Der einzige Ort von Thomas Stangl, 2004, Droschl

Der einzige Ort.
Roman von Thomas Stangl (2004, Droschl).
Besprechung von
Olga Martynova in Die Zeit, 24.6.2004:

Das Rauschen des Sandmeeres in Wien
Thomas Stangl erzählt in seinem furiosen Debüt von einer Reise ins sagenumwobene Timbuktu

Zwei Abenteurer machen sich auf ins sagenumwobene Timbuktu. Der Engländer Alexander Gordon Laing begibt sich 1826 auf die Reise, in königlicher Uniform, mit der ganzen Macht des Empires hinter sich und mit dem wachen Interesse und dem herablassenden Wohlwollen eines gebildeten Weißen im Herzen. Der Franzose René Caillié beginnt sein riskantes Unterfangen 1828, ohne vom Schicksal seines englischen Konkurrenten zu wissen, als Muslim verkleidet, mit einer plumpen Legende ausgerüstet, auf das Wohlwollen der von ihm verachteten „Mauren“ und „Neger“ angewiesen. In knappen Lexikonartikeln werden beide als Erstentdecker gerühmt, ganz im Sinne der vorkolonialen Geografie-Romantik.

Der Wiener Autor Thomas Stangl (geboren 1966) folgt in seinem furiosen Debütroman Der einzige Ort den mutigen Wüstenforschern und schafft ein entromantisiertes Abenteuer, das auch für jene Leser hinreißend sein soll, die als Kinder keine Reiseabenteuer geschmökert haben. Das von den beiden Reisenden angestrebte Timbuktu sollte sagenhafte Reichtümer besitzen, Gold, Elfenbein, Paläste aus Kristall und Edelsteinen. Obwohl man weiß, dass alle Pracht dieser Stadt (im heutigen Mali) aus Lehmhäusern und ein paar alten Moscheen besteht, ist ihr Name noch heute voller Zauber. Manche vermuten in Timbuktu die Spuren von Außerirdischen oder Atlantis.

Wann hat das angefangen? Anfang des 19. Jahrhunderts, mit der Ausschreibung eines Preises der französischen und englischen geografischen Gesellschaften für den Erstentdecker? Im 16. Jahrhundert, mit dem Buch von Leo Africanus, das lange Zeit das europäische Bild Afrikas bestimmte? Thomas Stangl führt den Leser in die Antike zurück, zu Plinius’ und Herodots Berichten über afrikanische Wunderdinge. Er belebt christliche Legenden und moslemische Chroniken wieder, in denen das Sandmeer rauscht, „das, den Gesetzen des Mondes gehorchend, Ebbe und Flut hat wie andere Meere und immer in Bewegung ist; niemand wagt es zu befahren, so ist auch niemandem bekannt, welches Land jenseits des Meeres liegt“.

Stangl erzählt seine Geschichte im Viertakt: Laing, Caillié, die Stimme Afrikas, die Stimme des Erzählers. Die Geschichte hat einen Sog: Wüste, Magie, eine bewegliche, noch nicht festgezeichnete Landkarte, Nomaden, von Kopf bis Fuß in Indigoblau gehüllt, Wassermangel, geschmückte schwarze Sklavinnen, Seuchen, Gastfreundschaft, Bedrohungen. Das erleben beide Reisende, jeder für sich, bis der Autor ihre schemenhafte Begegnung in Timbuktu arrangiert. Der schon seit zwei Jahren tote Engländer und der seiner Identität fast verlustig gegangene Franzose kreisen in den labyrinthischen Gassen der Stadt, atmen die sandige Luft der Wüste. Laing grüßt den Timbuktu-Regenten vom englischen König, Caillié sucht ihn mit seinem Streben nach der „islamischen Heimat“ zu rühren – zwei Gespenster der westlichen Zivilisation, zwei beinahe unschuldige Vorboten der Katastrophe.

„Manchen Eroberungszügen gehen kollektive Träume voraus“, schreibt Stangl über den klaren Zusammenhang zwischen dem romantischen Traum und der Zerstörung des Geträumten. Was zerstört wird, ist gewiss – wie jede Zivilisation – kein Paradies. Kriege, Sklavenhandel, tausendjährige arabische Kolonisation und Islamisierung, nur durch Mangel an Interesse begrenzt.

Der eigentliche Gegenstand dieses Erzählens scheint das Aufeinanderprallen der verschiedenen Blicke auf Afrika zu sein. Das begeisterte vorkoloniale Interesse, Antike und Mittelalter mit ihrer mythischen Geografie einschließend, dann die Pragmatik der Wirtschaft, dann Anthropologie, schließlich der postkoloniale Blick, traurig, illusionslos, reuevoll. Thomas Stangl hat eine Afrikaparabel für Erwachsene geschrieben, mit viel Sprachkunst und Intelligenz, ein nüchternes und zugleich bezauberndes Buch.

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