Der Domraub.
Roman von Peter Paul
Zahl (2002, dtv).
Besprechung von Paul Parin aus der Wochenzeitung, Zürich, 23.5.2002:
Ein freundschaftlicher Hinweis mit politischen Hintergedanken: Peter Paul Zahl, der zehn Jahre in deutschen Gefängnissen verbrachte, hat nach «Die Glücklichen» von 1979 einen zweiten Schelmenroman geschrieben.
Es ist nicht statthaft, das Werk
eines Freundes zu rezensieren. Es sei denn, der Freund gehöre einer anderen Epoche an als
der Rezensent. Nicht leugnen möchte ich, dass Peter Paul Zahl mein Freund ist. Gehört er
aber meiner Epoche an?
Wenn ich mich einem Dichter aus einer anderen Zeit in Freundschaft verbunden fühle, sagen
wir Heinrich von Kleist, dann
darf ich ihn loben, ein Genie nennen, einen Nationalisten schimpfen, ihn als einen
leider nicht rechtzeitig therapierten Selbstmörder hinstellen. Das alles ist erlaubt,
wird wegen meiner Distanz und Unbefangenheit empfohlen.
Tatsächlich gehöre ich einer anderen Epoche an als der Autor, dessen Buch ich bespreche,
einer früheren nämlich. Als Peter Paul Zahl 1944 in Freiburg im Breisgau geboren wurde,
war ich Chirurg in der Jugoslawischen Volksbefreiungsarmee, wie man Titos Partisanen
nannte. Als der Schelm des Romans, Vladimir Heiter, mit dem ersten Klau (von
Lebensmittelmarken) im Belgrad des sozialistischen Aufbaus seine weichenstellenden
Lebenserfahrungen machte, befand ich mich auf einer Forschungsreise in Westafrika.
Die zeitliche Distanz wäre somit gegeben. Unbefangen aber bin ich keineswegs. Wiederum
hat mir Peter Paul Zahl ein mehrstündiges Leservergnügen bereitet, wie schon mit dem
Roman «Die Glücklichen» (1979), wie könnte ich unbefangen sein! Jener Roman hat
übrigens unsere Freundschaft gestiftet; doch das ist eine andere Geschichte.
Das Vergnügen am Lesen will ich keiner Leserin und keinem Leser mindern. Denn der
Schelmenroman ist eine seltene Gattung. Darum werde ich nicht verraten, was P. P. Z.
schreibt, sondern versuchen herauszufinden, wie er schreibt.
Von erotischen Organen
Schon vor Jahren hat P. P. Z. festgestellt, dass das Hirn das erotischste Organ des
Menschen ist, weil Denken die grösste Lust bereitet. Auf Seite 300 schreibt er das
wieder, wenn auch nur in Klammern. Wer den «Domraub» liest, kann dieses von P. P. Z. auf
den Begriff gebrachte Phänomen an sich selber beobachten. Sobald man begonnen hat zu
lesen, könnte man denken, der Schelm Vladimir Heiter meine mit dem erotischsten Organ die
Geschlechtsteile des Menschen in ihrer häufigsten Betätigung. Das regt vielleicht und
hoffentlich die Fantasie der LeserInnen an. Aber Lust? Das ist etwas anderes: den Witz
auskosten, mit dem P. P. Z. schreibt.
P. P. Z. macht keine Witze; er ist witzig. Der Witz des Autors ist angespannt, ständig
vorhanden. Er schreibt scharfsinnig und hellsichtig, eben witzig. Das merken wir, wenn wir
selber denken oder zu denken lernen, während wir lesen. Es ist nicht immer einfach, zu
durchschauen, was er gerade meint. Er hat ja so vieles auf die Schippe genommen, entlarvt,
entblösst. Beileibe nicht alles. Denn der Schelm Vladimir Heiter hält an seinen
gültigen Werten fest, er ist ein anständiger Dieb; «Ein anständiger Dieb hat
Klassenbewusstsein», steht auf Seite 74. Man stiehlt nie von denen, die nichts haben, man
stiehlt von den Reichen. Die Moral des Schelms ändert sich nicht so leicht, auch wenn er
vorübergehend D-Mark und andere Valuten in Fülle hat. Wer das nicht versteht, mag bei
deutschen Soziologen nachlesen. Im modernen Wissenschaftslatein heisst es: Der Schelm und
sein Autor gehören zu den Havenots und nicht zu den Haves. Dafür gibt es Gründe,
subjektive und objektive, die ineinander verschränkt sind.
