Der dreizehnte Beatle von Gerhard Henschel, 2005, HoCa1.) - 2.)

Der dreizehnte Beatle.
Roman von Gerhard Henschel (2005, Hoffmann und Campe).
Besprechung von Jamal Tuschick in der Frankfurter Rundschau, 4.2.2005:

In Wurstland
Bob-Dylan-Abend mit Gerhard Henschel und den Doubledylans

Zuletzt setzt sich das Hessische immer durch, und so auch in der kongenialen Übersetzung eines Woody-Guthrie-Gassenhauers, in dem "This land is my land" zu "Dies Land ist Wurstland" wird. Dem amerikanischen Shakespeare on the road folgte bekanntlich auch ein gewisser Robert Zimmermann aus Minnesota, der ein anderes Vorbild, den walisischen Dichter Dylan Thomas in seinem Künstlernamen angeblich ohne Absicht popularisierte. Als Bob Dylan wurde er berühmt, wie demnächst ganz bestimmt die fabelhaften "Doubledylans", vormals "The Devilish Doubledylans", denen sich die eingangs zitierte Nachdichtung verdankt. Zu einer Anhörung der Frankfurter Formation fand sich nun eine Gelegenheit im Sachsenhäuser Clubkeller.

Das Ereignis war nicht nur zu verstehen als Hommage an das Idol der Doubledylans, es diente ferner zur Ausbildung eines weiter reichenden Verständnisses der Verhältnisse, in denen Dylan überlebensgroß wurde. Er selbst äußerte sich dazu in Chronicles, einem autobiografisch fortschreitenden Werk, dessen erster Band von Kathrin Passig und Gerhard Henschel ins Deutsche gebracht wurde. Im Clubkeller las Henschel sonor daraus vor. Er äußerte sich auch zu den Umständen der Übersetzung, die in zehn Monaten zustande kommen musste. Der Hoffmann & Campe-Verlag habe in dieser Zeit "wie mit einer Nilpferdpeitsche" hinter ihm und der Kollegin gestanden.

Dylans Erzählhaltung nannte Henschel "sprunghaft". Woody Guthries Einfluss auf seinen Nachfolger lässt sich kaum überschätzen: "Wenn ich Woody's Songs spielte, war ich gegen alles andere gefeit." Enorm war auch der Eindruck, den John "The Duke" Wayne bei dem Volksmusiker am Anfang seiner Karriere hinterließ. Der Schauspieler warf einen so gewaltigen Schatten, dass er das Kriegsschiff ganz verdunkelte, auf dem sich die Laufbahnen der Stars in einem historischen Augenblick trafen. Der mit aller Macht angestrebte Ruhm wurde Dylan bald zur Last. Vergeblich versuchte sich "das Sprachrohr einer Generation" seinen im semi-religiösen Wahn der Sechziger als Jünger auftrumpfenden Verehrer zu entziehen. Vereinnahmt wollte Dylan nur von seiner Familie werden. Er träumte vom Dasein hinter einem wie von Rilke mit Rosen geschmückten Lattenzaun. "Die radikalen Knalltüten (lauter Gruselgestalten) auf der Suche nach dem Prinzen des Protests" wussten das zu vereiteln. Das Glück im Winkel möchte von Genies sowieso nichts wissen.

Für den Spaß an der Sache waren im Clubkeller die Doubledylans zuständig. Ihr Sänger Robert Notzelsen ist erstaunlich gut darin, den nasal-nöligen Tonfall des Vorbilds zu treffen. Mit Uli van Klapdor und Jelly Pearl Smith spielte er zuletzt die im Titel auf Arthur Rimbauds "Ich, das ist ein anderer" anspielende Ich und ein anderer-Platte ein. Mit Scheiß Regen ist darauf eine Adaption von A hard rain's a gonna fall zu hören. Das Original entstand unter dem Eindruck der Kubakrise 1963, die einen Krieg mit Atomwaffen in Aussicht stellte. Dylans apokalyptisch-raunende Prophetie führte jene messianische Wirkung herbei, der Massen erlagen. Schließlich wähnten sie sich an einem Abgrund der Welt. Bei den Doubledylans kommt dieser Verkündungssound ironisch gebrochen an: "Ich stand vor einem Dutzend trauriger Meere." Auch so bringt sich die Geschichte in Erinnerung, die mit ihrem Verlauf alle zentralen Befürchtungen der Epoche des Kalten Kriegs, man möchte meinen, kichernd ins Leere laufen ließ. Zumindest vorläufig.

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Der dreizehnte Beatle von Gerhard Henschel, 2005, HoCa2.)

Der dreizehnte Beatle.
Roman von Gerhard Henschel (2005, Hoffmann und Campe).
Besprechung von radl aus den Nürnberger Nachrichten vom 28.11.2005:

Zurück in die Zukunft der Beatlemania
Gerhard Henschel liest in Nürnberg

Der Hamburger Schriftsteller Gerhard Henschel (Jahrgang 1962) stellt seinen neuen Roman „Der dreizehnte Beatle“ am 30. November, 20 Uhr, im Nürnberger Stadtteilzentrum Desi (Brückenstr. 23) vor.

Was wäre wenn? Diese ziemlich sinnlose Frage steht oft am Anfang der schönsten Gedankenspiele, Tagträume und Romanphantasien. Man kann dabei so schön Schicksal spielen und die Geschichte korrigieren. Was wäre zum Beispiel aus den Beatles geworden, wenn sich John Lennon und Yoko Ono nie kennengelernt hätten? Aus dem alten Wunschtraum vieler Beatles-Fans hat Gerhard Henschel einen ebenso unterhaltsamen wie geistreichen Roman konstruiert.

Henschel, der zuletzt die Romane „Die Liebenden“ und „Kindheitsroman“ veröffentlicht sowie Bob Dylans „Chronicles“ (Vol. I) ins Deutsche mitübersetzt hat, schickt die Leser hier auf eine Zeitreise zurück in das Swinging London des Jahres 1966. Billy Shears heißt der junge Zeitreisende und Beatles-Verehrer, der mit allen Mitteln das Auseinanderbrechen der Fab Four aus Liverpool verhindern will. Schuld daran ist letztlich, so will es die Legende, die japanische Künstlerin Yoko Ono.

Welche Entwicklung hätten die Beatles ohne Lennos Liaison mit Yoko gemacht? Würden sie immer noch wie die Rolling Stones erfolgreich durch die Stadien der Welt touren? Henschel schildert auf witzige Weise, warum es manchmal gar nicht so ratsam ist, das Rad der Geschichte zurückzudrehen.

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