Der Besuch des Erzbischofs von Adam Bodor, 1999, AmmannDer Besuch des Erzbischofs.
Erzählung von Adam Bodor (1999, Ammann - Übertragung
Hans Skirecki)
Besprechung von Gabriele H. Killert in DIE ZEIT, 42/1999:

Honig, schwer wie Blei
In Ádám Bodors dunkler Welt ist nichts, wie es scheint

Um nichts zu verstehen, muss man bei Ádám Bodor einfach von vorne anfangen. Mit den Senkowitz-Schwestern. Der Feldgeistliche Gabriel Ventuza hatte den beiden zur Flucht verholfen, die im Müll der Bogdansker Deponie allerdings schmählich endete. Der Anblick der beiden aus dem Abfall kriechenden, übel riechenden alten Jungfern hat den eigens aus dem fernen Jerewan angereisten Bruder in die Flucht geschlagen. Und so kam es, dass der Feldgeistliche Gabriel Ventuza die beiden an der Leine wieder im Isolierlager ablieferte, wo man sie in einen Hühnerkäfig sperrte und den gierigen Möwen und Steinewerfern überließ. "Zwei oder drei Schippen Abfall" war, was von den Senkowitz-Schwestern übrig blieb.

Wir lesen "Feldgeistlicher", wir lesen "Isolierstation". Wir lesen Archimandrit, Exhumierung, Pope, Abschubhäftling, Grab des Unbekannten Wanderers. Wir lesen und sind mit Blindheit geschlagen. Wo sind wir hingeraten? Wir sind in der opaken Welt des Terrors, der Welt des ungarischen Erzählers Ádám Bodor. Es soll uns nicht anders gehen als jenem tumben Tor, der "voller Träume" diese sinistre Welt betritt und sie am Albtraumausgang atemlos verlässt. Erschöpft, gerettet - doch immer noch Tor. So viel ahnen wir schon, denn wir betreten sie ja nicht zum ersten Mal, die Welt der Lager und Strohsäcke, der Strafkolonien mit ihren zwei, drei Schippen Abfall, der szientifischen Heiterkeit ihres Grauens.

Im Märchenort Dolina tut jeder, was er kann

Die Unwirtlichkeit des Sozialismus transsylvanischer Spielart hat den 1982 aus Siebenbürgen nach Budapest ausgewanderten Ádám Bodor schon einmal zu delikaten Teufeliaden inspiriert, in seinem Roman Schutzgebiet Sinistra, der 1994 ohne die ihm gebührende Resonanz bei Ammann erschien. Der Erzähler und Held des Geschehens ist dort ein gewisser Ádám Bodor, der nach seiner Ankunft im "Schutzgebiet" erst mal seinen Vornamen Ádám, also sein Menschsein, ablegen muss. Mit einer "Krepiermarke" um den Hals auf den Namen Andrej steht seiner Verfälschung und Entmenschung in Sinistra dann nichts mehr im Wege.

Bogdanski Dolina ist wieder so ein Märchenort, also am äußersten Grubenrande der Zivilisation. Der "Besuch des Erzbischofs" wird erwartet, da tut ein jeder, was er kann. "Bibelforscher" aus den Bogdansker Bergen liefern "wilden Honig", "Feuerwerker" schmücken die Bäume mit Girlanden, "Seminaristen" basteln "Knochenschnitzereien" und polieren mit Kissen unter den Füßen Tag und Nacht das Stationsgebäude. Die Obrigkeit, die den Müll vor der Stadt zum Himmel stinken lässt, dass man die Karpatenwipfel nicht mehr sieht, beschließt auf ihre Art saubere Lösungen und ordnet "Exhumierungen" an.

Nichts Fremdes soll das Auge des Erzbischofs beleidigen. Und damit das die Lebenden begreifen, müssen schon mal ihre Toten dran glauben. Unter ihnen der einst legendäre Menschenschmuggler Viktor Ventuza. Bis er eines Tages keines natürlichen Todes starb, gelangen ihm viele schöne Transaktionen, für die man ihn mit Liebesdiensten bezahlte. Weshalb er der Welt viele Nachkommen beschert hat.

