Der Chaosfroscher von Hanna Leybrand, 2006, ManutiusDer Chaosforscher.
Erzählungen von Hanna Leybrand (2006, Manutius Verlag).
Besprechung von str in den Fränkischen Nachrichten, 22.2.2006:

Die Kaffeehaus-Gängerin
Lyrikerin Hanna Leybrand legt ihren ersten Band mit Erzählungen vor

Die großen Reallexika für Literatur kennen sie zwar nicht, aber dennoch gibt es sie: die Kaffeehausliteratur. Eine Wiener Eigenart der Literaturproduktion, sollte man meinen, die unter anderem die "Fackel" des Kaffeehaus-Gängers Karl Kraus hervor gebracht hat. Die Lyrikerin und Wahl-Heidelbergerin Hanna Leybrand zeigt in ihrem ersten Band mit Erzählungen und Kurprosa, dass Kaffeehausliteratur, die bei stundenlangen Sitzen im Cafe, beim Lesen, beim Beobachten entsteht, auch einen Platz in der Kurpfalz hat. "Kaffeehaus ist überall", möchte man dem Titel der Auftakt-Erzählung des kleinen Bandes - eine Reminiszenz an Friedrich Torberg - beipflichten.

In gewisser Weise ist die Erzählkonstellation dieser "Geschichte" paradigmatisch für das ganze Buch. Die Ich-Erzählerin sitzt an ihrem Tisch in einem Mannheimer Cafe und beobachtet: das Pärchen in der Ecke, das sich ungeniert küsst; die Schöne aus dem Viertel mit ihrem glutäugigen Romeo; das Mutterl im schwarzen Kleid mit der Plastiktüte. Über Milchkaffee und Mineralwasser kommt mancher Normalbürger, aber auch mancher skurrile Sonderling in den Blick. Für jeden Kaffehausbesucher denkt sich die Erzählerin eine Biographie aus - und in fast allen diesen Biographien sind die Beobachteten nach irgendeiner Form von Glück. Und die Kaffehaus-Gängerin räsonniert dabei wie ihre österreichischen Vorgänger, wenig über Gott, viel über die Welt, die vom Kaffehaus-Tisch aus Gottseidank nur Außenwelt ist.

Denn das ist das andere Thema der Kurzprosa von Hanna Leybrand: die Enttäuschung, wenn ihre Personen - meist Frauen jenseits der Lebensmitte - den Beobachterstandpunkt aufgeben und in Kontakt mit der Außenwelt - mit Männern - treten. Der Straßenmusikant Vlado in der gleichnamigen Erzählung erinnert Susanne mit seiner Guerillero-Mütze und seinem Mundstück an ihre Studentenzeit. Sie lädt ihn in ein Lokal ein und erkennt dann voller Enttäuschung, dass auch er, er Fünfziger, der sich den Eintritt in das bürgerliche Leben erspart hatte, ganz spießigen Träumen nachhängt.

Über fast allen Erzählungen des kleinen Bandes liegt die - gelegentlich heitere - Schwermut solcher kleinen Enttäuschungen, des Rückzugs in eine Welt der Träumereien, wo man nicht großzügig über banale Konversation und körperliche Defekte hinwegschauen muss.

Dazwischen hat die Autorin einige skurrile Geschichten eingestreut, wie den Besuch in einem Sanatorium, wo nach der Methode der heiligen Hildegard geheilt wird ("Der Aderlaß"). Nicht in jedem der rund 20 Prosatexte wird eine Story im herkömmlichen Sinn erzählt. Das muss es auch gar nicht. Denn Hanna Leybrand fesselt ihren Leser durch eine unwahrscheinliche Beobachtungsgabe - nein, eher die Fähigkeit, Beobachtetes durch Worte greifbar und nacherlebbar zu machen. Durch diese Gabe der Beschreibung erhalten scheinbar banale Ereignisse ihre ganz eigene Bedeutung, ihren eigenen Charme. Beobachtung bedeutet ja, nicht am Beobachteten teilzunehmen. Dazu braucht es nicht das Kaffeehaus, das kann man auch in der eigenen Wohnung, beim Blick über das abendliche Heidelberg: "Ich kann mich nicht losreißen und sitze immer noch draußen, um beim Flackern des Windlichtes zu schreiben."

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