Der Bildverlust von Peter Handke, Suhrkamp, 20021.) - 8.)

Der Bildverlust oder Durch die Sierra de Gredos.
Roman von Peter Handke (2002, Suhrkamp).
Besprechung von Ulrich Weinzierl aus Die Welt, 19.1.2002:

Vom Bildverlust zum Sprachkonkurs 
Peter Handke wandert in seinem neuen Roman durch die Sierra de Gredos. Und seine Prosa verdurstet dabei

Erzählt wird Folgendes: In einer ungewissen Zukunft macht sich eine Bankfrau aus einer nordwestlichen Flusshafenstadt auf nach Spanien. Sie will einen Schriftsteller treffen, der ihre Biografie schreiben soll. Handke verfolgt den Weg der Bankerin, die unterwegs einen mysteriösen Bildverlust erleidet, und ihre Begegnungen mit den Menschen in der Sierra. Die Zeiten fließen in dieser rückwärts gewandten Utopie. Als "ein großes Sehnsuchtsbuch, ein Menschenbuch" kündigt es der Verlag an. Als Konkursbuch sieht es Ulrich Weinzierl.

Wunderlicher Mann: Das Wandern war und ist dieses Dichters Lust. Wie kein Zweiter im Literaturbezirk bewegt Peter Handke sich und seine Helden vornehmlich per pedes durch die Welt. Slowenien, das Idealland seiner Kindheitsfantasien, hat er nicht nur - Karstdorf für Karstdorf - abgeschritten, sondern mittlerweile auch aus-, ja abgeschrieben. Dass sein Traumgebilde reale, nationale Staatsform annahm, will er jenen, die sie gewählt haben, nicht verzeihen. Nach Serbien, für das er in den Balkankriegen fortwährend Gerechtigkeit forderte, ist Handke indes nicht zu Fuß gepilgert, vielmehr im Auto. Vielleicht deshalb verlor er die Bodenhaftung und stolperte im polemischen Schwung über die eignen Beine. Allgemeines Kopfschütteln herrschte im Blätterwald ob seiner "Winterlichen Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina" (1996), und auch die letzte einschlägige Publikation zu Restjugoslawien, "Unter Tränen fragend" (2000), stieß meist auf abschätziges Echo. Die Vermutung, der Schriftsteller sei nicht bei Trost, zählte noch zu den milderen Reaktionen.... Fortsetzung

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Der Bildverlust von Peter Handke, Suhrkamp, 20022.)

Der Bildverlust oder Durch die Sierra de Gredos.
Roman von Peter Handke (2002, Suhrkamp).
Besprechung aus Kurier, Wien vom 18.1.2002:

Abenteuer der Langeweile

Es soll zumindest versucht werden. Ein Versuch ist ja nicht die schlechteste Möglichkeit der Annäherung. Mit Versuchen hat Peter Handke ganze Bücher gefüllt. Kürzere und längere. Nun also wieder ein längeres, ein ganz langes.

„Der Bildverlust oder Durch die Sierra de Gredos“, ein neuerliches „opus magnum“, ist, so lässt der Titel vermuten, ein Reise-Roman. Die hier versuchte Annäherung an die 759 Buchseiten folgt zunächst der Handke’schen Versuchsanordnung.

Da ist erstens die „Heldin“. Namen trägt sie keinen, aber viele Bezeichnungen. „Banklady“, „Finanzweltmeisterin“, nennen sie die Medien, ist sie doch in den höchsten Bankkreisen angesehen. Kurzfristig war sie gar Filmstar. Außerdem ist sie Mutter einer verschwundenen Tochter, Schwester eines haftentlassenen Bruders und Auftraggeberin ihrer Geschichte. Zweitens ist da der Beauftragte, ein zünftiger Schriftsteller, mit dem sie einen klassischen Lieferantenauftrag abschloß.

Er soll ein Buch über sie schreiben, über ihre Unternehmungen und ihre Abenteuer, welche sie größtenteils auf ihrer langen Reise über die Sierra zu ihm, dem Autor, der sich in ein Mancha-Dorf zurückgezogen hat, erlebt. Womit sich der Kreis der Geschichte in sich selbst schließt. Und das war’s dann auch schon auf der Ebene des quasi Faktischen, für das der Ausdruck Handlung bereits zu viel ist. Ungewarnt bleibt der Leser nicht. Bereits zu Beginn wird er aufgefordert, allen diesbezüglichen Gedanken das Feld zu räumen, für nichts als das reine Lesen.

Fair Play also und wer danach weiterliest, ist selber schuld. Enttäuscht kann er nicht mehr werden und überrascht wird er auch nicht. Schließlich kann, wo Handke drauf steht, schon lange keine Handlung mehr drin sein.

Verfremdungen

Eine Abmachung zwischen Autor und Auftraggeber gab es bereits im letzten Reise-Roman Handkes „In einer stillen Nacht ging ich aus meinem stillen Haus“, wo die Anweisung lautete: „In Schwebe lassen“ und in der „Niemandsbucht“ wetterte der Autor gegen Lesefutterknechte. Diesmal zieht er beredt gegen das Realitätsgeprotze zu Felde.

Dass die wahren Abenteuer im Kopf, in der Fantasie, in der Poesie, jedenfalls nicht unbedingt in der Wirklichkeit stattfinden, diese alte Erkenntnis erneuert Handke mit Verwischungen etwaiger Realien. Orte erscheinen, selbst wo sie faktisch benannt werden wie die titelgebende Sierra, verfremdet. Die Zeit von der erzählt wird, ein vages damals-jetzt, gibt Raum für treffende Angriffe auf Phänomene der Gegenwart wie etwa das Bankwesen, erlaubt Zeit-Satiren, Utopien und rückwärts gewandte Idyllen. So beherrscht ein seltsamer Atavismus, ein Rückfall in eine unbestimmte Vergangenheit, ein Dorf in der Sierra, ein anderes wird von Gegenwartsflüchtlingen bewohnt. Doch wohin führt diese Reise, diese Erfahrung, die sich der Wirklichkeit verweigert? Was wird gesucht und was wird gefunden?

Für die Frau auf der Suche nach dem Abenteuer, dem unbekannten Geliebten, dem Autor ihres Buches, dem Zuhörer und Erzähler, gibt’s eine Art Happy End. Mit dem der über vielerlei Aufgetürmtes und allerlei Seichtes geduldig mit gewanderte Leser dann viel weniger glücklich zurückgelassen wird. Vom „Bildverlust“ wollte ja erzählt werden, doch Bilder sind das einzige, das im Übermaß geboten wird – Landschaften, Porträts, Reisebilder, Stillleben, Tableaus.

Man soll einem Künstler nicht die Verdienste seiner Jugend vorhalten, aber erinnern wird man sich ja noch dürfen. Lang ist’s her, da hat
ein junger, wütender Handke den Autoren der Gruppe 47 ihre uninspirierte „Beschreibungsprosa“ vorgeworfen. Ob er sich daran erinnert?

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Der Bildverlust von Peter Handke, Suhrkamp, 20023.)

Der Bildverlust oder Durch die Sierra de Gredos.
Roman von Peter Handke (2002, Suhrkamp).
Besprechung von Ina Hartwig aus Frankfurter Rundschau, 19.1.2002:

Heraus aus der Rachefalle
Bilder-Finder, Bild-Erfinder: Peter Handke meldet sich mit einem neuen Roman geläutert zurück

Am kommenden Montag wird der Suhrkamp Verlag den neuen Roman von Peter Handke ausliefern, 759 Seiten unter dem Titel Der Bildverlust oder Durch die Sierra de Gredos. Es ist schwierig, den Überblick zu behalten, aber dies müsste ungefähr Handkes zwanzigstes Prosabuch sein; die Journale nicht mitgezählt. Nicht alle dieser zum Teil legendären, eigenwillig filigranen Bücher tragen die Gattungsbezeichnung "Roman", einige nennt Handke "Erzählung", andere haben gar keine nähere Bestimmung. Diesmal also "Roman", in aller Eindeutigkeit.

