Der Busfahrer, der Gott sein wollte.
Erzählungen von Etgar Keret (2001, Luchterhand - Übertragung Barbara Linner).
Besprechung von Christoph Schröder in der Frankfurter Rundschau, 8.4.2002:

Freiheit für die Gebärmutter
Der israelische Autor Etgar Keret las aus seinen Erzählungen

In einem Interview zeigte sich Etgar Keret einmal verärgert darüber, dass es seiner Generation verboten sei, sich den "Luxus zu leisten, Witze über Israel zu machen". Stets sei es um Existenzkampf, um nationale Identität, aber niemals um die individuelle Befindlichkeit gegangen. In seinen Büchern ist das anders: Der 1967 in Tel Aviv geborene und noch immer dort lebende Schriftsteller ist in Israel zu einer Gallionsfigur für einen weniger ideologisch geprägten Umgang mit der komplizierten historischen und politischen Lage seines Landes geworden.

Bereits zum vierten Mal war Keret zu Gast im Hessischen Literaturbüro im Mousonturm, dieses Mal, um gemeinsam mit Lydia Böhmer seinen neuen Erzählungsband Der Busfahrer, der Gott sein wollte vorzustellen.

Skurril sind seine kurzen Geschichten, grotesk, komisch, respektlos und nicht selten auch ziemlich böse. In einer beispielsweise wird Rabin von einer Vespa mit Beiwagen überfahren und vom Erzähler in seinem Hof begraben. Es kommt zu einem Menschenauflauf und einer Schlägerei, erst spät stellt sich heraus, dass Rabin eine Katze war.

Die Erzählung, erläutert Keret, sei ein Beispiel dafür, wie in Israel Trauer immer wieder in Gewalt umschlage. Oder die Geschichte einer Frau, der die Gebärmutter entfernt werden muss. Zwar wird sie deshalb von ihrem Mann verlassen, doch das herausoperierte Organ ist so wunderschön, dass es in einem Museum ausgestellt wird, bis es an ein jüdisches Zentrum in Alaska verkauft wird. Auf dem Weg dorthin wird die Gebärmutter von einer ökologisch motivierten Terrorgruppe gekidnappt und frei gelassen.

Die Titelgeschichte schließlich erzählt von einem Busfahrer, der aus "ideologischen Gründen" prinzipiell niemals für verspätete Fahrgäste noch einmal öffnet, um nicht die Lebenszeit der übrigen Passagiere zu verschwenden. Bis zu dem Tag, an dem Edi, ein notorisch unpünktlicher Hilfskoch, mitten auf der Straße auf die Knie fällt und um Einlass bettelt, damit er rechtzeitig zu seiner Verabredung im Dolfinarium kommt.

Das erinnert den Busfahrer an die Zeit, in der er noch Gott werden wollte und er öffnet die Tür - wenn man hinter dem gesellschaftlichen Status plötzlich den Menschen entdecke, so Etgar Keret, sei Verständigung möglich.

Dass Edis Verabredung im Dolfinarium trotzdem eine Pleite war, steht auf einem anderen Blatt.

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