Der Eismacher.
Roman von Ernest van der Kwast, (2016, btb-Verlag - Übertragung Andreas Ecke).
Besprechung von Britta Heidemann in der WAZ vom 21.9.2016:

Zehn lesenswerte Romane aus den Niederlanden
Familiendramen, komische Alte und poetische Verwirrspiele: Zehn neue Bücher aus den Niederlanden, die Sie kennen sollten.
Die Flut der Neuerscheinungen: selten passte dies Bild so gut wie jetzt, wenn Flandern und die Niederlande Gastland der Frankfurter Buchmesse (19.-23. Oktober) sind. Wir haben zehn spannende Werke der jüngeren Autorengeneration herausgefischt.

Gutes von Gestern

In einem kleinen belgischen Dorf nahe Ypern am Ende des 19. Jahrhunderts siedelt Kris van Steenberge seinen Roman „Verlangen“ (Klett-Cotta, 438 S., 24,95 €) an. Ein missgestalteter Zwilling wächst namenlos auf, in seinem Schicksal spiegelt sich eine dörfliche Gefühlskälte, die in den Erschütterungen des Ersten Weltkriegs zum Eissturm wird. Ein kraftvolles Debüt.

Wer als Kind gerne gepuzzelt hat, ist bei Joost de Vries an der richtigen Adresse: „Die Republik“ (Heyne, 300 S., 19,99 €) wirft mit Popkultur-Bauteilchen nur so um sich. Die Story: Als ein telegener Hitler-Experte verunglückt, führt das Gerangel um seinen Nachlass seinen Studenten Friso de Vos in einen surrealen Strudel, der aufs Skurrilste das Thema „Hitler in den Medien“ abhandelt. Respektlos – und sehr lustig.

Im Juli 1915 will sich einer umbringen, und das in einer Kirche – nur kommt ihm der Pfarrer dazwischen. Peter Webelings Roman „Die Stunde des Schmetterlings“ (Blessing, 304 S., 19,99 €) gleicht einer Beichte, in der ein vom Bajonett aufgespießter Soldat und eine nicht minder mörderische Schmetterlingssammlung noch die kleinsten Sünden sind.

Zwischen Menschen

Radikal sind die Werke des Belgiers Paul Baeten Gronda und das neue, „Straus Park“ (Luchterhand, 320 S., 24,99€) erst recht: Der New Yorker Kunsthändler Amos Grossman und eine britische Kollegin lernen sich kennen und (fast) lieben. Denn so, wie Kunstwerke eine Geschichte haben, vielleicht gar von Verbrechen zeugen – so prägen noch die Großeltern unsere Beziehungen.

Minnie Panis war das Baby, das nicht schreien wollte und auch als junge Frau ein stilles Wasser: also tiefgängig. So ist auch der Roman „Die Konsequenzen“ von Nina Weijers (Suhrkamp, 361 S., 22 €), der von der Liebe und der Liebe zur Kunst erzählt, von Manipulation und Lügen, von Amsterdam – und seinen Grachten, deren Gefahrenpotenzial nicht zu unterschätzen ist.

Niemand kann so großartig über die „Beschissenheit der Dinge“ schreiben wie Dimitri Verhulst. In „Die Unerwünschten“ (Luchterhand, 144 S., 18 €, ab 3.10.) erzählt er nicht autobiografisch, aber wieder vom Aufwachsen: besonders schlimm im Heim „Sonnenkind“.

Dies ist die Geschichte einer Leidenschaft. Nein: Dies ist der Versuch, Leidenschaft zu ergründen. In „Göttin und Held“ (DVA, 336 S., 19,99 €) begleitet Gustaaf Peek Tessa und Marius, vom letzten Kuss bis zum ersten, über die Jahrzehnte, durch heimliche Hotelnächte und verregnete Caféhaustage.

Mit leichtem Lächeln

Wie nervig ist das, wenn der eigene Vater für jede Situation den passenden Dylan-Song zum Besten gibt? Die Belgierin Saskia de Coster entwirft mit „Wir & ich“ (Tropen, 408 S., 22,95 €) das Bild der reichen , reichlich schrägen Familie Vandersanden, deren verschattetes weißes Villendasein erst das schwarze Schaf der Familie niedermäht.

Ernest van der Kwast, 1981 in Bombay geboren, wurde schon mit dem autobiografischen Roman „Mama Tandoori“ in den Niederlanden zum Bestseller-Autor – und übertraf den eigenen Erfolg mit dem neuen Werk „Der Eismacher“ (btb, 384 S., 19,99€). Eine romantische Liebesgeschichte zum Dahinschmelzen, angesiedelt zwischen Van der Kwasts Wahlheimat Südtirol und Heimat Rotterdam. Merke: die Poesie eines Grappasorbets ist keinesfalls zu unterschätzen.

Nun gut, „Eierlikörtage – Das geheime Tagebuch des Hendrik Groen, 83 ¼ Jahre“ (Piper, 416 S., 22 €) passt nicht recht in den Reigen junger Autoren. Aber immerhin hat dieser Hendrik Groen seine ersten literarischen Schritte auf einem hochmodernen Internet-Blog gewagt. Und den „Rebellenclub“ gegründet: ein Nicht-ganz-Hundertjähriger, jederzeit bereit, aus dem Fenster zu steigen. Alter Schwede...

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.waz.de]

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