Der Brenner und der liebe Gott von Wolf Haas, 2009, Hoffmann&CampeDer Brenner und der liebe Gott.
Roman von Wolf Haas (2009, Hoffmann & Campe).
Besprechung von Ulrich Steinmetzger aus der NRZ vom 30.09.2009:

Wolf Haas, der Brenner und der liebe Gott
Sieben Tote in fünf Tagen, schöne Südtirolerinnen, Almhütten, Senkgruben und der liebe Gott - der immermüde Simon Brenner ist wieder da, der extraschräge Ermittler von Schriftsteller Wolf Haas, der sich nun doch nicht vom Krimi-Genre verabschiedet hat.

Wolf Haas-Bücher sind nicht nur anders, sondern ganz anders. Und wiederum noch mehr anders war vor drei Jahren sein letzter Streich „Das Wetter vor 15 Jahren“. Mit diesem in jeder Hinsicht seltsamen Liebesroman schien er sich aus der Ecke des abgezockten Krimiautors verabschiedet zu haben. Aber weil wir vom promovierten Österreicher des Jahrgangs 60 das Unerwartete zu erwarten gewohnt sind, finden wir ihn jetzt doch wieder dort. Sein Freizeitkommissar Simon Brenner ist in einem siebenten Band zurück, denn: „Jetzt ist schon wieder was passiert.“

Voller Sehnsucht nach der Tochter

Vorstellen darf man ihn sich mit dem immermüden, wettergegerbten Kinogesicht des Josef Hader, der unlängst dem Knochenmann Bierbichler  bis zum Fleischwolf auf den Fersen war. Über 50 ist der Expolizist Brenner inzwischen, da will er sich ein wenig Ruhe gönnen. Deswegen nimmt er Tabletten, deren Wirkungsentfaltung er allerdings reihenweise doppelten Espresso entgegentrinkt. Und manchmal auch alkoholfreies Bier. Als solcherart gestählter, robuster Chauffeur hat er beim Ehepaar Kressdorf angeheuert: Er ist Baulöwe mit Firmensitz in München, sie Abtreibungsärztin mit Klinik in Wien, dazwischen 500 Autobahnkilometer und die zweijährige Helena. Beide sind viel beschäftigt mit Dingen, die ins Dubiose spielen, beide sind voller Sehnsucht nach der Tochter, die im Brenner-BMW zwischen den Standorten hin und her gejagt wird und deswegen als erstes Wort „Fara“ stammelt. Auch dafür will Brenner sie belohnen. Nur ist das Kind verschwunden, als er nach dem schwierigen Entscheidungsprozess vorm Schokoladenregal zum Auto zurückkehrt.

Was folgt, ist eine Erzählung im wahrsten Sinne des Wortes. Wolf Haas nimmt seine Leser in Stammtischhaft, denn sein Erzähler berichtet von den sich überstürzenden Ereignissen, scheinbar wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Das liest sich wie die mitgeschnittene Rede eines über den Bierschaum Plaudernden. Der überschüttet uns mit vertraulichen Floskeln wie „Was glaubst du“, „frage nicht“ oder „Pass auf“.

Der liebe Gott erweist sich als unkompliziert

Natürlich passen wir auf, wenn dieser deftige Rhapsode urkomisch, bauernschlau und wie in einem Fünftagerennen hinplappert, wie das Detektivhormon im Brenner neu entflammt und er im Stundentakt „eine Eins-a-Ermittlung“ hinlegt. Dazu lässt er ein seltsames Personal auflaufen: Natalie, die Klinikpsychologin, Tankstellenshopsäufer, eine stiernackige Frau mit Rasenmäherfrisur und andere Lesben, nervöse Scharfschützen, Sicherheitschefs, Obersenatsräte, Bankdirektoren, dilettantische Trittbrettfahrer, eine Rothaarige aus Südtirol, wo die schönsten Frauen wachsen, „halb Italienerin, halb Geierwally“, und schließlich sogar den lieben Gott, der sich an einem sehr komplizierten Ort als sehr unkompliziert erweist. Der Orte sind viele und einer ist skurriler als der andere: eine Almhütte in Kitzbühel, wo die Honoratioren Schlange stehen, die Jugodisco, Charity-Golfplätze, Friedhöfe, Straßen, Schrebergärten, Operationssäle, Badewannen, Betten und eine Senkgrube, in der nicht nur Fäkalien entsorgt werden.

Alles hängt mit allem zusammen

Vom Denken und Reden um die Ecke werden die Geschichte und mithin auch Brenner durchs Ermittlungstohuwabohu getrieben. So werden aus einem Fall gleich mehrere andere, denn alles hängt mit allem zusammen. Das Tempo nimmt zu und die Zahl der Toten auch. Denn eins ist klar: „der totale Friede ist weitschichtig mit Blödheit verwandt“. Das alles wird zum Schreien komisch hinräsoniert zwischen trunkener Welterklärung, Slapstick, groß- und unartigen Wortspielen, zwischen Palaver und Sentenz, wie das Wolf Haas keiner nachmacht. Lauter Gefahren ringsum, nur nicht die, dass es dem Leser geht wie Brenner in einem seltenen schwachen Moment, als er einschlief über dem Gedanken, auf keinen Fall einschlafen zu dürfen.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]

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