Der Bienenkönig von Mick Jackson, 2002, KnausDer Bienenkönig.
Roman von Mick Jackson (2002, Knaus - Übertragung Gerald Jung).
Besprechung von Udo Taubitz in Neue Züricher Zeitung vom 5.06.2002:

Bienenstich in die Heimatfront
Mick Jackson erzählt von der Kindheit im Krieg

England, 1941. Bobby, getrennt von seiner Mutter, findet sich plötzlich im Badebottich einer merkwürdigen alten Dame wieder, weit weg von zu Haus. In dem Küstenkaff ist der Junge vor Hitlers Bomben sicherer als in London, das stimmt. Ausgeliefert ist Bobby jetzt allerdings den Attacken der «fünf Jungen» - einer Bande böser Buben. Die, wenn sie nicht gerade in ihren vom Lehm schweren Stiefeln die Dorfstrasse auf und ab schlurfen, am Kriegerdenkmal herumhängen und Streiche aushecken. Bobby kommt ihnen gerade recht: Verloren zwischen endlosen Hügeln und Hecken, wird der «Londoner» - wie sie ihn nennen - zum Spielball der rohen Landeier.

Zur selben Zeit spielen die Väter der fünf Jungen Krieg. Sie haben sich freiwillig zu den Waffen gemeldet. Weniger um ihre Scholle zu verteidigen, sondern um sich der Langeweile der Viehzucht und der immergleichen Tretmühle der Jahreszeiten zu entziehen. Ihre Frauen zu Haus schlagen die Zeit mit Klatsch und wöchentlichen Turnstunden tot. Mit den im Dorf verbliebenen Männern können sie nicht viel anfangen: ein kurzatmiger Organist, ein arthritischer Pfarrer und ein alter Möchtegern-Käpt'n, der Schiffe in Flaschen baut und sich nur selten aus seinem Schlafsack schält.

Der Brite Mick Jackson ist ein Autor, der komische Käuze liebt. Schon in seinem Débutroman «Der Untergrundmann», der 1997 auf Anhieb für den Booker-Prize und den Whitbread-Award nominiert wurde, nahm Jackson seine Leser mit ins Reich der Marotten und vor allem tief hinein in das Schädelinnere eines beispiellosen Exzentrikers: William John Cavendish Scott-Bentinck, der tatsächlich im 19. Jahrhundert als Herzog von Portland das Dasein eines extremen Sonderlings führte. Er beschäftigte 15 000 Männer, um ein riesiges, unterirdisches Herrenhaus zu errichten; mitsamt einem Labyrinth aus Geheimgängen weit ins Land hinein - heute vom britischen Verteidigungsministerium als «Übungszentrum» genutzt. Mick Jackson schrieb dem adeligen Einsiedler postum ein Tagebuch für die letzten Monate seines Lebens, in dem Leichtigkeit und Trauer stilsicher inszeniert sind. Und in dem der heute 41-jährige Autor erstmals seine bemerkenswerte Fähigkeit zeigte, vergangene Zeiten aufzukochen, gewürzt mit einer guten Prise schwarzem Humor.

«Der Bienenkönig» - Jacksons zweiter Roman - wimmelt nur so von ganz normal Verrückten. Die Bewohner des Dorfes, das in einem nicht nur «meteorologischen Zustand zwischen schwebendem Nieseln und feinem Nebel versunken» scheint, setzen gelegentlich ungeahnte Energien frei. Am beeindruckendsten ist die «Schweinemesse». Da zieht eine fingierte Trauergemeinde in den von GI besetzten Dorfteil, um eine betrunkene Sau zur letzten Ruhe nach Hause zu holen - in den verödeten Kochtopf. Besonders faustdick hinter den Ohren haben es die besagten fünf Jungen. Ständig auf der Suche nach Knalleffekten, die etwas Schwung ins träge Leben bringen, können sie dem Krieg einiges abgewinnen. Eine deutsche Focke-Wulf hinterlässt mit ihrem Tiefflug übers Dorf zwar nicht Tod und Verwüstung, aber immerhin ein paar Einschusslöcher im Kriegerdenkmal - Stoff genug für Phantastereien....Fortsetzung

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