Das ist schon deshalb ein Ereignis, weil Handkes letzter Roman fünf Jahre zurückliegt und in der Zwischenzeit, abgesehen von dem Kinderbuch Lucie im Wald mit den Dingsda, ausschließlich im Zusammenhang seiner Serbien-Einlassungen von dem in seinem fünfzigsten Jahr stehenden Schriftsteller zu hören war. Im Unterschied zu den beiden anderen lebenden Granden der deutschsprachigen Literatur, Günter Grass und Martin Walser, hat Handke es fertig gebracht, durch sein Engagement für Serbien zum "bad guy" zu werden. Walser hat das mit seiner Paulskirchenrede über die vermeintlichen Zumutungen der bundesdeutschen Holocaust-Mahnmals-Kultur nur halb geschafft, was seine Verärgerung über die jüngsten Störungen seiner Lesungen durch ahnungslose Antifa-Provokateure zeigt. Walser will reden, will verstanden werden, will argumentieren - doch seine Anti-Fans verweigern sich, und das ärgert den Mann verständlicherweise. Der Nobelpreisträger Grass brilliert ohnehin als guter Mensch des literarischen Engagements, gebrochen wirkt er dabei kein bisschen. Deshalb langweilt er.

Handke hingegen hat den Bösen gut gespielt in den letzten Jahren, das muss man im Nachhinein konzedieren. Und die Bösen sind eben die Interessanteren, auch wenn - oder gerade weil - die Moral auf der anderen Seite steht und schreit. Die Ingredienzen, mit denen Handke die Presse und die Literaturkritik zunehmend aufgebracht hat, waren treffsicher gewählt: Blut-und-Boden-Romantik in Kombination mit antiamerikanischer Verschwörungstheorie und einer ordentlichen Prise Hass. Dem Lager der moderaten Kritiker des gegen Serbien und Belgrad gerichteten Nato-Einsatzes - die es ja gab und deren Argumente sehr wohl verstanden wurden - wollte Handke sich nicht anschließen. Statt dessen hat er einen poetischen Absolutheitsanspruch auf ein von jeglicher Schuld gereinigtes Serbien appliziert, wo er so etwas wie eine Wahlheimat gefunden zu haben meinte; ein Land, in dem der hässliche Kapitalismus noch nicht alles zerstört hatte, was aus Handkes Sicht zum Wertvollsten gehört: fruchtbare Erde, schöne Landschaft, Autarkie, Erzählgemeinschaft, bukolische Tauschverhältnisse, Sprache und Sprachzweifel.

Die Sackgasse, in die er sich trotzig träumend hineinkatapultiert hatte, bestand darin, eine totale Feindschaft (der Westen und seine Medien) vor dem Hintergrund einer totalisierenden Geschichtsauslegung entworfen zu haben, die da lautete, der Westen wolle Jugoslawien vernichten ("Weltkrieg gegen Jugoslawien"). Allen Ernstes konnte Handke sich darüber freuen, dass die Nato-Bomben auf Belgrad der örtlichen Jugend die Lust auf Coca Cola und McDonald's ausgetrieben habe. Die Vertreibung der Kosovoalbaner und die Ermordung von bosnischen Muslimen durch die Serben spielten für seine Ausführungen nur insofern eine Rolle, als er sie für Propaganda des Westens hielt. Für Milosevic, der sich inzwischen in Den Haag wegen Völkermordes verantworten muss, hatte Handke seinerzeit mehr als nur Verständnis aufgebracht. All diese wirren, von antidekadenten Ressentiments geleiteten Provokationen waren schwer erträglich, und sie haben Handke definitiv isoliert.

Als Peter Handke Ende letzten Novembers der neu geschaffene "Blaue Salon Preis" des Frankfurter Literaturhauses verliehen wurde, durfte man das als Entscheidung gegen diese Isolierung verstehen - die gewiss persönlich nicht leicht zu ertragen war. Der Preis wurde Handke für sein Gesamtwerk verliehen, und zwar unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Wenig später erreichte die Literaturredaktionen eine merkwürdige, um nicht zu sagen komische Farbfotografie, auf der der Dichter neben einem Vertreter der hessischen Licher-Brauerei, der Hauptsponsorin des Literaturpreises, abgebildet war. Im Hintergrund sah man eine offene Kühltruhe, vollgestellt mit Licherbier - nach dem heimlichen Motto "Licherbier statt Coca Cola". Nun denn, ohne Kompromisse geht es eben nicht. Das Preisgeld, meldeten bald darauf die Presseagenturen, habe Handke einem Afghanistan-Museum in der Schweiz gespendet. Ist das Serbien-Kapitel demnach abgeschlossen?

Zwischen Boheme und Ackererde

Tatsächlich deutet einiges darauf hin. Mit Der Bildverlust jedenfalls, das zu sagen erlaubt bereits eine erste Prüfung, knüpft Handke nahtlos an die Zeit vor den umstrittenen Kriegs-Reiseberichten an. Aus der Serbien-Falle ist er heraus - keine vorkapitalistischen Wunschfantasien mehr im Bildverlust. Eine überaus erfolgreiche, mit magischen Kräften ausgestattete Finanzexpertin ist die Hauptfigur dieses Buches, das im Titel bereits biblische Dimensionen aufruft und sich in der Tat als ein poetisches Großunternehmen entpuppt. Diese weltläufige Frau, ansässig am Rand einer imaginären, nordwestlichen Flusshafenstadt - Handkes Figuren wohnen oft an den Rändern, an der Peripherie -, will ihr Leben als "erzähltes" spüren und heuert zu diesem Zweck einen "Autor" an, dessen Aufzeichnungen eben das vorliegende Buch sind. Wieder wird die Berührung mit der Landschaft beschworen, mit den spanischen Hochebenen, wie schon in Handkes letztem Roman In einer dunklen Nacht ging ich aus meinem stillen Haus (1997) oder wie in dem Versuch über die Jukebox (1990), seinem letzten dem Pop verpflichteten Buch.

Es sei nicht ungewöhnlich bei den "Blubo"-Schriftstellern, bemerkte kürzlich die Kulturwissenschaftlerin Claudia Schmölders, dass sie, wie etwa Hamsun oder Jünger, zunächst dekadente Großstadt-Ästheten gewesen seien. Handke gehört selbstverständlich nicht in diese Reihe, weder Faschismus noch stählerne Männlichkeit waren für ihn jemals attraktiv. Er ist im Gegenteil ein aufrechter Antifaschist mit Tendenz zum Deutschland-Ekel (in Der Chinese des Schmerzes wird ein Hakenkreuz-Sprayer durch einen Steinwurf getötet, woraufhin der mörderische Held ein geschichtsträchtiges Triumphgefühl erlebt). Und was die Geschlechterordnung angeht, hält Handke es seit jeher mit dem Gender-trouble. Und doch ist jener Hinweis für Handke relevant, gerade weil dieser Autor in einer Grauzone zwischen Boheme und Ackererde, zwischen Hedonismus und Kulturkritik agiert - und das wahrscheinlich immer schon getan hat.

