Der Blick aus meinem Fenster von Orhan Pamuk, 2006, Hanser1.) - 2.)

Der Blick aus meinem Fenster.
Betrachtungen von Orhan Pamuk (2006, Hanser - Übertragung
Cornelius Bischoff, Ingrid Iren, Gerhard Meier, Christoph K. Neumann, Wolfgang Riemann).
Besprechung von Monika Carbe in Neue Zürcher Zeitung vom 4.04.2006:

Widersprüche, unauflöslich?
Orhan Pamuk als Chronist der laufenden Ereignisse

«So gehörte mein Vater eine Zeit lang zu jenen türkischen Intellektuellen, die seit hundert Jahren ohne Hoffnung und mit leeren Taschen die Strassen von Paris durchstreifen», heisst es in einer der Skizzen des ersten Essaybands, der von Orhan Pamuk auf Deutsch vorliegt. Autobiografisches, Stellungnahmen zu aktuellen Ereignissen, Untersuchungen etwa zu Dostojewski, André Gide und dem Schriftsteller und Essayisten Ahmed Hamdi Tanpinar, zu Stendhal und Nabokov sind hier versammelt, und zum Schluss findet sich eine Erzählung aus dem Band «Öteki Renkler – Andere Farben» aus dem Jahr 1999.

Wer mehr über Pamuks Werk, seine literarischen Vorbilder aus Ost und West erfahren will oder die Schlüsselloch-Perspektive liebt und dem Leben des Autors auf die Spur kommen möchte, der findet hier ein Puzzlespiel mit unendlich vielen Teilen, die sich – je nach Bedarf – zusammensetzen und ergänzen lassen.

Bildchen, die die Welt bedeuten

Der Titel des Bandes «Der Blick aus meinem Fenster» korrespondiert mit der Kurzgeschichte «Aus dem Fenster schauen», die als Überraschung für den geduldigen Leser an letzter Stelle steht. Es ist das Psychogramm eines Sechsjährigen, der, still und in sich gekehrt, miterleben muss, wie der Vater 1958 in Istanbul die Koffer packt, die Familie verlässt und nach Paris fliegt. Trost bietet den Kindern das Spiel mit bunten Bildern aus der Kaugummipackung, mit Idolen der 1950er Jahre aus der «Reihe des Ruhms», die man seinerzeit für einige wenige Lira am Kiosk erhielt.

Verbissen spielen die beiden Brüder Cevat und Ali mit Gandhi, mit Greta Garbo, Charlie Chaplin, König Faruk, Atatürk und Marschall Fevzi Çakmak, einem der Kommandanten im Unabhängigkeitskrieg der Türkei nach dem Ersten Weltkrieg: mit Bildchen, die – abgesehen von den türkischen Helden – damals Kinder in Kopenhagen oder West-Berlin genauso begeisterten wie in Istanbul; sie spielen mit Fotos zum Sammeln auf dünnem Papier, im Miniaturformat, von einer amerikanischen Firma erdacht, die ein feines Gespür für regionale Unterschiede hatte. Während die Mutter von Cevat und Ali versucht, sich mit den Verhältnissen zu arrangieren, lernen die beiden die Welt kennen.

Der sechsjährige Ali steht für den Erzähler selbst, den melancholischen Chronisten, der früh mit den Widersprüchen zwischen unverbrüchlicher Solidarität und Hinterlist, zwischen Gemeinschaftsgefühl und dem Mut zum individuellen Handeln konfrontiert wurde. In dieser Short Story und den Essays begegnet man der Persönlichkeit eines Schriftstellers, der seit Jahrzehnten versucht, Widersprüche zu definieren, und nicht daran verzweifelt. Ob es sich um das Verhältnis der Literatur zum Leben oder der Klausur im Elfenbeinturm zum enragierten Eingreifen ins Tagesgeschehen handelt, ob die Beziehung zwischen der Einsamkeit des Individuums und der Sicherheit in der Gemeinschaft ausgelotet wird oder ob gängige Vorstellungen – etwa der «Minderwertigkeitskomplex» des Orients gegenüber der «Arroganz» des Abendlandes – reflektiert werden: All dem versucht der Autor sich zu nähern, ohne voreilig Schlüsse zu ziehen.