Einer davon, besagter Gabriel Ventuza, will nun dem Vater alle Ehre machen, indem er seine Gebeine aus der Obhut der "Exhumierer" befreit. Der Befehl dazu kommt aus dem fernen Gefängnis, in dem sein älterer Halbbruder Hamza auf seine Stunde wartet. Die Abenteuer des Gabriel Ventuza werden uns von einem Mitwisser und Nebenhelden erzählt, aber nicht linear, sondern in der strudelnden Form des Geschehens selbst, in immer engerem Kreiseln um eine dunkle Mitte, das numinose Zentrum der Macht.

Schon bald weiß der Besucher, wohin er hier geraten ist. In eine Welt zuvorkommendster Gewalt-Handwerker, in der das blutigste Einverständnis herrscht. Man richtet sich ein, trägt wie der Erzähler die Maske der impassibilité und verschwindet gegebenenfalls im Morgengrauen. Eine Welt ohne Theatralik der Gefühle. Mit Ausnahme der romantischen Liebe, die mit dem Unglück stets wächst und gedeiht. Ist der Liebste im Knast, hofft die Liebste, "mittels Protektion" zu ihm gesperrt zu werden. Bis dahin müssen Kassiber mit spuckegetränkten Liebesläppchen das Küssen ersetzen.

Selbst der Lüge ist in Bogdanski Dolina nicht zu trauen. Nichts ist hier, was es vorgibt zu sein. Die in Sackleinen camouflierten Bärtigen sind bestimmt keine Gottesmänner, wie ja auch die "Bazillenträger" im Isolierlager gar nicht krank sind. Weiß der Teufel, was es mit den Feuerwerkern auf sich hat, jedenfalls enden ihre Girlanden in Zündschnüren. Und der wilde Honig, den die Bibelforscher schicken, ist schwer wie Blei und auch genauso explosiv.

Gabriel Ventuza ist ja auch kein frommer Feldgeistlicher, der anderen "die Beichte" abnimmt. Es sei denn, man wollte seine Spitzel- und Kurierdienste so nennen, mit denen er die Exhumierer gnädig zu stimmen hofft. Dabei merkt er im Eifer des Opportunismus gar nicht, dass das System längst zu kippen beginnt, ja dass er selber einer Verschwörung mächtig zuarbeitet, deren Fäden im Frisiersalon dreier reizender "Kämmfrauen" zusammenlaufen. Was los ist, merkt er erst, als der "Erzbischof" tatsächlich erscheint. Kein echter Erzbischof natürlich und auch nicht der erwartete. Den haben die Bibelforscher in die Luft gesprengt. Wer da plötzlich erscheint, ist Hamza, sein lieber Bruder, der ihn für seine Zwecke hat strampeln lassen und dem Städtchen jetzt sicher eine blühende Zukunft beschert.

Der Terror hat kein Ende, aber zur Abwechslung ein neues Gesicht bekommen.

Das sind die kleinen Geschenke der Geschichte, die dann als Revolution oder Demokratischer Aufbruch groß gefeiert sein wollen.

Um nichts zu verstehen, muss man nur dieses Jahrhundert lesen in solcher Kassiber-Prosa, und man begreift immerhin: Die Hölle ist längst nicht mehr, was sie mal war. Die alte mittelalterlich verspielte Bosch- und Breughel-Hölle, wo die strampelnden Biester kopfüber in den Abgrund purzeln.

Eher schon ist sie ein Abgrund an Inhumanität, auf den man sich verständigt hat.

Für Bogdanski Dolina trifft zu, was Imre Kertész in bitterster Stunde über Auschwitz sagte: "Darin kommt alles zusammen, was für ein gutes Buch notwendig ist." Ein wahres Buch am Albtraumausgang dieses Jahrhunderts. Und zudem ein schönes (und von Hans Skirecki schön übersetztes). Eine Satire, nicht nur von schwärzester, auch von heiterster Komik. Dieser hell gestimmte, heitere Geist der Verneinung setzt den Kontrapunkt zum naturwüchsigen Grauen, an dessen Wirklichkeit alle Heiterkeit der Welt sonst scheitern müsste.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.diezeit.de]

Leseprobe I Buchbestellung 0103 LYRIKwelt © Gabriele H. Killert/Die ZEIT