Der Dekan von Lars Gustafsson, 2004, HanserDer Dekan.
Roman von Lars Gustafsson (2004, Hanser - Übertragung Verena Reichel).
Besprechung von Martin Krumbholz in der Frankfurter Rundschau, 8.12.2004:

Vergiss nie das Gegenteil
Ein teuflisch beweglicher Geist: Lars Gustafssons metaphysischer Rätselroman "Der Dekan"

Der scheinbar so gutmütig-bärbeißige Herr Gustafsson ist in Wahrheit ein großer Diabolos, ein Durcheinanderwürfler von Sinn und Form, von Text und Verstand. Liest man zunächst das Inhaltsverzeichnis, scheint alles in diesem Buch hübsch systematisch geordnet. "Ist diese Welt wirklich eine gute Welt?" heißt ein Kapitel, ein anderes: "Seinen eigenen Tod aufsuchen." Doch die Aufzeichnungen des Spencer C. Spencer, stellvertretender Dekan des "College of Liberal Arts" an der Universität von Austin/Texas, sind furchtbar chaotisch. Es beginnt damit, dass das Manuskript unvollständig ist, von "Feuchtigkeitsschäden" teilweise zerstört; die Herausgeberin, eine gewisse Elizabeth Ney, will es schließlich unterm Reserverad eines verlassenen Pick-Up in der Wüste gefunden haben.

Betrachten wir den Fall also nüchtern: Lars Gustafsson hat sich die dichterische Freiheit genommen, Leerstellen in den Text einzufügen, wenn ihm danach zumute war, hat dessen Kontinuität aufgelöst, hat die Konstruktion von Sinn verhindert oder jedenfalls erschwert. Wie in allen Romanen des Schweden bleibt vieles rätselhaft und unbestimmt. Geht es wirklich um Mord, um ein Mordkomplott zwischen dem Dekan und dem Vizedekan, haben die beiden in Hitchcock-Manier einen Störenfried aus der Vergangenheit beziehungsweise einen Nebenbuhler beseitigt, einer für den anderen? Und warum ist der Verfasser der Aufzeichnungen spurlos verschwunden? Um sich interessant zu machen? Das ist sehr wahrscheinlich.

Literatur ist für Gustafsson nicht eine Behauptung erfundener Tatsachen, sondern ein Spiel mit Theorien. Fiktion stellt keine parallele Realität dar, mit Gesetzen, die denen der Wirklichkeit entsprechen, sondern definiert sich als unendliches Spiel mit Möglichkeiten. Eine Geschichte ist denkbar, aber nicht ihre stringente Erzählung. Es gibt keinen Anfang und erst recht kein Ende, es sei denn als willkürliche Setzungen. Komposition ist nichts anderes als Dekomposition. Exkurse und Abschweifungen sind wichtiger als die plane Chronologie der Ereignisse. Und welcher Ereignisse überhaupt? Ist denn etwas geschehen? Und was steckt dahinter? (Der Kriminalroman, heißt es einmal, im wesentlichen ein Produkt des britischen Imperiums, sei mittlerweile lächerlich geworden.)

Seele und Typewriter

Der Erzähler ist von Haus und seiner Verfassung nach Philosoph, das ist klar. Das Erzählen sei nicht sein Metier, merkt er denn auch bescheiden an, und alles lasse sich sowieso nicht erzählen. "Soviel ist sicher." Dann schreibt er sich auf einer alten Schreibmaschine irgendwo in der Wüste die Seele aus dem Leib, bezahlt seine Hotelrechnung cash und verschwindet. Damit ist er erstmal fein raus, der Erzähler.

Und der Leser ist gewarnt. Er buchstabiert sich, mühsam genug, einiges zusammen, was eine Geschichte werden könnte. Er erfährt, dass der Erzähler eine Freundin hat, eine Buchhändlerin, die ihm von seinem schwerreichen Cousin ausgespannt wurde. Dass Spencer sie möglicherweise wiederhaben möchte. Dass sein offizieller Job darin besteht, für das Institut Geld zu sammeln. Dass er aber wohl vor allem deshalb zum Vizedekan befördert wurde, um den Privatvorlesungen des Dekans zuhören zu können, von denen es heißt, sie seien teils vernünftig, teils unvernünftig, in jedem Fall aber nicht besonders leicht zu verstehen. Dieser Dekan Paul Chapman ist ein scharfsinniger Kopf, Rollstuhlfahrer und trotzdem äußerst mobil, sozusagen allgegenwärtig, eher klein als groß, nicht von der geduldigen Art, vietnamkriegstraumatisiert, eloquent, faszinierend. Und seinerseits fasziniert von der Idee, dass die Welt im großen und ganzen ziemlich unwirtlich und jedenfalls ganz und gar nicht sympathisch oder wohlwollend sei. Die Natur, sagt der Dekan, ist eine "Maschinerie, dafür eingerichtet, Schmerzen zu bereiten, immer aufs neue." Es gebe schließlich keine grausamere Methode für die Entwicklung von Leben auf einem Planeten als die Evolution.