Viele Motive in dem neuen Roman werden Handke-Leser wiedererkennen, das Reisen, die Suche nach dem Absoluten, bei gleichzeitiger Versenkung in die Details des Alltags. Die Lust an der Überhöhung, die Lust an einer perfekten Ordnung. Das Schwärmerische, die Grenze zum Kitsch, die Handke wohl bewusst sucht, um die Sehnsucht im Kern zu treffen. Vielleicht hat er recht, vielleicht ist Sehnsucht prinzipiell kitschig. Vielleicht ist Kitsch also berechtigt? Diese Fragen werden nicht direkt gestellt, aber umkreist. Die Poesie, die Sprache, werden in dem neuen Buch allerdings durch die "Bilder" ersetzt, die zugleich daseinsbestimmend seien und bedroht, durch was auch immer bedroht - durch Virtualität, Massenmedien, Geschwindigkeit? Man weiß es nicht so recht. Selbst die Bildersuche, das Bildfinden und -verlieren meint man schon zu kennen, etwa aus der Lehre der Sainte-Victoire (1980), jenes Wanderbuchs auf den Spuren des Malers Cézanne.

Das Problem nun ist: "Die Bilder kamen nicht mehr von selber." Die "Abenteuerin des Bildverlusts", wie die Heldin einmal genannt wird, ist wohl auch ein Echo auf Die linkshändige Frau (1976), denn beide sind in die moderne Existenz geworfen, und beide bleiben zugleich angeschlossen an uralte Träume und Räume. Handkes neue Heldin hat nichts anderes im Sinn als die Bilder wiederzufinden - diesmal auf den Spuren von Cervantes, und durch die Erzählung des "Autors", den sie teuer bezahlt! Man sieht also: Westliches Geld hat sein Teufelsgewand abgestreift. Der Weg zum Ziel ist lang, aber nicht dornenreich. Denn Handkes Dogma - ganz unbescheiden, versteht sich - bedeutet eine Umkehr des biblischen Bilderverbots.

Du sollst dir ein Bildnis machen, lautet seine Devise. "Im Bild wurde ich täglich erlöst, und geöffnet, aber nicht für eine Religion. Im täglichen Bild wurde ich ein anderer, aber nicht für eine Ideologie, nicht für eine Massenbewegung", heißt es im abschließenden Zwiegespräch zwischen Heldin und Autor. Wie explizit die Literatur ihren poetischen Intentionen Ausdruck verleihen darf, ist eine alte Frage, über die in den nächsten Wochen die Kritik entscheiden muss. Aber beruhigend ist es schon jetzt, festzustellen, dass Handke seine serbische Rachefalle verlassen hat. Sein neuer Roman stellt endlich wieder eine Herausforderung für die Kritik dar. Und nicht nur für den politischen Kommentar.

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Der Bildverlust von Peter Handke, Suhrkamp, 20024.)

Der Bildverlust oder Durch die Sierra de Gredos.
Roman von Peter Handke (2002, Suhrkamp).
Besprechung von Lothar Schmidt-Mühlisch aus Die Welt, 20.1.2002:

Der Dichter schreibt an den leeren Himmel
Wer Wind sät, wird Sturm ernten: Peter Handke bleibt sich auch in seinem jüngsten Roman "Der Bildverlust" treu

Einer großen Illustrierten waren die Meldung und das Foto eine ganze Titelseite wert: Der Dichter Peter Handke liebt die Schauspielerin Katja Flint. Das Foto zeigte freilich eher einen Erschreckten. Der prominente Autor in hilfloser Abwehr und Fassungslosigkeit darüber, dass seine Liaison mit der Ex-Frau von Heiner Lauterbach die Medien in Aufruhr versetzte.

Der Dichter als Medienstar? Hat ihn, den Schüchternen, Zurückhaltenden, hier auf unvorhergesehene Weise vielleicht sein jüngster Roman eingeholt, bevor er noch erschienen ist? Das Prosawerk "Der Bildverlust" schreibt ja geradezu vehement an gegen eben jene Zerstörung der Innerlichkeit durch die oberflächliche Reproduktion in den Medien. Denn der Terror der Unterhaltung gewordenen Nachricht, dieses Überfluten mit Scheinwirklichkeiten, dieses gnadenlose Diktat von Öffentlichkeit führen, so der Autor in seinem neuen Buch, genau dazu, dass der Mensch seine inneren Bilder und Anschauungen verliert.

Die namenlose Frau, Bankerin von Beruf, sogar als "Finanzweltmeisterin" deklariert, die Handke auf eine Busfahrt durch die spanische Sierra de Gredos schickt, ist besessen von der Idee, sich diese Unmittelbarkeit und innere Leitfunktion solcher Bilder zu bewahren. Geradezu verzweifelt beschwört sie den Autor, jeden Anschein einer reproduzierbaren Realität zu vermeiden: keine Namen, keine Orte, keine Bezeichnungen.

Das aber macht das Buch auch schwer lesbar: 759 Seiten lang reine Innerlichkeit. Vieles daran ist durchaus faszinierend. Entwurzelte Bäume werden zu Sinnbildern eines preisgegebenen Geheimnisses. In "Sekunden der Vereinzelung" steht der Mensch erschrocken und grenzenlos einsam vor dem Drama der Schöpfung. Handke behauptet den Dichter, das Kunstwerk gegen die Medien und deren Entgleiten ins Virtuelle. Und er versucht die Geister zu vertreiben, die er selbst von Anfang anrief. Die literarische Biografie des gebürtigen Kärntners, der in diesem Jahr immerhin seinen 60. Geburtstag feiern wird, liest sich ja wie eine Agenda des Widerspruchs gegen die medialen Bedrohungen, die unserer Zeit nicht erst seit heute ins Haus stehen. Als er 1966 mit seiner "Publikumsbeschimpfung" im wahrsten Sinne des Wortes die Bühne betrat, hörte sich das schon so wortgewaltig an wie heute: "Ihr Maulhelden, ihr Hurra-Patrioten, ihr jüdischen Großkapitalisten, ihr Fratzen, ihr Kasperl, ihr Proleten, ihr Milchgesichter, ihr Heckenschützen, ihr Versager, ihr Katzbuckler, ihr Leisetreter, ihr Nullen ..."

Handke total! Er richtete sich schon damals auf einen Kampf "Einer gegen alle" ein. Den Medien war's recht. Endlich einer, der Leben in den verstaubten Laden einer selbst geistig saturierten Gesellschaft brachte, der auch später, zu Zeiten der Weltverbesserer und politischen Heilsbringer, gegen den Strom schwamm. Und Peter Handke bediente sich virtuos dieses Instrumentariums, wenn auch aus ungleichen Motiven. Der Sohn eines deutschen Soldaten und einer Kärntner Bauerntochter, gestraft mit einem ebenfalls deutschen Stiefvater, der dem Alkohol mehr verbunden war als einer geregelten Arbeit, hatte schon als Kind jene Heimatlosigkeit erfahren, die er heute noch ebenso bitter wie treffend beschreibt. Kärnten, Berlin, wieder Kärnten, zerrüttete Familienverhältnisse, ein autoritär gehandhabter Katholizismus, Verstoß vom Gymnasium wegen verbotener Literatur, das abgebrochene Jura-Studium - Zeugnisse von Unruhe, Verlusten, einer Verweigerung von Integration. Das wirkte nach....

