Der Besuch des Leibartzes von Per Olov Enquist, Hanser-VerlagDer Besuch des Leibarztes.
Roman von Per Olov Enquist (2001, Hanser - Übertragung Wolfgang Butt).
Besprechung von Christoph Schröder aus der Frankfurter Rundschau, 10.3.2001:

Vom Tod des englischen Kindes in Celle
Schriftsteller Per Olov Enquist im Literaturhaus mit "Der Besuch des Leibarztes"

Was ist ein historischer Roman? "Wir müssen die Lücken ausfüllen, sonst gar nichts", hat der schwedische Schriftsteller Per Olov Enquist einmal auf diese Frage geantwortet. Was er darunter versteht, hat der 1934 geborene Autor bereits seit den siebziger Jahren in Romanen wie Auszug der Musikanten oder Gestürzter Engel demonstriert: Geschichte dient als Folie seiner fiktionalen Arbeit, als Basis, von der aus ein gebildeter Erzähler parteiisch Verbindungen in die Gegenwart zieht, nach Anknüpfungspunkten sucht.

Der Besuch des Leibarztes, Enquists jetzt in Deutschland erschienener neuer Roman, hat bis heute, ohne Übertreibung, hymnische Rezensionen erfahren, ebenso wie die deutsche Übersetzung von Wolfgang Butt. Im Literaturhaus trat Per Olov Enquist gemeinsam mit seinem Übersetzer auf, was nicht zwangsläufig nötig gewesen wäre - der Schwede spricht ein ausgezeichnetes Deutsch.

Wolfgang Butt charakterisierte Enquist als einen Autor, dessen erzählerische Instanzen sich von Roman zu Roman von einem problematisierenden Standpunkt auf eine beinahe neutrale Perspektive zurückgezogen hätten - eine Entwicklung von der Logik des Mathematischen hin zu einer Logik des Intuitiven. Enquist, der einen angenehm trockenen Humor besitzt und in seiner Mimik auffallend an Mr. Bean erinnert, war jedoch nicht gewillt, sich auf derlei theoretische Diskussionen einzulassen: Man stellt sich zu viele Fragen, wenn man Geschichten erzählt. "Aber vielleicht sollte man sie einfach erzählen, das ist schwer genug."

Der Besuch des Leibarztes ist ein historisches Kammerspiel aus dem Dänemark des 18. Jahrhunderts auf einer modernen Bühne. Vier Personen stehen im Mittelpunkt: Der junge dänische König Christian VII., der von seiner Umwelt für verrückt gehalten, in Wahrheit jedoch nur durch seine Erziehung gebrochen wurde; seine Frau, die erst 15-jährige Carolie Mathilde, das englische Kind, wie eine der Kapitelüberschriften heißt; Ove Hoegh-Guldberg, Christians Staatsminister und de facto Alleinherrscher, ein Macht besessener, reaktionärer Emporkömmling; und der Leibarzt des Königs, Johann Friedrich Struensee, Intellektueller und Aufklärer, der die dänische Revolution vorantreiben und eine Liebesaffäre mit der Königin beginnen wird.

Enquist und Butt konzentrierten sich in ihren abwechselnden Vorträgen auf den Liebeskomplex, der aber naturgemäß auch hoch politisch ist: Kurz vor der entscheidenden Annäherung zwischen Struensee und der jungen Königin liest der Arzt der Königin aus Ludwig Holbegs Moralischen Gedanken vor, einer frühen aufklärerischen Schrift aus dem Jahr 1742: Die seltsamste Eigenschaft des Menschen ist die, dass er auf das, was am strengsten verboten ist, die größte Lust bekommt.

Die Lust wird beide ins Verderben treiben. Caroline Mathilde stirbt in Celle unter mysteriösen Umständen; eine Intrige Guldbergs bringt Struensee aufs Schafott, doch noch während der Hinrichtung befällt Guldberg ein Gefühl von Unruhe, als sei der schwarze Schein der Fackel der Aufklärung nicht erloschen. Der Kopf zwar abgeschlagen, aber die Gedanken noch da.

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