Die Vernichtungspräzision der Hautflügler, Ameisenbären oder Spinnen findet in den menschlichen Kriegstechniken gewissermaßen ihre Fortsetzung. So könnte man den Dekan verstehen. In Vietnam ging es darum, tote Vietnamesen zu produzieren, so viele wie möglich. Und das ist tatsächlich geschehen, es gab viel mehr tote Vietnamesen als tote Amerikaner, auch wenn es am Ende hieß, die USA hätten den Krieg verloren. Die Toten, sagt der Dekan, seien übrigens "kein schöner Anblick". Von dem geradezu physischen "Genuss des Tötens" werde in Nachkriegszeiten selten gesprochen. Der Dekan spricht davon. Nicht um Tabus zu verletzen, das wäre banal, sondern um der Wahrheit der Existenz auf die Spur zu kommen. Die alles in allem, glaubt man dem Dekan, unerfreulich ist. Die Hölle, sagt der Dekan, sei eine metaphysische Notwendigkeit, denn es sei ja offensichtlich, dass extrem böse Menschen wie Hitler oder Stalin nicht bestraft würden. "Man könnte fast sagen: je größer das Verbrechen, desto kleiner das Risiko der Strafe." Aber die Hölle habe einen Haken: Sie existiere leider nicht.

Der Dekan hat das Bewusstsein des Erzählers kolonisiert: "In meinem Kopf herrscht seine Art zu denken." Doch Gustafssons Roman ist nicht einfach der Resonanzraum der Ideen der Titelfigur. Es ist kein Thesenroman, sondern ein metaphysischer Rätselroman. Der Sinn der Leerstellen besteht darin, Eindeutigkeit zu vermeiden. So ist der Dekan Moralist und Hedonist zugleich. "Er war, kurz gesagt, Dekan, aber zugleich auch eine Art Antidekan." Dieser Satz ist ein Schlüsselsatz des Romans. Nichts ist ohne sein Gegenteil wahr. Dem trägt die erzählerische Struktur Rechnung. Wenn es so etwas wie einen epischen "Faden" gibt, dann einzig zu dem Zweck, wieder und wieder verloren zu gehen. "Es ist doch merkwürdig, wie oft ich in dieser Erzählung den Faden verliere", schreibt Spencer kokett und hebt auch noch das Wort merkwürdig hervor. Das lässt sich so deuten: Es ist nicht komisch oder seltsam, sondern symptomatisch. Denn der erzählerische Faden bindet heterogene Elemente eigenmächtig zusammen. Er stiftet nicht Sinn, sondern suggeriert ihn. Gustafssons Verfahren dagegen besteht darin, den Faden so oft wie möglich durchzuschneiden.

Spencer trifft die Studentin, die ihn näher interessiert, nach drei Jahren wieder, weil ihm ein Müllauto die Straße versperrt. Die Müllabfuhr spendiert eine Affäre. Aber das ist kein glücklicher Zufall, sondern einfach ein Zufall: "War es tatsächlich Glück? Vielleicht war es ein Unglück?" Um dem Leser Zeit zu geben, darüber nachzudenken, folgt ein Feuchtigkeitsschaden von unbestimmter Länge; aber natürlich ist es so, dass die Antwort sich aufgrund perspektivischer Verschiebungen ständig verändert. Der Zufall einer Begegnung kann sich als Glück darstellen und später als Unglück entpuppen, oder auch umgekehrt.

"Warum sollte diese Sache mit Sisyphus absurd sein?" fragt der Dekan oder vielmehr das ominöse Morphium-Gespenst, das ihm in Vietnam auflauert. "Ich kann mir nichts Dümmeres vorstellen, als dass das absurd sein sollte." Will sagen: Gerade die so genannten "sinnvollen Tätigkeiten" sehen manchmal sinnlos aus, sofern sie keinem rationalen Zweck zu gehorchen scheinen. In Lars Gustafsson steckt eben nicht nur ein Diabolos, sondern hin und wieder auch ein erstaunlich nüchterner Pragmatiker. Allerdings lässt er sich ungern in die Karten sehen. Und seine Prosa ist deswegen immer wieder so wunderbar zu lesen, weil in ihr ein beweglicher Geist haust, der einen Haken nach dem anderen schlägt.

Manchmal meint man bei der Lektüre auf einer Rutschbahn zu sitzen, man rauscht dem Abgrund entgegen oder dem Nichts. (Passen dazu nicht die halluzinogenen Pilze, die der Antidekan mit Freunden in der Buchhandlung zu sich nimmt?) Das ist die pure Metaphysik, die Überwindung aller Körperlichkeit. In irgendeiner Form existiert Spencer C. Spencer, dieser sich zögernd bekennende Atheist, nach Abschluss seiner Aufzeichnungen mutmaßlich weiter.

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