In "Der Bildverlust" schreibt er zum Beispiel über das Phänomen Nachbarschaft: "Im gegebenen Moment wäre man zur Hand und zur Stelle, danach gleich wieder im Abstand, namenlos, und nach einer kleinen Grußzeit auch wieder grußlos." Treffender lässt sich das so vorläufige, stets bindungslose Wesen von Handkes Weltbeziehung wohl kaum beschreiben. Sogar die Sprache war ihm, dem eigentlich so sprachmächtigen Autor, immer auch eine Bedrohung. Sein Stück "Kaspar" zum Beispiel, in dem der Findling Kaspar Hauser seine Identität sucht, zeigt eben die Sprache als Ordnungsmechanismus der Gesellschaft, die sich nichts weniger wünscht, als den Fremdling in ihrer Normalität heimisch zu machen....Fortsetzung

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Der Bildverlust von Peter Handke, Suhrkamp, 20025.)

Der Bildverlust oder Durch die Sierra de Gredos.
Roman von Peter Handke (2002, Suhrkamp).
Besprechung von Christoph Kappes aus Münchner Merkur vom 24.01.2002:

Im Dunstkreis des Missionarischen
Der neuer Handke:

Peter Handkes Äußerungen zu Serbien waren ein gezielter Schuss ins Abseits. Sein neuer Roman "Der Bildverlust oder Durch die Sierra de Gredos" führt ebenfalls ins Abseitige, zu den Peripherien am Rande des Zentrums und der Übereinkunft. Die Hauptfigur, die "Bankfrau", ist beseelt vom Glauben an die friedensstiftende Kraft von Bildern einer "grundanderen Zeit" und eines "grundanderen Raumes", Fluchtbildern und fantasierten Gegenentwürfen. Reflexe der gegebenen und doch so unwirtlichen Wirklichkeit, die in Handkes Roman für eine nicht allzu ferne Zukunft Krieg eines jeden gegen jeden prophezeit.

Wirklichkeit? Die drängt sich unvermeidlich auf in Form der Bilder und der Toten vom 11. September, wenn Handke der Bankfrau einen "Terroristen" als Bruder an die Seite stellt, der im Begriff ist, sich gegen die "ganze Menschheit" zu richten. Oder wenn er einen "Führenden" die militärische Operation "Ausgestreckte Hand" mit der Parole "Krieg und Liebe!" durchführen lässt und eben nicht gerade viele Sympathiepunkte verteilt. Freilich: Es sind nicht religiös-fundamentalistische Motive, die den terroristischen Bruder umtreiben. Es ist der Verlust des menschlichen und familiären Zusammenhangs, der früh verstorbenen Eltern und der versöhnlichen Bilder. Dennoch?

Zunächst zur Geschichte, "zurück zum Erzählen", dem Credo des Autors. Es beginnt mit dem Aufbruch der namenlosen Bankfrau, Finanzfürstin eines weltumspannenden Kapital-Konglomerats, doppelgesichtig zwischen kalkulierender Geschäftsfrau und fantasiebegabter Abenteurerin. Die anvisierte Reise - im Mittelpunkt die Überquerung des Gebirgskamms der Sierra de Gredos - hat sie schon einmal unternommen, schwanger und mit Liebhaber. Beide, Tochter und Vater des Kindes, sind inzwischen spurlos verschwunden. Die Mutter blieb allein zurück - mit einem Schuldkomplex und der verdrängten Erinnerung, dass sie sich damals bei der Gebirgswanderung für einen Moment die Leibesfrucht zugunsten der Karriere weggewünscht hatte.

Die Wiederholung der Reise wird nun zu einer Art körperlich und mit Mitteln der Illusion vollzogenen Therapie. Zu einem forcierten Abtauchen in die verstellten und archaischen Bilder des Unbewussten mit einer Katharsis am Ende. Bezahlt zwar mit Erschöpfung und Bildverlust, doch mit umfassender Versöhnung belohnt; wenn auch zwischen Wirklichkeit und Imagination unsicher oszillierend. Soweit eine ohne weiteres mit der Erfahrung, sei sie bewusst oder unbewusst, kompatible Story von Handkes "Bildverlust".

Zugegebenermaßen, dies ist eine einseitige Lesart. Gegen einen vorherrschenden Duktus von "Bildverlust" gestrichen, versucht sie, den Autor, der sich gerne in luftigeren Höhen des Legendenhaften und Sendungsbewussten bewegt, zu erden. Gelinde gesagt, es wird einem unwohl im Dunstkreis des Heiligen und Missionarischen - des "Grundanderen", der "langen Dauer", des "verkörperten Augenblicks" abseits von "Wiegen und Messen", der "ewigen Erzählung", wo vorbehaltloser Glaube Kritik zu ersticken droht.

Die Bilder, anfänglich noch Kleinstbetrachtungen der Natur, der Mikrokosmos des weitgereisten "bodenwärts Blickenden", vermischen sich im Aufstieg durch das Gebirge mit Visionen größerer Ordnung, mit Menschheitslehren und Gesellschaftsutopien von "Liebe, Treue, Schönheit, Güte, Verzicht und Frieden". Unantastbarkeit umflort jene der Normalität entrückten Siedlungen, die die Bankfrau auf ihrer Reise durchquert.

Dass Erkenntniseifer und Reportagezwang vieles verdrängen, ist das eine, das keiner leugnen wird. Das andere ist, wenn Fantasie Bekehrung des kritischen Bewusstseins heißt und Gefolgschaft bedeutet. "Jenseits der Grenzen ihrer Welt wird beginnen meine Welt. . .". Wenn nicht gleich einen aufgeklärten, kritischen Blick, so lässt Handke doch zumindest kurze Lidschläge oder ein Augenzwinkern zu. Gegenüber manch Früherem wirkt er ein wenig entspannter. Er kennt die Defizite einer Nicht-so!-aber-ja-wie?-Utopie, benennt die mythischen Fußangeln und versucht, die ideologische Verklärung zu umschiffen. Das heißt aber nicht, dass der neue Roman nicht in altes Fahrwasser einer sendungsbewussten Litanei gerät, eines Klagelieds der Versprengten und Verwahrlosten, eines unabdinglichen Mahn- und Hoffnungsmals der viel gepriesenen Erzählung.

Nur: Wer spricht, wenn der Roman diese alten Weisen anstimmt? Handke benutzt ein verschachteltes Erzählkonzept, in dem er sich hinter vielen Masken verstecken kann: Die Geschichte verdankt sich einem Vertrag zwischen der Bankfrau und einem Autor, der das Buch zu ihrer Reise liefern soll. Zu den Bedingungen dieses Vertrags gehört, dass der fiktive Autor (und zugleich Geliebte) viele Spuren verwischt und das wirklich Geschehene mit dem fantasierten Bild durchtränkt.

Dennoch, gewollt oder ungewollt, Handke hat ein zeitgemäßes Buch geschrieben. Gemessen an den gegenwärtigen Bildern der Wirklichkeit, stellt sich Skepsis ein, wenn die Bankfrau mit ihrem Bildprogramm selbst den zu allem bereiten Bruder mit der Menschheit wieder ins Reine bringen kann. Mehr Unbehagen als Hoffnung bleibt nach der Lektüre zurück.

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Der Bildverlust von Peter Handke, Suhrkamp, 20026.)

Der Bildverlust oder Durch die Sierra de Gredos.
Roman von Peter Handke (2002, Suhrkamp).
Besprechung von
Martin Lüdke aus der Frankfurter Rundschau, 26.01.2002:

Wehe dem, den der Hauch der Barmherzigkeit umweht
Wütend und demütig zugleich: Peter Handkes neuer, großer und anstrengender Roman beklagt den Verlust der Bilder

Ist es der heilige Zorn des kühnen Schöpfers? Oder doch nur die kalte Wut des kühl kalkulierenden Kunst-Strategen? Man kennt schließlich diesen Schlawiner. Ist es der große Wurf des großen Meisters? Oder? Was? Ein kolossaler Fehlgriff zum Beispiel. Das opus magnum oder das signum malum?

