Der Bibliothekar.
Roman von Judith Kuckart (1999, Eichborn).
Besprechung von Jens Dirksen aus der NRZ vom 25.06.1998:

. . . am Abgrund entlang

Frech gewagt ist halb gewonnen, mögen sich manche Autoren sagen. Doch damit ist zumindest bei Lesern noch kein Unentschieden garantiert. Wer sich schreibend an den Abgrund wagt oder aufs Drahtseil, der ist auf Hochachtung hinaus und riskiert tiefe Verachtung - hat aber zumindest unsere Beachtung verdient. Von Besessenen und ihren Obsessionen zu erzählen, ist spätestens nach Patrick Süskinds Parfum zu einer Angelegenheit geworden, die leicht wie eine Masche wirkt. Und das um so mehr, wenn schon die Grundkonstellation wie ein Strickmuster aus Laufmaschen daherkommt. Als Held für einen erotischen Roman, in dem ein Mann einer Frau hoffnungslos verfällt, eignet sich am besten ein Bibliothekar, denn das ist ein Beruf, in dem normalerweise außer Papier gar nichts knistert. So ungefähr muß sich Judith Kuckart das gedacht haben, als sie an ihr neues Buch ging, das fast schon folgerichtig Der Bibliothekar heißt. Das Leben, Leiden und Lieben des Hans-Ullrich Kolbe im Berlin unserer Zeit lernen wir kennen, eine Peep-Show-Amazone und das Augenzwinkern einer Autorin, die viel gelesen hat (Aris-toteles oder Balzac beispielsweise) und vielleicht deshalb so gern auf die Suche nach originellen Sätzen geht: Keiner kann sich dagegen wehren, daß er ein Leben in Hirn, Herz oder Hose eines anderen führen muß. Hoch gepokert, hoch verloren (Gatza bei Eichborn, 255 S.,39,80 DM). Da klingt der Titel Hajo Löwenzahn fast wohltuend nach einer kindlichen Alberei, zumal der Untertitel des Buches Ein Badewannendivertimento verheißt. Der junge Autor Stephan Maus hat auch viel gelesen, weshalb wir zunächst einmal über vier Seiten hinweg mit einem Motto nach dem anderen abgeduscht werden. Lauter Geistesblitze von Archimedes über Michael Jackson und Otto Rehagel bis zu Ingeborg Bachmann, die ja wohl alle mal gebadet haben. Doch wer ist Hajo Löwenzahn? Haha, das ist mehr als einer, das sind 182 abgründige Typen, mal für ein paar Seiten, mal für ein paar Absätze und manchmal nur für einen einzigen Satz gut. Schräg und skurril allesamt - sollen sie jedenfalls sein, zumal ihr Erfinder fleißig einige Ironie-Hebel in Bewegung setzt. Aber in der Badewanne ist die Reichweite nun mal arg beschränkt, und man rutscht auch so leicht aus, rudert um sich und schlägt Schaum . . . (Rotbuch, 257 S., 34 DM). Viel süffiger mutet dagegen die Ironie von Peter Wawerzinek an, der sie spärlicher, aber hochdosiert anzuwenden pflegt. Etwa mit einem schnauzbärtigen Wiedersänger mit der Rachegitarre, der für seine Manie gefürchtet ist, in erhabensten Momenten auch unaufgefordert Balladen aus dem Hals zu kratzen, wie er in dem Roman Cafe Komplott (Transit, 140 S., 28 DM) auftaucht: Eine Abrechnung mit deutschen Rebellen-Mythen, mit tausenderlei Ein- und Ausfällen erzählt, in einer Sprache, deren Präzision Seltenheitswert hat. 

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