Der cherubische Velofahrer und andere Belustigungen.
Buch von Kurt Marti (2001, Jordanverlag).
Besprechung von Fredi Lerch aus der Wochenzeitung, Zürich, 34/02:

Drei neue Bücher von Kurt Marti
Kraftvolle Poesie des klaren Worts

Von Haus aus Pfarrer denkt der Berner Schriftsteller Kurt Marti bis heute kontinuierlich über Kirche und Bibel nach: humorvoll, streitend oder als Sänger des «Kohelet-Blues». Nun erhält er den Karl-Barth-Preis.

Als Intellektueller hat der heute 81-jährige Kurt Marti meist zwischen den Stühlen gelebt: Den Kirchenoberen war er nicht selten zu wenig kirchlich; dem Staat häufig zu wenig staatstreu und den Linken gewöhnlich zu wenig links. Das war der Preis für seine paradoxe Utopie einer Sprache, «die wäri / so starch / und so frei / dass / sech niemer / getrouti / se z’rede».

Bis zu seiner Pensionierung arbeitete Marti als Pfarrer - Berufsoptimist ist er deswegen nicht geworden. Es ist kein Zufall, dass er sich in seinem neuesten Buch mit der «unbiblischsten» Schrift der Bibel auseinander setzt: dem «Prediger Salomo». Dieser «melancholische Skeptiker» war weder Prediger, noch hiess er Salomo. «Kohelet», wie ihn Marti im einführenden Essay nach dem hebräischen Original nennt, lebte mehr als sieben Jahrhunderte nach dem König Salomo, gehörte vermutlich zur Oberschicht Jerusalems und gab seinem Text die Form einer Salomo-Fiktion.

Die Gesänge von der alles verschlingenden Vergänglichkeit - Marti bezeichnet sie als «Kohelet-Blues» - verweisen nicht nur auf die ökonomisch privilegierte Situation des Autors, sondern auf die «generelle politische Ohnmacht der Juden» im Zeitalter der hellenistischen Globalisierung. Durch sie «verloren altüberlieferte Traditionen und kleinräumige Bindungen mehr und mehr ihre Selbstverständlichkeit. Woran sich noch halten in dieser interkulturellen Vielfalt?» Gerade über den Begriff der Globalisierung wird Kohelets Buch aktuell: «Beide Male eine Epoche des Umbruchs, des Kulturwandels, der sich erweiternden Horizonte. Kleine Völker büssen ihre Selbstbestimmung ein.»

Wie es Marti mit seiner Einführung gelingt, Kohelet als historisch fassbaren, desillusionierten Aufklärer avant la lettre zu zeichnen, gelingt es ihm im zweiten Teil mit seiner Neuformulierung, den Bibeltext zu entstauben. Martis Version ist nicht nur klärend, sondern auch poetisch reizvoll. Wo Luther beispielsweise übersetzte: «Es ist besser, das gegenwärtige Gut gebrauchen, denn nach anderm gedenken» (6,9), sagt Marti: «Besser ist, was die Augen sehen, / als das, was die Wünsche wollen.»

Dissidenter Dialogiker

Dass Kurt Marti als Theologe nie «Einwegmissionar», sondern immer «Dialogiker» war, wie er sich selber in einem Interview einmal charakterisierte, ist belegbar: 1970 führte er in seinen Gottesdiensten so genannte «Predigtdiskussionen» ein. Mit dem Kommunisten Konrad Farner disputierte er bei verschiedenen Gelegenheiten öffentlich (weshalb ihm der Berner Regierungsrat 1972 als «pastoral verkapptem Marxisten» den Lehrstuhl für Homiletik an der Universität Bern verweigerte).

Zwischen 1975 und 1977 führte er mit dem Agnostiker Robert Mächler (siehe WoZ Nr. 8/01) eine briefliche Auseinandersetzung, die in der «National-Zeitung» und deren Nachfolgerin, der «Basler Zeitung», dokumentiert worden ist. Ausgehend von der Frage, ob das Christentum «die rechte geistige Grundlage des Einzelnen und der Gesellschaft» sein könne, stellte Marti das sozialkritisch interpretierte Liebesgebot der Bibel gegen Mächlers historisch begründete Kirchenfeindlichkeit und seine These von der «Vernünftigung» der Menschheit.

Mächlers Forderung nach einer «Vernunftethik», die «sich um richtiges Denken und Tun bemühen» solle, konterte Marti mit der Frage: «Doch was heisst ‘richtig’? (...) Jeder beruft sich auf das ‘richtige’ Denken und nennt es Vernunft: Der Bourgeois meint damit die bourgeoise Vernunft, der Technokrat die technische Vernunft, der Marxist die Vernunft des Geschichtsprozesses usw.» Er plädierte für eine «christliche Ethik» mit der «radikalen Forderung zur Liebe (zum Nächsten, zum Fremdling, zum Feind)».

Dieser briefliche Disput ist offensichtlich ein Longseller: Noch 1977 wurde er unter dem Titel «Der Mensch ist nicht für das Christentum da» im Lutherischen Verlagshaus ein erstes Mal als Buch veröffentlicht; 1993 im Benziger-Verlag unter dem Titel «Damit der Mensch endlich wird, was er sein könnte» zum zweiten Mal. Die seit diesem Frühjahr vorliegende dritte Buchfassung hat Werner Morlang mit einem persönlichen Vorwort und einem Anmerkungsteil versehen, der alle nötigen Verweise auf die Quellen der belesenen Diskutanten bietet.

Cherubinischer Liebhaber

Der «cherubinische Velofahrer», Protagonist einer weiteren Marti-Neuerscheinung, ist unterwegs zwischen Autos und Motorrädern, die wie «Geschosse» an ihm vorüberpfeilen. Von Beruf ist er Hausmann und Liebhaber seiner Frau Regel - «zu etwas anderem tauge ich auch gar nicht» - und Verfasser von Zweizeilern: «Nie habe ich von Dichterruhm geträumt. / Mein Traum ist, dass die Welt sich reimt.» Pedalend und beobachtend ist er unterwegs, und wenn ihm eine NZZ in die Finger kommt, hat er für den Jargon der «Analysten» nur Spott übrig: «Global! Global! grölt jeder Hanswurst heute. / Doch auch der Turm von Babel ging einst pleite.» Der Humor von Martis kurzen Episoden hebt sich ab vom düsteren Hintergrund der globalisierten ökologischen und ökonomischen Verheerung der Welt. Im zweiten Teil des gleichen Bandes widmet er dem Dilemma, in dem sich Spiritualität und Engagement heute befinden, ein lakonisches Gedicht. Zwar sei es Pfingsten, aber nicht der Geist, sondern der Ausflugsverkehr brause: «In der Kirche indes, / der halbvollen, halbleeren, / ist der Pfarrer bestrebt, / dies zu erklären.»

«Bei mir war das Schreiben eine Art Ausbruch aus der präformierten Sprache der Kirche und der Theologie», hat Kurt Marti seinen Weg zur Schriftstellerei charakterisiert (WoZ Nr. 42/97). Wer seine Texte liest, wird deshalb nicht zu einem Glauben bekehrt, sondern immer neu zur poetischen Kraft des klaren Worts verführt.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie in der WOZ]

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