Peter Handkes neuer Roman Der Bildverlust, wie er auf Umschlag und Buchrücken heißt, oder, wie dann die Titelseite, vielleicht verräterisch, das ursprüngliche Vorhaben wieder preisgebend, weiter ausführt: oder Durch die Sierra de Gredos, ist ebenso hoch gedacht wie tief empfunden. Voller Demut und, auch das!, Energie. Sanft, gewaltig und brutal, poetisch, gedankenreich und, nahezu in jedem Augenblick, riskant. Ein Abenteuerroman, voller Dramatik, aber erzählt, im emphatischsten Sinn des Wortes Erzählung.

Handkes Werk beschreibt, wie kein zweites im deutschsprachigen Raum, in sich noch einmal die Geschichte der Literatur des letzten Jahrhunderts. Und: ihren Anspruch. Hier geht es, rücksichtslos, um Literatur, um ein Erzählen, das Formen für Wirklichkeit(en) schafft, nicht nachdichtet, sondern vor-führt .

Handke hat immer, von seinen allerersten Arbeiten an, auf dem utopischen Gehalt der Literatur insistiert, wiewohl, im Laufe seiner Entwicklung, mit grundverschiedenen Mitteln und Verfahrensweisen. Auch sein neuer "Roman" greift, etwas trotzig sogar, auf eine alte Einsicht zurück. Wenn Begriff und Wirklichkeit nicht übereinstimmen, um so schlimmer für die Wirklichkeit. Nicht ihrem Begriff gemäß sei sie nur faule Existenz. Ihr gegenüber etabliert der "Schriftsteller" nicht nur eine andere, sondern die eigentliche "Realität": seine "umso stärkere Wirklichkeit".

In der Leidensgeschichte des vergangenen Jahrhunderts triumphierte aber bekanntlich die normative Kraft des Faktischen. Utopisches Denken überhaupt hat dabei mächtig Schaden genommen. Ist das der "Bildverlust", den Handke meint? Denn was bleibt von einer Literatur, der das Glücksversprechen abhanden kommt, jener Augenblick der Versöhnung von Ich und Welt? In seinen frühen Texten und Stücken versuchte Handke noch mit geradezu methodischer Verbissenheit, das Glück gleichsam zu erzwingen; vom Fortschrittspathos einer Moderne getragen, die ästhetische Innovation und soziale Veränderung auf den gleichen Horizont projizierte.

Später, spätestens mit dem Zyklus der Langsamen Heimkehr, hat Handke ein anderes Verständnis des Schreibens entwickelt, als Realisierung von Form, wie es in der Lehre der Sainte Victoire, einer Verschränkung von Poesie und Poetologie, vorgeführt und in der Wiederholung zu einem vorläufigen Abschluss gebracht wird.

Der Autor begreift sich fortan als Dichter. In suggestiven, oft betörend schönen, klaren Bildern beschwor er im Triumph des Augenblicks die Schöpfung, die es gut mit uns meint, wenn wir nur ihren sichtbaren Prinzipien folgen. Doch auch der erklärte Bezug auf spätromantische Konzepte, Stifter etwa, war nie nur rückwärtsgewandt. Handke ist durch die Moderne hindurchgegangen und deshalb eben nicht (nur) hinter sie zurückgefallen. Der Vorwurf regressiver Utopie prallt an ihm ab. Er hat immer gewusst und sagt es jetzt wieder: "daß es vor unserer Zivilisation kein Entkommen gibt - warum auch? Daß, wer sie flieht, von ihr eingeholt wird - und daß sie so erst, ihn einholend, als Gespenst, ihm das zuvor mehr bloß eingebildete Böse wird." (An der Insistenz solcher Sätze, die holprig, stockend daherkommen, sich verhaspeln, die gerade nicht elegant, sondern nur genau sein wollen, zeigt sich übrigens die Kontinuität seines Erkenntnisanspruchs.) Das Versprechen großer Kunst zehrt seit je an der Theologie. Lange Jahre vor Habermas' Friedenspreisrede hatte Handke schon das Dilemma erkannt, das die Säkularisierung theologischer Gehalte mit sich gebracht hat. Seine dann sprichwörtlich bekannt gewordene Stunde der wahren Empfindung bezeichnet keineswegs eine Rückkehr zum Glauben, sondern jenes Moment, das Derrida als "gemeinsamen Kräftevorrat" von Religion und Vernunft bezeichnet hat: die "Bezeugung". Bezeugend versteht Handke seitdem seine Aufgabe. So versteht auch der "Autor" der Abenteuerin jetzt seine Verpflichtung: "Bezeugen". Solches Einverständnis mit der "Schöpfung" unterläuft alle Glaubensfragen. Der Dichter Peter Handke scheint auf seinem konsequenten Weg durch die Moderne viel früher als die Theorie erkannt zu haben, wo das Defizit liegt, zu dem sie uns geführt hat.

Die populäre Frage quartett-geschädigter Literaturkritik lässt sich deshalb mit der geforderten biblischen Klarheit beantworten: Daumen hoch oder Daumen runter? Beigeistert? Der geduldige "Leser", auch von ihm hat Handke einen eigenen Begriff, muss begeistert sein. Obwohl der "Autor" streckenweise von allen guten Geistern verlassen ist.

Sieben Jahre hat Handke an diesem Roman gearbeitet. Es ist, trotz der nur (!) 759 Seiten, weit umfangreicher als das mit Blindenschrift künstlich verdickte, Jahr in der Niemandsbucht (1067 Seiten), jetzt sein wahres Hauptwerk geworden. In dem Bildverlust bündeln sich noch einmal die Motive seines gesamten Werks und sie werden, zu erheblichen Teilen, wie er es in der Lehre der Sainte Victoire nannte, auch "realisiert". Die Einwände, die gegen ihn mobilisiert werden können, hat er, vielleicht ein wenig zu brav, fast alle, vom Eskapismus bis zur Naturschwärmerei, penibel aufgelistet und abgearbeitet.

Auch entgeistert? Naturgemäß! Nicht wegen der Sammlung von Stilblüten, mit der sich mühelos viele Seiten füllen ließen. Nicht wegen einiger erstaunlicher Ungenauigkeiten (so putzt beispielsweise die "Heldin" ihre Schuhe, Seite 733, die sie vorher bereits verloren hatte, Seite 729). (Wobei auch hier einzuräumen ist, dass Handkes Vorstellung von Realität so flexibel gefasst ist, dass keineswegs nur die Fünf gerade bleibt.) Nicht wegen einiger eher naiv-anrührender Vorstellungen, etwa vom einfachen Tauschhandel. Auch nicht wegen der beinharten Hass-Ausbrüche, beispielsweise gegen Unser-Aller-Bundes-Joschka, der als "siegreicher Unterfeldherr" und "Verfasser eines Buchs ‚Joggen durch die Türkei'" in seinem "Jogginganzug" an die "Mündung der Save in die Donau" gestellt wird, wobei er "mit einem Geldpaket" wedeln darf, aber "zugleich in den Zusammenfluß" pissen muss. Handke verwischt hier bewusst die Unterscheidung zwischen einer (kranken?) Bettina Röhl und der Kunstfigur, die er "Autor" nennt und mit allen Zügen seiner eigenen Biografie versieht. Seine - etwas einsame - Meinung über den Balkan-Konflikt hat ihn leider wenig nachdenklich, sondern nur noch starrsinniger werden lassen. Aber nicht einmal wegen der kleinlichen Rechthaberei, die sich wie ein Leitmotiv durch das gesamte Buch zieht, bleibt Handkes oft emphatisch beschworener "Leser" entgeistert zurück

Handke ignoriert die Warnung, die seine Heldin ihrem Autor "diktierte": "Vermeide das Wort wahr!". Wenn es um seine "Kindheitslandschaft", das "Neunte Land", geht, trübt sich sein Blick. Auch das wäre vielleicht noch zu verkraften gewesen. Verheerend wirkt sich aber aus, dass sein "Haß" Eingang in die Konzeption des neuen Romans gefunden hat. Das zentrale Motiv vom Bildverlust bleibt widersprüchlich und wird von der Folge eindrucksvoller, faszinierender, betörender Bilder selbst dementiert.