Pamuk setzt Ironie als Stilmittel wie als politische Waffe ein, ein Instrument, das manches Mal in Zynismus umschlägt. So heisst es etwa in einem der Beiträge zum Weltgeschehen – «Zorn der Verdammten» – vom September 2001: «Wenn jetzt der Eindruck entsteht, in der ganzen Welt werde zu einem Krieg zwischen Orient und Okzident aufgerufen, befürchte ich, dass die Welt zu einem Ort wird, der wie die Türkei im dauernden Ausnahmezustand regiert wird. Ich befürchte, dass der selbstzufriedene und selbstgerechte westliche Nationalismus den Rest der Welt zwingt, wie Dostojewskis Mann im Kellerloch zu sagen, dass zwei mal zwei fünf ist. Was den Islamisten, die Frauen das Gesicht mit Salpetersäure verätzen, am meisten hilft, ist das aggressive Unverständnis des Westens.»

In vier Abschnitte mit zum Teil recht phantasievollen Überschriften wie «Die Politik lenkt zu sehr ab» ist die Anordnung der dreissig Essays unterteilt, es geht um Gedanken Pamuks zum Leben, zur Politik, zur Literatur und zu weiteren Künsten; Letztere finden sich unter «Malerei, Architektur, Filme und andere Dinge werden betrachtet». Vertreten sind in dem Band die beiden Preisreden – zur Verleihung des Ricarda-Huch-Preises von Darmstadt am 3. Oktober 2005 wie zum Friedenspreis des Deutschen Buchhandels drei Wochen später. Nicht nur bei der Lektüre von Pamuks Romanen, sondern auch dann, wenn man sich näher auf den Essayband einlässt, kann man Joachim Sartorius, dem Laudator in der Frankfurter Paulskirche, nur zustimmen, wenn er sagt: «Kaltes Artistentum kann man Orhan Pamuk nicht vorwerfen. Im Gegenteil, er hat ein brennendes Interesse an Menschen und Dingen, sein Blick auf die Welt ist scharf, mitunter ungemütlich. Aber stets voller Anteilnahme.»

Scharfblick und Anteilnahme

Und dennoch, kühl und neutralisierend ist die Erzählhaltung Pamuks in den Romanen; wie ein Trapezkünstler ohne Netz sucht er seinen literarischen Ort zwischen der Intensität der Gefühle des Südens und der distanzierten Haltung von Autoren nördlicher Prägung; dies beweist «Der Blick aus meinem Fenster». Die Perspektive Orhan Pamuks ist – zum Glück! – ein kantisch sezierender Blick, der keiner Nation zuzuordnen ist, in seiner Schärfe ein wenig gemildert durch Erfahrung und die sprichwörtliche Toleranz des Sufismus. Doch nimmt er in der Tat bedingungslos Anteil am Schicksal von Menschen, gleichgültig, aus welchem Land sie kommen oder welcher Gesellschaftsschicht sie angehören, und interessiert sich für das Werden und Vergehen von Städten, Kulturen und Systemen – und das unerbittliche Fortschreiten der Zeit.

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Der Blick aus meinem Fenster von Orhan Pamuk, 2006, Hanser2.)

Der Blick aus meinem Fenster.
Betrachtungen von Orhan Pamuk (2006, Hanser - Übertragung
Cornelius Bischoff, Ingrid Iren, Gerhard Meier, Christoph K. Neumann, Wolfgang Riemann).
Besprechung von Christine Diller aus dem Münchner Merkur, 9.10.2006:

Schlupflöcher
Orhan Pamuks Essayband „Der Blick aus meinem Fenster“

Es ist ein Buch der Schlupflöcher: Was sich in ihnen verbirgt, erklärt die poröse Machart der Welt. Und die zu Essays verdichteten Texte Orhan Pamuks – er gilt als einer der Favoriten für den Literaturnobelpreis – tun dies mit ihren Schlupflöchlein nachdrücklicher und beunruhigender, als es die Belletristik vermag.