Subjektiv ist Vladimir Heiter ein Naiver. Er hat Vorfahren, den braven Soldaten Schweik
und weiter hinten, vor Jahrhunderten, Till Eulenspiegel. Auch die waren so naiv, dass sie
erst einmal glaubten, was gesagt und geboten wird, wenn man auf die Welt kommt. Man trifft
auf Lügen, Heuchelei und verfestigte Vorurteile und auf die Rechtspflege. Man
glaubt vielleicht, dass das Gesetz etwas mit Gerechtigkeit zu tun hat. Das Gesetz jedoch
gilt nicht für die, die darauf reiten wie auf einem unermüdlichen Amtsschimmel. Das
lernt ein Schelm, sobald er gelernt hat, selber zu denken und entsprechend der Einsicht zu
handeln. Darum hat Vladimir Heiter oft versucht, nicht nur zu denken, sondern selber etwas
zu tun. Schliesslich hat er erkannt: «Alle Träume verwandeln sich in Albträume. Da gibt
es kein Entkommen.»
Was ist ein Schelm?
Objektiv gibt es keine andere Möglichkeit, anständig zu bleiben, als die, ein Schelm zu
werden. Hat man die Macht und das Geld, leistet man sich jedes Verbrechen, leichthin, wo
immer es einem nützt. Man ist gut dran, Politiker, Manager oder Kirchenmann, aber eben
nicht anständig. Ist man ohne Geld, ausserhalb des Mainstream, des Establishment, besitzt
man nicht die herrschende Ideologie (die Ideologie der Herrschenden), ist man ohnmächtig.
Dann mag er anständig bleiben. Er steht ausserhalb oder vielmehr er liegt, und alle
trampeln auf ihm herum.
Wenn einer politisch denkt und er doch anständig bleiben will, dann ist er ein wahrer
Revolutionär. Ihm bleibt nur ein Lebensweg, er wandelt auf dem schmalen Pfad, dem
einzigen, der zwischen Verbrecher und Politiker offen steht: Er wird ein Schelm.
Ein Schelm ist beides zugleich. Ganz ohnmächtig ist er zwar nicht. Denn er kann denken
(siehe weiter oben). So ein Lebensweg ist natürlich nicht gerade, verläuft in Mäandern.
P. P. Z. erzählt nicht gerade, er steuert in Windungen, um Ecken und Kanten. Es geht
hinauf und hinunter, manchmal drunter und drüber. Die Form entspricht dem Inhalt. Das
braucht Leserin und Leser nicht zu verdriessen. Die Landung ganz unten am Boden ist
unvermeidlich. Verurteilt und eingesackt wird er schliesslich doch der Schelm.
Der Dom, dessen Schatz geraubt worden ist, steht in Köln und untersteht der katholischen
Kirche. Als Vladimir Heiter mittels Rechtsbrüchen, Vor- und Nachverurteilungen
schliesslich als Hehler in einem Kölner Knast landet, gewinnt die Erzählung ein gewisses
Lokalkolorit. Doch entsteht der Eindruck, dass die katholische Ethik vom Schelm und
von P. P. Z. schlimmer hergenommen wird als die protestantische. Seien Sie
unbesorgt. Ich kann eine Meldung aus den Vereinigten Staaten nachliefern, deren Politik
heute vorwiegend vom protestantischen Ethos bestimmt wird: «New York Eine
Bürgerinitiative in den USA kämpft gegen das Stillen. Mehr als 200 000 Amerikaner haben
bereits die Petition an den Kongress unterschrieben, Stillen unter Strafe zu stellen.