Worum geht es also?

Eine Frau aus einer "nordwestlichen Flusshafenstadt", einstiger Filmstar, Mutter einer "verschollenen" Tochter, von Beruf Bankerin, unter anderem als "Finanzfürstin", "abgedankte Wirtschaftskönigin", "Abenteuerin" und "episodische Kutschbockfrau", "Hauptreisende" und "Finanzweltmeisterin" bezeichnet, macht sich auf eine Reise durch die Sierra de Gredos in das Mancha-Dorf des Autors, den sie sich verpflichtet hat, ihre Geschichte zu erzählen, wobei sie, im Gegenzug, versprach, sich um die finanziellen Belange des Autors zu kümmern. Er, der "Formenforscher und Rhythmenmensch", sonst "eher gesellschaftsunfähig" -, ja: "unwillig", sagte sofort zu. Über hunderte von Seiten wird nun eine lange, abenteuerliche, teils beschwerliche, teils gefährliche Reise durch das Kriegsgebiet der spanischen Hochebene beschrieben. Und zwar in einem Wechselspiel zwischen Autor / Erzähler und Held, das als solches nicht neu für Handke ist. Dem vertraglich an seine Heldin gebundenen "Autor", seinen Ansichten, seinen eigenen Absichten, bietet sich damit einiger Freiraum für Kommentare und Reflexionen und, entscheidender, für Widersprüche. Die Heldin will schließlich nicht nur ihre Reiseerlebnisse erzählt wissen, sondern, teilweise darin verborgen, ihre gesamte Lebensanschauung. Zwanglos lässt diese formale Struktur biografische Hinweise zu, poetologische Reflexionen und allgemeine zeitkritische Überlegungen. Und, immer wieder, die dichterischen Überhöhungen, Wunschträume einer Realität, die es allerdings wirklich gibt, nämlich als erzählte. In dem Lieferantenvertrag fordert sie einzig "mich erzähltwerden spüren". Was gemeinhin als Wirklichkeit gilt, darf keine Rolle spielen, Personen, Orte, Zeiten. Es gilt: eine andere, nämliche wirklichere Wirklichkeit. "Bloßes Wunschdenken? Ja." Aber was ist dagegen denn einzuwenden? Ist das "unbewusste Wunschdenken nicht gerade Bewusstsein und Möglichkeit geworden, und das heißt, ich kann, ich soll, ich darf, wie das vielleicht bei keiner anderen Denkweise der Fall ist, es verwirklichen? Ich darf? Ich soll? Es steht mir frei."

Dabei greift Handke weit aus, scheut weder Wirbelstürme noch Herzanfälle. Nur der Form verpflichtet, verfügt er souverän über die Handlung. Er löst die Identität seiner Figuren auf, vollzieht im Gang Durch die Sierra de Gredos noch einmal die Dialektik der Aufklärung, den Zusammenhang zwischen Natur, Naturbeherrschung und Herrschaft nach. Ein Steinmetz, "sich eröffnend", verwandelt sich damit zum "Bruder" der Abenteuerin (einer Art Terrorist, der "Gewaltakte gegen Sachen" verübte und der just aus dem Gefängnis entlassen worden ist). In dieser Episode, die wie absichtslos auch zu einer zärtlichen Liebesgeschichte führt, sind viele Motive des Romans versammelt. Der Steinmetz / Bruder, (wie Handke selber) dem romanischen Mittelalter verhaftet, jener Verschränkung von Demut und Gewalt, weiß aber: "Meine Wahlzeit Mittelalter, sie ist vorbei, ein für allemal." So hat er seine "Werkzeuge" nicht mehr gebraucht, um "Form", sondern um "Trümmerhaufen", nämlich Zerstörung zu schaffen. In solchen Figuren und ihren Konstellationen beschreibt Handke die subjektive Seite des Verhältnisses von Natur und Naturgeschichte, äußerst genau und völlig mitleidlos. Denn nur wenig später begegnet seine Heldin wieder ihrem Steinmetz / Bruder samt seiner Geliebten, einem ehemaligen Storygirl (mit einer ebenfalls sehr eigenen Geschichte), die jetzt allerdings nicht mehr zärtlich ineinander verschlungen sind, sondern als "Leichname" am Wegesrand, "mit Schusslöchern oben in den Schädeldecken, in den Scheiteln, Seite an Seite auf einer Tundrastelle lagen, mit offenen, wie noch kaum gebrochenen Augen", in denen sie sich selbst "wiedererkannt sah", wie sie, umgekehrt, auch ihre einst tödlich verunglückten Eltern wiedererkannte. Die poetische Wucht solcher Bilder kann in einer referierenden Darstellung schnell kitschig erscheinen, zumindest als mystelndes Geraune. Dabei werden hier doch nur die Folgen einer Entwicklung beschrieben, die aus der Unterdrückung der Natur, auch der des Subjekts, zur Gewalt führen.

An solchen Punkten wird eines der großen Rätsel des Handkeschen Schreibens überhaupt sichtbar: die stets prekäre Balance zwischen Demut und Wut, dem "sanften Gesetz" und einer immer wieder aufbrechenden Aggressivität. Das Maß des Gelingens seiner "Dichtung" richtet sich vermutlich daran aus. Der "Autor" will lieben. Und er muss hassen. Bis zur Blindheit, wie jetzt beim Bildverlust. Handke hat die titelgebende Behauptung des Verlusts der Bilder selbst am nachdrücklichsten dementiert: durch diese Beschreibung der Reise durch die "Sierra de Gredos". Wen der Hauch der Barmherzigkeit umweht, und sei es vom Jemen her, der ist, je nach Betonung, gut oder arm dran. Nur die Betonung macht aus, was einmal der Unterschied ums Ganze hieß.

Schade, dass dieses epochale Werk durch die kleinliche Rechthaberei eines großen Schriftstellers beeinträchtigt wird. Unbeeinträchtigt bleiben, zum Schaden des Autors und zum Glück seiner Leser, ausgerechnet die (angeblich verlorenen) Bilder.

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Leseprobe I Buchbestellung 0102 LYRIKwelt © Frankfurter Rundschau

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Der Bildverlust von Peter Handke, Suhrkamp, 20027.)