In „Über das Lesen“ schreibt der türkische Dichter über sein Verhältnis zur Literatur – als Leser: „Wörter und Literatur sind nämlich wie Ameisen oder Wasser: Sie dringen überallhin, auch noch in die kleinsten Ritzen und Schlupflöcher.

Und was wir über das Leben und die Welt am dringendsten wissen wollen, zeigt sich gerade in diesen Schlupflöchern – deshalb ist es am ehesten die Literatur, die das sieht und davon künden kann.“ Pamuk hat in „Der Blick aus meinem Fenster“ vor allem Gebrauchsliteratur über Politik, Kunst, Literatur und Architektur versammelt. Alle Essays sind zwischen 1995 und 2005 in deutschen Zeitungen erschienen oder als Reden oder Vorworte entstanden.

Selbst die hübsche autobiografische Erzählung „Aus dem Fenster schauen“: Während Orhan und sein Bruder als Kinder unwissend ihr Tauschspiel mit den Sammelbildern der „Reihe des Ruhms“ treiben, bestätigt sich für die Mutter der Verdacht, dass ihr Mann ohne sie in ein neues Leben in Paris aufgebrochen ist. Vielleicht auch in Anlehnung an das selbstbezogene Aus-dem-Fensterschauen der Erzählung ist der Titel des Bandes entstanden: Der zurückgezogen lebende Büchermensch richtet seinen – eingeschränkten – Blick aus dem Fenster auf den dort gerade sichtbaren Ausschnitt der Welt.

Literaturnobelpreis-Favorit

Pamuk bekennt sich damit zu einer betont subjektiven Sichtweise. Frühe, traurigkomische Erfahrungen begründen etwa sein Misstrauen gegenüber Nationalität: „Ein Pass ist also nicht, wie ich bisher annahm, ein Papier, das unsere Identität dokumentiert, sondern ein Dokument, das zeigt, was andere von unserer Identität halten.“

Für den Autor ein Anlass, auch über Nationalismus nachzudenken: „Flatternde Fahnen, nationale Feierlichkeiten und Freudenfeste nach Fußballsiegen zeigen, dass sich glückliche Nationalisten überall auf der Welt gleichen. Wenn Nationalismus bedeutet, dass man sich des Unterschieds zwischen der eigenen Identität und der anderer Menschen rühmen kann, dann ist das ein glatter Widerspruch in sich.“

Heftig kritisiert Pamuk in „Fünfundvierzig Sekunden“ über das Istanbuler Erdbeben 1999 das eigene Land: „Ein Staat, dessen organisatorische Logik auf Schlagen, Unterdrücken, Angstmachen, Verboten und Gewaltanwendung beruht, bringt es nicht fertig zu helfen, Wunden zu verbinden und dem Volk zu dienen.“

Es sind solche, in den Schlupflöchern anekdotischer Begebenheiten verborgenen Weisheiten und Bonmots, die dieses heterogene Buch lehrreich machen. Aber auch die Beobachtungen und Bewertungen des türkischen und damit westöstlichen Grenzgängers. „Der Zorn der Verdammten“ von Ende September 2001 ist eine Einordnung der Reaktionen in der Türkei auf die Anschläge vom 11. September.

„Was einen armen alten Mann in Istanbul – und sei es für einen Augenblick der Empörung – den Terror in New York gutheißen lässt, (…) ist weder die islamische Zivilisation noch der Unsinn, den man als Konflikt zwischen Orient und Okzident bezeichnet, oder gar die Armut selbst, sondern die Ausweglosigkeit, erniedrigt zu werden, sich nicht verständlich machen zu können, nicht gehört zu werden.“ Wenigstens Orhan Pamuk wird hierzulande ein wenig gehört.

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