Wer seinem Baby die Brust gibt, zieht daraus sexuelle Befriedigung. Das ist eine
Form von Inzest» (30.1.2002).
Es ist heute wirklich schwer, keine Satire zu schreiben. Seit P. P. Z. seinen ersten
Schelmenroman geschrieben hat, ist der Zeitgeist galoppiert. Seither haben demokratisch
gewählte, höchst erfolgreiche Politiker herausgefunden, dass es sich am besten leben
liesse, wenn man ein Ganove wäre, darum muss man sich zum Präsidenten oder
Ministerpräsidenten wählen lassen, bevor es herauskommt: Gegen den Präsidenten Chirac,
die ehemaligen und amtierenden Regierungschefs Helmut Kohl und Berlusconi sind
Ermittlungen aufgenommen worden oder Gerichtsverfahren angelaufen. Es sind gute Beispiele
für die These, dass doch nicht jeder Schelm in den Knast muss wie der Held unseres
Romans.
Wer meint, dass P. P. Z. ein Fantast ist, der flunkert und von Dingen schreibt, die nicht
so sind, wie er sie sieht, dem kann ich widersprechen. Titos Jugoslawien kannte ich gut
genug. Die Folterinsel Goli Otok gab es wirklich. Die Schweiz kenne ich, weil ich seit 64
Jahren in Zürich wohne. Ich war im Jahr 1981 «wegen Aufforderung und Beihilfe zu
kriminellen Handlungen» aktenkundig. Das Verfahren wurde jedoch eingestellt, nicht weil
ich unschuldig war; es war gegenstandslos geworden, weil das AJZ inzwischen dem Erdboden
gleichgemacht worden war und mein Protest von einem solventen, braven Bürger gekommen
war.
Verbrechenszeiten
Die dritte Episode des Romans, die ich vom Augenschein kenne, ist die Haftvollzugsanstalt
Ossendorf, Köln. Auch diese wird realitätsgerecht geschildert. Dort war ich zu Besuch
bei der lieben Gaby Tiedemann, die wegen Teilnahme an Aktionen der militanten Linken
einsass. Als sie endlich freigesprochen war, fiel sie einer bösen Krankheit zum Opfer,
die unter Mithilfe ignoranter und gewissenloser Doktoren, meiner Berufskollegen, einen
tödlichen Verlauf nahm.
Peter Paul Zahl schreibt über einen kleinen Schelm und entlarvt grosse. Er ist ein
realistischer Schriftsteller, der gut beobachtet und genau recherchiert hat.
Vladimir Heiters Leben wäre ganz anders verlaufen, wenn ihn die Verhältnisse nicht
gezwungen hätten, ein Schelm zu werden. Es gibt einen Denker, den P. P. Z. des Öfteren
erwähnt, den Montenegriner Milovan Djilas; der war Kommunist, Partisanenführer,
Politiker, wurde Kritiker, Dissident, sass acht Jahre im Knast, war Dichter. Auch er war
einer Leidenschaft unterworfen wie Heiter: der Leidenschaft, Forellen zu fischen. Deswegen
hätte er seine Pflicht, den Kampf gegen die faschistischen Besetzer seiner Heimat,
beinahe verraten. Später als Dichter wusste er: «Keine Ausübung der Macht über das
Volk, über die Schwachen, bleibt ohne verbrecherische Taten. Wäre es nicht besser
gewesen, der eigenen Leidenschaft Raum zu geben und den flinken Forellen nachzustellen,
verbotenermassen aber unschuldig, abseits von Krieg, Ruhm, Sieg und Verbrechen.»
[...diese und weitere Besprechungen finden Sie in der www.woz.ch]
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