Der digitale Grimm.
2 CD-Rom der Gebrüder Grimm (
2004, Verlag Zweitausendeins, mit Beiträgen von K. Gärtner, H. Schmidt, E. Bonk, H.-W. Bartz, Th. Burch, R. Christmann, V. Hildenbrandt, Th. Schares, K. Wegge und M. Weinmann).
Besprechung von Jens Dirksen aus der NRZ vom 13.08.2004:

Der Grimm für alle
Das Wörterbuch der Märchenbrüder liegt jetzt im Internet und auf CD-Rom vor.

F ür alle, die hierzulande im Haus der Sprache wohnen, ist es der Über-Baumarkt: Das Deutsche Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. "Der" Grimm ist "das" deutsche Wörterbuch, das eine halbe Bibliothek für sich beansprucht: 33 Bände - ein größeres gibt es nicht. Ein besseres auch nicht. Jedes einzelne der 316 256 verzeichneten Wörter ist in allen erdenklichen Bedeutungen erklärt. Selbst erfahrene Satzbaumeister, Nebensatz-Installateure und Wortdreher verlesen sich gern in den Schluchten der Grimm-Spalten, fasziniert von den vielen Einsatzmöglichkeiten des Sprachmaterials. Dabei ist das Ganze nur einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme zu verdanken. Anfangs, 1837, sollten es sieben Bände werden. Der König von Hannover hatte die Grimm-Brüder, die seit ihren "Kinder- und Hausmärchen" intellektuelle Promis waren, wegen politischer Aufsässigkeit aus dem Göttinger Professorenamt gefeuert. Da erinnerten sich die beiden an das alte Angebot zweier Verleger, ein umfassendes deutsches Wörterbuch zu erstellen. Sie dachten, in ein paar Jahren fertig zu sein. Aber als sie dann 1854, vor 150 Jahren, etwas fertig hatten, war es der erste Band - von "A bis Biermolke".

Jacob starb über dem Buchstaben "F"

Wilhelm kam gerade noch dazu, den Buchstaben D komplett abzuhandeln. Jacob verstarb 1863 über dem Artikel "Frucht" im vierten Band, wo sich dann auch die einzige Fußnote findet: "Mit diesem satze muszte Jacob Grimm für immer die feder aus der hand legen." (In der Orthografie ist der Grimm immer noch Avantgarde - konsequente Kleinschreibung und völlige Beseitigung des ß durch sz). Es sollte noch ein Jahrhundert dauern, bis man - 1960 - auf einen grünen "Zypressenzweig" gekommen und der Grimm endgültig abgeschlossen war.

Endgültig? Nun, das Ziel der Grimms, die deutsche Sprache von Luther bis Goethe zu erfassen, war erreicht. Aber schon 1957 begannen Forscher, ein neues, aktualisiertes, noch umfassenderes Wortarchiv der deutschen Sprache zu erstellen. Zumindest die ersten und ältesten Bände des Grimm sollten überarbeitet werden. Was dauert. Und dauert. Und... Mit ersten Ergebnissen wird frühestens 2006 gerechnet.

So wird man sich einstweilen mit dem alten Grimm behelfen müssen - was einfacher geworden ist: Seit zwei Jahren gibt es den Grimm im Internet (http://www.dwb.uni-trier.de) und nun auch auf CD-Rom, erschienen bei Zweitausendeins.

36 Gramm statt 84 Kilo, 4950 Euro billiger

Der Fortschritt wiegt schwer und zahlt sich aus. Mit 84 Kilogramm schlug die gebundene Gesamtausgabe zu Buche, die beiden Silberscheiben mit demselben Inhalt bringen es auf gerade mal 36 Gramm. Die Originalausgabe des Grimm kostete umgerechnet 5000 Euro, antiquarisch ist sie heute für rund 2000 Euro zu haben; die Klebebindungs-Ausgabe im Deutschen Taschenbuch Verlag kostet noch 499 Euro, die CD-Ausgabe ein Zehntel.

Sie ist ebenso wie der Internet-Grimm von Germanisten der Universität Trier zusammen mit der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften erarbeitet worden. Die Knochenarbeit wurde aber in China geleistet. Weil die winzige, teils nur sechs Punkt große Schrift des Wörterbuchs nicht gescannt werden konnte, wurden rund 300 Millionen Zeichen von Hand eingegeben. Was in Nanjing nicht nur billiger war, sondern auch weniger fehlerträchtig: wer nicht versteht, was er tippt, achtet auf jeden Buchstaben. Ein paar Fehler finden sich immer noch, aber die werden bald durch Updates ausgemerzt sein. Die eingerichteten Suchfunktionen erfordern ein wenig Einarbeitung, sind aber äußerst effektiv.

Ja, man schlägt schneller nach im Elektro-Grimm. Aber schöner, lesender in den dicken alten Bänden. Zum Trost ist die CD-Edition mit einem guten Handbuch und einem exzellent gedruckten Beibuch versehen, in grünes Leinen gebunden und angereichert mit einer Rede von Jacob Grimm "Über das pedantische in der deutschen sprache" - ein einziges Plädoyer für orthografische Gelassenheit: "In der sprache aber heiszt pedantisch, sich wie ein schulmeister auf die gelehrte, wie ein schulknabe auf die gelernte regel alles einbilden und vor lauter bäumen den wald nicht sehn." (NRZ)

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]

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