Der Briefwechsel von Thomas Bernhard und Siegfried Unseld, 2009, SuhrkampDer Briefwechsel
von Thomas Bernhard und Siegfried Unseld (2009, Suhrkamp, hrsg. von Raimund Fellinger, Martin Huber und Julia Ketterer).
Besprechung von Ulrich Steinmetzger aus der NRZ vom 5.02.2010:

Gigantenherz und Poltergeist in einer herzlichen Beziehung
Ein Denkmal: Der Briefwechsel zwischen Thomas Bernhard, dem Empörungskünstler der deutschen Literatur, und seinem Verleger Siegfried Unseld

Alles begann am 22.Oktober 1961. Thomas Bernhard bewirbt sich mit seinem Romanmanuskript "Der Wald auf der Straße" bei Siegfried Unseld. Der Autor schreibt ihm prägnant, höflich, und doch bestimmt: "Aber ich gehe den Alleingang." Sein Text wird nie gedruckt. Anderthalb Jahre später erscheint der Roman "Frost". Wiederum anderthalb Jahre darauf wendet sich Unseld an seinen Autor: "Mir liegt viel daran, mit Ihnen gemeinsam diesen neuen Weg zu gehen."

Wie sie das getan haben, kann man nun in einem kurzweiligen, exzellent edierten, äußerst lesenwert kommentierten Briefwechsel nachlesen, einem Denkmal von einem Buch. Es ist ein heiter-tragisches Musterbeispiel einer idealen Autor-Verleger-Beziehung, ein Pingpong der Ego-Eitelkeiten, das sensationelle und opulente Dokument eines vorbildlichesn Gebens und Nehmens im Kulturbetrieb. 524 Briefe, Telegramme und Postkarten auf 870 Seiten bis hin zum großen Finale im November 1988. Unseld: "fuer mich ist eine schmerzensgrenze nicht nur erreicht, sie ist überschritten ... ich kann nicht mehr." Bernhard: "...dann streichen Sie mich aus Ihrem Verlag und aus Ihrem Gedächtnis. Ich war sicher einer der unkompliziertesten Autoren, die Sie jemals gehabt haben."

Das war er natürlich nicht, und natürlich waren die gegenseitigen Kündigungen auch nicht der Schlusspunkt der produktiven Beziehung dieser beiden Arbeiter aus Leidenschaft. So nämlich war das stets: Wenn sich in immer wieder ähnlichen Amplituden die Korrespondenzfronten verhärtet hatten, bis nichts mehr ging, besuchten und einigten sich die beiden großen Verhandler ihrer Sache irgendwie.

Die Sache hieß: ein Werk schaffen bei finanzieller Unabhngigkeit und der monomanische Dienst daran. Im Januar 1989, 14 Tage vor Bernhards Tod, trifft man sich im Salzburger "Sheraton", redet über die Welt, den Nachlass und Unselds größtes Ärgernis, dass nämlich Bernhards Autobiografie peu a peu und entgegen den Versprechungen im Residenz Verlag erschien.

Den ganzen Bernhard sollte keiner bekommen. Auch darum dreht sich dieses in gegenseitiger Hassliebe geführte Duell. Vom Start weg geht es um Geld. Schon beim Kennenlernen in Unselds Frankfurter Haus am 28.Januar 1965 hatte Bernhard 40.000 DM verlangt - und sie bekommen. Das Feilschen, Verhandeln und Fordern gibt das Grundrauschen des Schriftwechsels: "dass ich mit meiner Prosaarbeit, die ich nach wie vor als die wichtigste meiner Arbeiten einschätze... nicht einmal die Lohnhöhe meines Nachbarn, der als Hilfsarbeiter in der Schottergrube arbeitet, erreiche". Doch schließlich Unselds Bilanz am 13.Oktober 1987 lautet: "Guthaben Thomas Bernhard DM 319 000".

Siegfried Unseld kämpfte gegen Bernhard, der "der genialste Regiesseur seiner selbst" war, und für ihn. Bei den immer neuen Skandalen und Unvorhersehbarkeiten blieb er an seiner Seite, vermittelte, milderte ab, beriet, beschwichtigte - und hatte die neuen Manuskripte gelesen. Bernhard attestierte ihm ein "Gigantenherz" - "Lieber Thomas Bernhard, ich mag Sie halt sehr!", seufzte Unseld. Was für ein wundervolles Dokument!

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]

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