Der eigene Tod von Péter Nádas, 2002, SteidlDer eigene Tod.
Prosa + Fotos von Péter Nádas (2002, Steidl - Übertragung Heinrich Eisterer).
Besprechung von Tomas Fitzel in der Frankfurter Rundschau, 22.2.2003:

Wenn der Tod heranschleicht
Péter Nádas hat eine vollkommene Form für eine höchst unvollkommene Sache gefunden

Ein Jahr lang fotografierte Péter Nádas immer wieder den selben Wildbirnenbaum in seinem Garten, meist aus der exakt gleichen Perspektive - wohl mit einer Polaroidkamera, denn die Fotos bleiben ein klein wenig unscharf und besitzen kaum Tiefe. Man verfolgt den Wechsel von Licht und Schatten, die Verfärbung des Laubs, mit dem Kahlwerden im Winter wird ein Hügel dahinter sichtbar. Die weißen Plastikgartenstühle, die man anfangs unter den bis an den Boden reichenden Ästen nicht bemerkte, verschwinden und tauchen im Frühjahr nach der Baumblüte wieder auf, ohne dass man jemals einen Menschen darauf sitzen sieht.

Die Wiederkehr dieser leeren Stühle lassen aber um so dringlicher die Frage nach deren Besitzer aufkommen. Zwischen diesen Aufnahmen finden sich großformatige, brillante Fotografien dieses Baumes, nun auch aus unterschiedlicher Perspektive. Sie bilden in diesem Kontinuum der wiederkehrenden Jahreszeitenfolge die eigentlichen narrativen Elemente dieser Fotoserie, die wiederum den Text von Nádas einbettet und gleich dem Generalbass in einem Konzertstück strukturiert. Diesem tröstlichen Kontinuum steht der beängstigende und unumkehrbare Einschnitt in seinem Leben gegenüber: die Todesangst.

 An einem schwülheißen Sommertag erleidet er einen Herzinfarkt. Schon beim Aufstehen verspürt er, dass etwas mit ihm nicht stimmt. Aber er ignoriert alle Warnsignale seines Körpers. Denn er ist mit einer jungen Frau in einem Café verabredet, hat einen Termin beim Zahnarzt und soll seine Druckfahnen korrigieren.

Der Tod kommt meist unpassend. Nádas reagiert wie die meisten Menschen: "Am besten so tun, als wäre alles in schönster Ordnung. Anerzogenen Handlungsmustern folgen und die Realität des eigenen Zustandes leidenschaftlich leugnen." Der eigene Ausfall ist ihm vor allem peinlich. Nicht in der Öffentlichkeit will er zusammenbrechen.

Er schleppt sich nach Hause und wechselt noch die Wäsche, bevor ihn die Ambulanz abholt. Aber er wäre nicht Schriftsteller, wenn er nicht alle auftretenden Symptome und seine Empfindungen dabei akribisch protokollieren würde. Allerdings trügt die Bezeichnung des Protokolls, auch wenn Nádas genau diese Form wählt und dazu eine Gegenwart behauptet - "jetzt geschieht es". Nádas überlebte den Infarkt und der, der sich erinnert, ist nicht mehr derselbe, wie der, der ihn erlitt. Nachträglich rekonstruiert er ein heroisches Schriftsteller-Imago, das auch angesichts des Todes kühl beobachtend und ironisch distanziert bleibt und "erfreut" diese "Sensationen" sowie "unbekannte Intensität" wahrnimmt.

Sogar vor einem Kalauer schreckt er nicht zurück und bezeichnet den Verkehrsstau, in dem die Ambulanz stecken bleibt, als "Verkehrsinfarkt".  Wenn in diesen Sätzen eine Wahrheit liegt, dann die, dass einem die eigenen Gedanken und Wahrnehmungen angesichts des herannahendes Todes unangemessen banal, nicht ernsthaft genug erscheinen.  "Ohne die Erinnerung der Seele ist der Körper nicht zu verstehen." Dieser Satz steht so waghalsig allein auf der glänzend weißen Seite einem Foto gegenübergestellt und ist noch nicht einmal durch eine Achsensymmetrie ausbalanciert. Man kann gar nicht anders, als ihn anzweifeln. Der Sinn lässt sich genauso gut umkehren: Ohne eine Erinnerung des Körpers ist die Seele nicht zu verstehen. Wie auch seine Behauptung umkehrbar ist, dass durch den Körper die Seele unberührt bleibe.

 Nádas Herz setzt aus. Er erlebt, was man klassischerweise als Nah-Tod-Erfahrung bezeichnet. Seine Beschreibung unterscheidet sich nicht wesentlich von den Berichten anderer Überlebender oder denen der Mystiker. Doch er kann auch hier nicht anders, als dies mit einer gewissen Komik einzuleiten: "Und nun nimmt etwas höchst Interessantes seinen Anfang." Selbst im Tod steckt noch ein Moment der Entzauberung. Der verbreiteten Auffassung, das Leben werde wie ein Film nochmals abgespult, widerspricht er jedoch. Statt als Nacheinander nimmt er sein Leben als gleichzeitig und total wahr. In der Zeitlosigkeit kann es kein Nacheinander geben und somit auch keine Erinnerung. Das ist die höchst persönliche Nah-Tod-Erfahrung eines Autors, der sich ausgiebig mit der Erinnerung beschäftigte und der nun seines wichtigsten Kapitals beraubt wird. Wie einst der sowjetische Kosmonaut Juri Gagarin stellt Nádas lakonisch fest, Gott sei "leider nicht zu entdecken", allerdings sei das wahrgenommene Licht am Ende des Tunnels für ihn als Fotograf die "glaubwürdigste Metapher" Gottes. Seine Frage gilt aber nicht Gott, sondern der Seele. Was erinnert sich? Was ist das, was sich selbst sieht, seinen eigenen Körper von oben, über den zwei Menschen gebeugt stehen? Nádas schreibt nicht zufällig von der Reanimierung nach dem Herzstillstand, also der Wiederbeseelung und nicht der Wiederbelebung, denn das Leben an sich ist zu einem unscharfen Begriff geworden. Ins Leben zurückgeholt, beendet Nádas seinen vor dem Herzstillstand unterbrochenen Satz und nennt die Telefonnummer seiner Frau. Ist das die Antwort? Der Mensch eine Telefonnummer!

All die Fotos von dem Wildbirnenbaum auch in ihrer gleichförmig meditativen Wiederholung vermögen nichts von der Ruhe und Kraft auszustrahlen, die man unter seinen Zweigen eventuell wortlos verspüren könnte. Sie bleiben unvollkommenes Zeichen - Ersatz. Und ebenso unvollkommen bleibt notwendigerweise sein Bericht über seinen erlebten Tod. Aber welch vollkommene Form fand er dafür!

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