Der
Dichter und die Meerschweinchen.
Roman von Alfred
Kerr (2004, S. Fischer, hrsg. von Günther Rühle).
Besprechung von Oliver Fink in der Frankfurter Rundschau, 24.3.2004:
Dichter, sprich
Alfred Kerrs Künstlerroman aus der
Exilzeit
Der Tod reißt nicht einfach nur eine Lücke,
besondere Umstände verführen manchmal auch zum Anwerfen der Deutungsmaschine.
1948 reiste der Theaterkritiker Alfred Kerr, der mit großem Erfolg zu Beginn
des 20. Jahrhunderts die Planstelle des "Großkritikers" ausgefüllt,
wenn nicht gar begründet hatte, noch einmal nach Hamburg, um über den
"Zustand des deutschen Theaters" zu berichten. Im Besenbinderhof, wo
das Deutsche Schauspielhaus damals sein Quartier hatte, erlitt er während einer
Vorstellung von Romeo und Julia einen Schlaganfall, kurze Zeit später
nahm er sich das Leben. War da also jemand zurückgekehrt, um am richtigen Ort
zu sterben? Oder vollendete sich eine Folge von Heimsuchungen, die ihn seit 1933
an Deutschland verzweifeln ließen?
Alfred Kerr hätte das wohl etwas nüchterner gesehen, auch wenn ihm das
Exildasein, zu dem er seit Beginn der Nazi-Herrschaft gezwungen war, denkbar
schlecht bekam. Zuletzt lebte Kerr in London, und arbeitete dort - wohl zwischen
1942 und 1947 - an einem umfangreicheren literarischen Text mit dem Titel Der
Dichter und die Meerschweinchen, überliefert auf 203 beschriebenen
Schreibmaschinenseiten, versehen mit zahlreichen, zum Teil schwer lesbaren
handschriftlichen Ergänzungen und Korrekturen. Günther Rühle, der sich
bereits als Herausgeber um das Werk Alfred Kerrs verdient gemacht hat, verhilft
mit seiner Entzifferungsleistung dem Theaterkritiker nun also zum postumen Debüt
als Romanschriftsteller.
Bezeichnet hat Kerr sein Manuskript zwar als "Novelle", doch handelt
es sich gattungsmäßig tatsächlich mehr um einen Roman, genauer: um einen Künstlerroman,
in dem allerdings eine Novelle als Großprojekt des "Dichters Clemens
Teck" im Mittelpunkt steht. Die muss freilich erst geschrieben werden. Und
dafür hat sich der Dichter ein "Experiment" ausgedacht.
Das Londoner boarding house, in dem der Exilant Teck mit seiner Familie
lebt, ist ein Transitraum für Flüchtlinge aus ganz Europa. Einige unter ihnen
will er sich nun vorknöpfen, sie "provozieren", in ihr Leben
"unmittelbar eingreifen", sie "entschuppen", "enthäuten",
ja "bloßstellen", um schließlich den Unterschied zu zeigen
"zwischen den von mir Aufgescheuchten und den ursprünglich faden Modellen
dazu". Zugleich will Teck damit die "Technik des sogenannten
schriftstellerischen Gestaltens (...) glatt entlarven". Eine
Versuchsanordnung also - mit menschlichen Meerschweinchen.
Clemens Tecks Experiment scheitert jedoch. Im Falle der spröden Hanseatin Ulla
Schröder und des Schriftstellers Hans Hermann Jahn (sic!) scheint Teck selbst
zum Spielball seiner Probanden zu werden; Jahn etwa entpuppt sich als gerissener
Betrüger und Hochstapler. Im dritten Fall der Emma Winkler schließlich stellt
sich so etwas wie emotionale Befangenheit ein, denn diese Dame ist seiner ersten
Liebe namens Gemma wie aus dem Gesicht geschnitten. Also kommen die Erinnerungen
hoch an sein Frühlingserwachen als junger Mann, dessen Geschichte bis zum plötzlichen
und skurrilen Tod Gemmas in Tecks Aufzeichnungen zentral untergebracht ist.
Der Roman besteht aus solchen ganz unterschiedlichen Versatzstücken: Notizen,
Tagebucheintragungen, Dialogen, Gedichten. Eine Herausgeberschaft des Verfassers
Alfred Kerr wird konstruiert, der auch selber einen Auftritt hat. In seiner
Vorrede betont er, dass dies nicht seine Geschichte ist, die "Erlebnisse
des Schriftstellers Clemens Teck" jedoch immer wieder mit seinen eigenen
"ineinander greifen". Ein von der literarischen Romantik inspiriertes
Fragment-Projekt - der Name des Protagonisten ist eine Anspielung auf Tieck
und Brentano, über
dessen Godwi Kerr promoviert hat.
Ein verspieltes Unternehmen, das zu Kerr passt. Dennoch will bei der Lektüre
keine helle Begeisterung aufkommen. Was soll da am Ende für eine
"neuartige" Novelle herauskommen, die Teck nicht müde wird zu beschwören
- als Kunstwerk der "Zukunft"? Eine Vorstellung davon gewinnt man
nicht - das ewige Gerede darüber entpuppt sich als hohles Künstlerpathos,
gespickt mit selbstverliebten Äußerungen, gegen die auch der späte Kerr nicht
immer ganz gewappnet war.Auch poetologische Reflexionen oder skrupulöse
Gedankengänge im Angesicht des Versuchsobjekts Mensch - zumal in diesen Zeiten
- bleiben merkwürdig unbeholfen. Und wo sind die überraschenden Geschichten
geblieben, mit denen der junge Kerr das Feuilleton beglückte, etwa wenn er über
ritterliche Reitgesellschaften schrieb oder den Mafiaboss von Neukölln?
Das Manuskript lesbar zu machen sei ihm ein "Herzensbedürfnis",
schrieb der achtzigjährige Kerr in einem letzten Brief, nach dem erlittenen
Schlaganfall in Hamburg - ein Vermächtnis darf man es somit nennen. Gewiss, es
handelt sich um ein nicht nur autobiographisch aufschlussreiches Dokument über
das existentielle Leiden deutscher Exilanten nach 1933, auch finden sich
vereinzelt einige wunderbare Kerr-Preziosen darin, witzig und blitzgescheit.
Doch an der großen literarischen Form ist der Verfasser letztlich gescheitert -
wie sein Alter ego Clemens Teck.
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