder Böll sind die
Bezugsgrößen; eher der flirrende Realitätszersplitterer Max
Frisch und die Wirklichkeitsüberzeichner aus dem Kino.
So startet das Buch mit einer klassischen Filmszene, in der der Held entsetzt
zuschaut, wie er einen Menschen erschießt - Einschusslöcher und ungläubige
Augen des Opfers quasi in Großaufnahme. Wiggo präsentiert sich zunächst als Mörder
von Mauritz, bis wir nach und nach Näheres erfahren und sich Roman-Ende und
-Anfang zum Kreis schließen.
Auch Tellkamp präsentiert sich zunächst als artifizieller, zeitgeist-alerter
Autor, bevor er einfühlsam Arbeitslosigkeit, raffiniert schleichend
neofaschistisches Denk- und Pathosgeschwurbel und eine spannende
Terroristengeschichte entwickelt. Der Vater-Sohn-Konflikt zwischen Wiggo und
seinem knallharten Banker-Papa - außerdem ein Alt-Achtundsechziger - ist nicht
so recht gelungen. Zwar groß ausgeführt, dennoch klischeehaft. Geld kontra
Geist ist schon genug; "Ödipus" ist überflüssig.
Die andere Vaterfigur Wiggos, der Biologieprofessor Kaltmeister und Besitzer
eines die Wahrnehmung irritierenden Eisvogel-Gemäldes, wird liebevoll von
Tellkamp ausgepinselt, aber dann auf Nimmerwiedersehen fallen gelassen: sie hat
ihre Schuldigkeit getan und über Insektenstaaten - o Symbol! - doziert. Und hat
den Neffen Mauritz ins Spiel gebracht, den Edel-Neonazi mit Kung-Fu-Können, der
Deutschland durch Terror retten will. Elite, Aristokratie, Herrscher, Opfer,
Werk sind da die Schlagworte.
Der Übermensch ist auch nur eine arme Sau
Wie Hitler findet er schnell reiche Geldgeber,
allerdings verlassen die ihn genauso rasch wieder. Auch der verzweifelte
arbeitslose Philosoph, der die Gesellschaft der Geldgeilen, Erfolgsfanatiker und
Fernsehverblöder verabscheut, reißt sich los aus Mauritz' faschistischem
Spinnennetz. Am Ende ist der allein gelassene Übermensch nur eine arme Sau,
macht Tellkamp deutlich, aber helfen kann ihr niemand. Den Weg aus der Wahnwelt
bahnen Wiggos Schüsse.
Er, mit schwersten Verbrennungen und Brüchen im Krankenhaus liegend, erzählt
alles seinem Verteidiger. Der Redefluss wird immer wieder unterbrochen und ergänzt
durch Statements etwa des Freundes und Arztes Jost. Aber auch durch Wiggos
Kindheitserinnerungen, Reflexionen über Philosophie, über die großen Fragen
der Menschheit von Liebe und Tod, über Schuld und Qual bis zur politischen
Theorie, wie Menschen richtig und gut zusammenleben können.
Wiggo Ritter und Uwe Tellkamp finden keine Antworten, nur viele gute Fragen und
noch mehr schlimme Zweifel. Gewiss ist, dass die Antworten der Banker und Bomber
einfach, aber falsch sind. Eine weisere Antwort ist jene Kombination, paradox
wie das Leben: Wiggo hat über Thomas Morus' "Utopia" promoviert und
betreibt doch ganz wirklichkeitsnah eine "Philosophische Praxis" für
alle, die nach dem Sinn ihres Seins forschen.
Tellkamp hat seinen Roman "Der Eisvogel" bisweilen inhaltlich (auch
sprachlich) überladen; dass er uns sehr erfrischend zum Nachdenken und
Politisieren einlädt, muss aber hoch geschätzt werden.
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.merkur-online.de]
Leseprobe I Buchbestellung 0405 LYRIKwelt © Münchner Merkur