Der Dekan.
Roman von Lars
Gustafsson (2004, Hanser - Übertragung Verena Reichel).
Besprechung von Martin Krumbholz in der Frankfurter Rundschau, 8.12.2004:
Vergiss nie das Gegenteil
Ein teuflisch beweglicher Geist: Lars
Gustafssons metaphysischer Rätselroman "Der Dekan"
Seele und Typewriter
Der Erzähler ist von Haus und seiner Verfassung
nach Philosoph, das ist klar. Das Erzählen sei nicht sein Metier, merkt er denn
auch bescheiden an, und alles lasse sich sowieso nicht erzählen. "Soviel
ist sicher." Dann schreibt er sich auf einer alten Schreibmaschine irgendwo
in der Wüste die Seele aus dem Leib, bezahlt seine Hotelrechnung cash
und verschwindet. Damit ist er erstmal fein raus, der Erzähler.
Und der Leser ist gewarnt. Er buchstabiert sich, mühsam genug, einiges
zusammen, was eine Geschichte werden könnte. Er erfährt, dass der Erzähler
eine Freundin hat, eine Buchhändlerin, die ihm von seinem schwerreichen Cousin
ausgespannt wurde. Dass Spencer sie möglicherweise wiederhaben möchte. Dass
sein offizieller Job darin besteht, für das Institut Geld zu sammeln. Dass er
aber wohl vor allem deshalb zum Vizedekan befördert wurde, um den
Privatvorlesungen des Dekans zuhören zu können, von denen es heißt, sie seien
teils vernünftig, teils unvernünftig, in jedem Fall aber nicht besonders
leicht zu verstehen. Dieser Dekan Paul Chapman ist ein scharfsinniger Kopf,
Rollstuhlfahrer und trotzdem äußerst mobil, sozusagen allgegenwärtig, eher
klein als groß, nicht von der geduldigen Art, vietnamkriegstraumatisiert,
eloquent, faszinierend. Und seinerseits fasziniert von der Idee, dass die Welt
im großen und ganzen ziemlich unwirtlich und jedenfalls ganz und gar nicht
sympathisch oder wohlwollend sei. Die Natur, sagt der Dekan, ist eine
"Maschinerie, dafür eingerichtet, Schmerzen zu bereiten, immer aufs
neue." Es gebe schließlich keine grausamere Methode für die Entwicklung
von Leben auf einem Planeten als die Evolution.
Die Vernichtungspräzision der Hautflügler, Ameisenbären oder Spinnen findet
in den menschlichen Kriegstechniken gewissermaßen ihre Fortsetzung. So könnte
man den Dekan verstehen. In Vietnam ging es darum, tote Vietnamesen zu
produzieren, so viele wie möglich. Und das ist tatsächlich geschehen, es gab
viel mehr tote Vietnamesen als tote Amerikaner, auch wenn es am Ende hieß, die
USA hätten den Krieg verloren. Die Toten, sagt der Dekan, seien übrigens
"kein schöner Anblick". Von dem geradezu physischen "Genuss des
Tötens" werde in Nachkriegszeiten selten gesprochen. Der Dekan spricht
davon. Nicht um Tabus zu verletzen, das wäre banal, sondern um der Wahrheit der
Existenz auf die Spur zu kommen. Die alles in allem, glaubt man dem Dekan,
unerfreulich ist. Die Hölle, sagt der Dekan, sei eine metaphysische
Notwendigkeit, denn es sei ja offensichtlich, dass extrem böse Menschen wie
Hitler oder Stalin nicht bestraft würden. "Man könnte fast sagen: je größer
das Verbrechen, desto kleiner das Risiko der Strafe." Aber die Hölle habe
einen Haken: Sie existiere leider nicht.
Der Dekan hat das Bewusstsein des Erzählers kolonisiert: "In meinem Kopf
herrscht seine Art zu denken." Doch Gustafssons Roman ist nicht einfach der
Resonanzraum der Ideen der Titelfigur. Es ist kein Thesenroman, sondern ein
metaphysischer Rätselroman. Der Sinn der Leerstellen besteht darin,
Eindeutigkeit zu vermeiden. So ist der Dekan Moralist und Hedonist zugleich.
"Er war, kurz gesagt, Dekan, aber zugleich auch eine Art Antidekan."
Dieser Satz ist ein Schlüsselsatz des Romans. Nichts ist ohne sein Gegenteil
wahr. Dem trägt die erzählerische Struktur Rechnung. Wenn es so etwas wie
einen epischen "Faden" gibt, dann einzig zu dem Zweck, wieder und
wieder verloren zu gehen. "Es ist doch merkwürdig, wie oft ich in dieser
Erzählung den Faden verliere", schreibt Spencer kokett und hebt auch noch
das Wort merkwürdig hervor. Das lässt sich so deuten: Es ist nicht komisch
oder seltsam, sondern symptomatisch. Denn der erzählerische Faden bindet
heterogene Elemente eigenmächtig zusammen. Er stiftet nicht Sinn, sondern
suggeriert ihn. Gustafssons Verfahren dagegen besteht darin, den Faden so oft
wie möglich durchzuschneiden.
Spencer trifft die Studentin, die ihn näher interessiert, nach drei Jahren
wieder, weil ihm ein Müllauto die Straße versperrt. Die Müllabfuhr spendiert
eine Affäre. Aber das ist kein glücklicher Zufall, sondern einfach ein Zufall:
"War es tatsächlich Glück? Vielleicht war es ein Unglück?" Um dem
Leser Zeit zu geben, darüber nachzudenken, folgt ein Feuchtigkeitsschaden von
unbestimmter Länge; aber natürlich ist es so, dass die Antwort sich aufgrund
perspektivischer Verschiebungen ständig verändert. Der Zufall einer Begegnung
kann sich als Glück darstellen und später als Unglück entpuppen, oder auch
umgekehrt.
"Warum sollte diese Sache mit Sisyphus absurd sein?" fragt der Dekan
oder vielmehr das ominöse Morphium-Gespenst, das ihm in Vietnam auflauert.
"Ich kann mir nichts Dümmeres vorstellen, als dass das absurd sein
sollte." Will sagen: Gerade die so genannten "sinnvollen Tätigkeiten"
sehen manchmal sinnlos aus, sofern sie keinem rationalen Zweck zu gehorchen
scheinen. In Lars Gustafsson steckt eben nicht nur ein Diabolos, sondern hin und
wieder auch ein erstaunlich nüchterner Pragmatiker. Allerdings lässt er sich
ungern in die Karten sehen. Und seine Prosa ist deswegen immer wieder so
wunderbar zu lesen, weil in ihr ein beweglicher Geist haust, der einen Haken
nach dem anderen schlägt.
Manchmal meint man bei der Lektüre auf einer Rutschbahn zu sitzen, man rauscht
dem Abgrund entgegen oder dem Nichts. (Passen dazu nicht die halluzinogenen
Pilze, die der Antidekan mit Freunden in der Buchhandlung zu sich nimmt?) Das
ist die pure Metaphysik, die Überwindung aller Körperlichkeit. In irgendeiner
Form existiert Spencer C. Spencer, dieser sich zögernd bekennende Atheist, nach
Abschluss seiner Aufzeichnungen mutmaßlich weiter.
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