Der Bildverlust oder Durch die Sierra de Gredos.
Roman von Peter Handke (2002, Suhrkamp).
Besprechung von
Bernd Berke aus Westfälische Rundschau, 4.02.2002:

Handkes "Bildverlust": Das Lesen als Gebirgsbesteigung

Kein Wort mehr über Peter Handkes Liaison mit der Schauspielerin Katja Flint. Auch kein Satz mehr über Handkes starrköpfige Haltung zu Serbien, die selbst eingeschworene Verehrer seiner Schreibkunst verwirrt hat. Hier gehts um seinen neuen Roman "Der Bildverlust". Ach, nun sind es unversehens doch ein paar Worte geworden. Ein ähnlicher Ausruf mag Handke selbst entfahren sein, als er den Schlusspunkt setzte. Es sind ja doch wieder ein paar Seiten geworden. 759 an der Zahl. Die Lektüre fordert vom Leser alles, sie ist einer langwierigen Gebirgsbesteigung vergleichbar - mit Ausblicken in weite Horizonte, doch auch mit jäh drohenden Abstürzen. Es gibt Strecken in diesem Roman, auf denen man kapitulieren möchte. Dann zieht man doch weiter mit durch Berg und Tal, weil man wieder einen jener kostbaren Sprach-Funde bergen durfte, wie es sie so nur bei Handke gibt. Vielfach trifft er ja das einzig wahre Wort, diesmal auch mit den wundersamen Vokalen des Arabischen. Altgediente Handke-Leser haben manche "Stunde der wahren Empfindung" erlebt. Das aber waren nur erste Exerzitien im sprachlichen Mönch- und Nomadentum. Wovon erzählt er diesmal? Nun ja. Äußerlich passiert nicht viel. Ausdrücklich verwirft Handke all das, was man landläufig "spannend" nennt. Er schickt also in unbestimmter Zukunft ("Zwischenzeit") eine namenlose Frau, weltmächtig geworden im Bankgeschäft und doch eine empfindsame Seele, die mit Geld am liebsten heilsam "fruchten" will, auf ihre "vielleicht letzte", entscheidende Reise. Sie bricht auf in "einer Flußhafenstadt" und schlägt sich durch bis in die grandios karge spanische Sierra de Gredos. Zwischenstation ist eine verkorkste, allzeit schießwütige Sozial-Zone, in der jeder als "sein eigener König" auftritt. Kenntliches Zerrbild unserer Gesellschaft, die jeden natürlichen Rhythmus verloren hat? Im entlegenen Ort Hondareda trifft die allein Gehende schließlich auf eine aus der ganzen Welt hierher geflüchtete Eremiten-Gruppe der Verstreuten und "Überlebenden", die sich dem sonst überall medial erzeugten "Bildverlust" entgegen stemmen. Sie wollen jene aufblitzenden Eingebungen bewahren, die dem Einzelnen erst das wirkliche Leben offenbaren, das Dasein als "dauerhafte Gegenwart" beglaubigen, seine Zeit auf Erden überhöhen und ihm magische Abwehrkräfte gegen einen immerzu angedeuteten, wohl weltweit schwelenden Kriegszustand verleihen. Hier geht es allemal ums Ganze. Ungeschickt, doch innig begeistert, machen diese Menschen die unmittelbare Anschauung der Dinge zu ihrem Projekt. Da wird jeder Windstoß wichtig, jede herabfallende Vogelfeder. Lebenswichtig. Erschwerend kommt hinzu, dass Handke sich in dem psalmenhaft gegliederten Buch vage als Ich-Autor auftreten lässt, aber auch einen Schriftsteller einführt, den besagte Frau ("Die Herrin der Geschichte") beauftragt hat, ihre Reise zu schildern. Dieser Autor lebt in der Mancha, so dass Querbezüge zu Miguel de Cervantes und dessen Roman "Don Quixote" sich aufdrängen. Auf und gegen dessen Spuren bewegt sich Handkes Prosa. Doch auch die weibliche Leitfigur (Geliebter geflüchtet, Tochter "verschollen", Bruder lange als Terrorist inhaftiert) redet zuweilen in Ich-Form. Hinzu treten in steten Metamorphosen z. B. "falsche" Autoren - und ein Journalist, erst voller Vorurteile gegen das widerspenstige Hondareda, doch allmählich mental der reinen Lehre zustrebend. Ein Wunschprogramm des Journalisten-Verächters Handke. Stilistisch sprechen diese schemenhaften Gestalten eh weitgehend mit einer (ironiefreien) Stimme. Dabei geraten sie ins Stocken und Kreisen. Schon die zögerlichen Reisevorbereitungen der Frau erstrecken sich über schier hundert Seiten. Lesers Last: Mitten in die Sätze stellt Handke zahllose Fragezeichen. Man kann ihm so bei der mühsamen Wortfindung über die Schulter schauen. Will mans auch? Zielgebiet der ganzen Roman-Anstrengung ist ein Zustand, in dem sich die Geschichte "noch und noch" (beliebter Verstärkungs-Ausdruck von Handke) ganz wie von selbst erzählen möge. Tatsächlich liest sich der Text zunehmend so, als sei er in Trance entstanden. Von hoher Zinne herab verkündet Handke eine "größere Zeit" neuen Rittertums. Dort müssen Wahn und Wahrheit enge Nachbarn sein.

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Leseprobe I Buchbestellung 0402 LYRIKwelt © Westfälische Rundschau

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Der Bildverlust von Peter Handke, Suhrkamp, 20028.)

Der Bildverlust oder Durch die Sierra de Gredos.
Roman von Peter Handke (2002, Suhrkamp).
Besprechung von Leo Federmair aus Rezensionen-online *LuK*:

Für eine Ökologie der Bilder (der Katastrophe zum Trotz)
Handkes neuer Reiseroman

Ein »Extradankeschön an Peter Handke für seine Bücher der siebziger Jahre« verschickte Peter Esterházy in seiner Dankesrede zur Verleihung des österreichischen Staatspreises für europäische Literatur im Jahr 2000; für Handkes Bücher der achtziger und neunziger Jahre bedankte er sich ausdrücklich nicht. Vielleicht hat Esterházy sie nicht mehr gelesen, oder er fand sie nicht dankenswert. Ich glaube, daß es vielen Handke-Lesern so ging: Eine Zeitlang zogen sie mit dem Autor mit, auch wenn die neuen Bücher nicht mehr so wie die alten waren. Aber früher oder später hatten sie es satt, sich dem auszusetzen, was sie als Kitsch, Pathos oder politische Kurzsichtigkeit empfanden.

Andere versuchen, ihrem Autor treu zu bleiben, oder sie kehren nach einer Zeit der Trennung wieder zu ihm zurück und entdecken, wer weiß, ein neues Gesicht. Handke hat sein Schreiben über die Jahre hinweg entfaltet, er hat viele Formen ausprobiert, anders als Bernhard, der im Grunde immer am selben Romanmonolog schrieb. Auch das letzte Buch Handkes, "Der Bildverlust", ist nicht einfach eine Fortsetzung des vorhergehenden, "Mein Jahr in der Niemandsbucht", wie man zunächst denken könnte. Die "Niemandsbucht" ist ein ernstes, besinnliches Werk, in klassischen Satzperioden formuliert. "Der Bildverlust" hingegen ist unausgeglichen, bald übermütig, bald depressiv, seine Sprache barock, beladen mit allem möglichen Plunder, die Betrachtungsweise schweifend, springend, wunderlich. Mit Cervantes’ skurrilem Heldenpaar, Sancho Pansa und Don Quijote, hat Handkes Abenteurerin, die das spanische Hochland und schließlich die Sierra durchwandert, herzlich wenig zu tun. Und doch, vom Ende her und schon aus der Ferne gesehen, ist das, was man als Leser mitdurchquert hat, ein unförmiges Gebilde, von einem fiktiven Autor um seine pikareske Heldin gesponnen, oder von der Heldin um den Autor, auch das läßt sich kaum entscheiden, eine Parodie, die plötzlich ernst werden kann, eine Windmühlenfechterei, ein ständiges Anecken an unfaßlich bleibende Wirklichkeiten, ein irregehendes Werken mit Sprachzeug aller Art. Irrereden und Wahrreden, schwer auseinanderzuhalten. Natürlich unter anderen, ganz anderen Bedingungen als seinerzeit. Nach hundert Jahren Filmgeschichte, fünfzig Jahren Fernsehgeschichte, im Zeitalter der Bildallmacht, die einen allgemeinen Bildverlust bewirkt hat.

Es liegt in der Natur eines pikaresken Romans, daß man nie ganz sicher sein kann, ob sich da einer – oder eine: auch die geschlechtlichen Zuschreibungen sind unsicher – mokiert, ob er sich lustig macht über die dumme Welt oder klagt über all die Verluste. Denn verloren sind nach dem vorgelegten Befund nicht nur die Bilder, sondern auch die Personen, das Ich samt seinen Dus. Die Abenteurerin, ehemalige Bankfrau, sucht irgendwie (aber vielleicht auch nicht, letztlich irrt sie bloßfüßig herum) nach der verlorenen Tochter, dem verlorenen Geliebten, dem verlorenen Bruder, der verlorenen Zeit. Am Ende der Reise findet sie nur den Autor, der ihre Verlustgeschichte niederschreiben soll: ein Versöhnungsvorgang, aus dem Leben in die Literatur verschoben: letzter Trost für uns arme Menschen, die wir am Wirklichkeitsschwund leiden. Nimmt man Handke ernst, so erfährt man hier die unwiderrufliche Feststellung einer zivilisatorischen Katastrophe: "Der Bildverlust" ist das apokalyptische Buch einer Endzeit, hinter der nichts Neues mehr vorscheinen kann. Nimmt man ihn unernst, als spielendes, bald jähzorniges, bald beleidigtes, zumeist aber phantasierendes oder träumendes Kind, so wird man über die Funken staunen, die er über dem Befund trotzig zu schlagen versteht, sprachliche und bildliche Funken, eigensinnig und schräg und sicher manchmal auch nervtötend, wie ein Kritiker schrieb.

Das Erstaunlichste war und ist bei Handke die Sprache. Und zwar nicht, weil sie so schön ist (wie auch geschrieben wurde, sei es zustimmend, sei es hämisch), sondern weil Handke alles mit ihr macht, was man nicht mit ihr machen darf. Das ist der Unterschied zu den letzten Büchern von Handkes Landsmann Josef Winkler, jenem anderen Dörfler: Wo Winkler auf das beflissenste dasjenige macht, was man machen darf und soll, bis er in seiner Beflissenheit die traditionelle Sprache aufsprengt, tut Handke im "Bildverlust" genau das, was die Oberlehrer der Volksschule und des Feuilletons verbieten. Die Wirkungen aber sind ähnlich; das gute wie das schlechte Betragen führen zu einem Neobarock, welches den Leser landläufiger – gediegener wie trashiger – Prosa auf die Probe stellt. Das ursprünglich klassische Konzept Handkes, nach seiner allseits beliebten popigen Siebziger-Jahre-Periode entwickelt, bestand darin, erzählend auszuholen, die Sätze ausschwingen und in diesem Ausschwingen eingängige Bilder entstehen zu lassen. Im Bildverlust werden die Satzlianen nun so weit gedehnt, daß sie zwar nicht reißen, aber doch soviel Zeug umschlingen, daß sie den Rhythmus der Fortbewegung eher schwer als leicht machen. Und darüber hinaus, auf mehreren kritischen oder alternativen Ebenen, stellen sich die Wörter und Formulierungen ständig in Frage, werden Bekräftigungen einmal gesetzter Ausdrücke mitgeliefert, die im Lektoratsalltag üblicherweise gestrichen, weil als unnötig erachtet werden. Diese Skepsis, dieses Innehalten und Abwägen, auch Fragen/Verneinen/Korrigieren, kennt natürlich jeder Autor und überhaupt jeder Mensch in bezug auf sein eigenes Tun; nur hält er damit in der Regel hinter dem Berg. Handke verwendet seine nicht immer ganz ernsten Zweifel, um die Mehrschichtigkeit der Erzählrede noch einmal zuzuspitzen. So ausladend er schreibt, so zugespitzt, so »akut« im Sinne der spanischen "agudeza" sind seine Formulierungen, oder, noch einmal anders gesagt, so hartnäckig teilt er uns die Gesten seines Bleistiftspitzens mit.

Handkes Geschichten sind also immer auch und oft gar nichts anderes als Geschichten der Sprache, seiner Sprache – unter den Bedingungen eines drohenden Sprachverlusts, dem er ein schier aussichtsloses Ringen um Sprache entgegensetzt. Dabei ist er wohl von der Idee eines goldenen Zeitalters getrieben, das, wenn überhaupt irgendwo, nur noch in der epischen Prosa durchscheinen wird. Golden sind diverse, oft nicht näher bestimmte Vorzeiten, golden ist die Dorfwelt, die Zeit der Kindheit, und später am ehesten noch die Vorstadtgegend des Flaneurs, den man sich als jungen Mann zu denken hat.

Aus jener Zeit und Welt versucht Handke, einzelne Ausdrücke in das gegenwärtige Schreiben herüberzuretten, regionale, manchmal dialektale, manchmal alte, archaische Wendungen, aber auch solche aus imaginären Sprachen, aus einem märchenhaften Bereich, dem der Autor im "Bildverlust" öfters das Adjektiv wendisch-arabisch beigibt. Durchwegs aber, auch in weniger auffälligen Passagen, bedient sich Handke einer ihm eigenen Technik, um der jeweils eigentlichen, oft aber verschütteten Wortbedeutung nachzuspüren und sie – in vielen Fällen gelingt ihm das wirklich – wiederzubeleben. Die Dynamik, die sich dabei ergibt, ist eine sprachliche Reise zurück in die Gegend des Ursprungs, auch wenn dieser Ursprung mythisch, unklar oder reine Einbildung sein sollte; es geht weniger um das Ziel der treffenden Benennung eines Gegenstands als um die Technik, abgegriffene oder nicht mehr gebräuchliche Wörter und Wendungen mit Bedeutung aufzuladen.

Es stimmt, daß Handke Reisebücher schreibt, selbst dann, wenn er in seiner Niemandsbucht hockt. Nur sind es zuallererst Sprachreisebücher: Sprachführer durch die Gefahren der Sierra, die sich auf das ringsum Wahrzunehmende naturgemäß öffnen. Und dann auch road movies, Pilgerreisen, Bildungsreisen, Lebensreisen, "whatever you want". Aber welche der großen, will sagen: groß angelegten Bücher sind das nicht? Die "Odyssee" mit jenem anderen Niemand als Helden, die "Divina Comedia" mit dem Schutzonkel Vergil, Cervantes’ Ritterromanparodie und so weiter – alles Reisen, denn welche Abenteuer können wir schon haben, wenn nicht Reiseabenteuer, die uns ins Nichtverstehen stürzen und uns dem Befreundet- und Befehdetwerden, dem, schlimmer noch, Ignoriertwerden aussetzen. Dies alles und noch viel mehr finden wir dank unserer Treue in Handkes erstem Buch des neuen Jahrzehnts. Qualen, die es uns ebenfalls bereitet hat, Ärger über Seine Majestät, das allmächtige Kind, und Bedenken ob der Scharmützel des gar nicht so friedfertigen Dichters haben andere an anderer Stelle formuliert.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter WOZ Die Literaturdatenbank des Österreichischen BibliotheksWerks - Medium]

Leseprobe I Buchbestellung I 1203 LYRIKwelt © Rezensionen-online