Der
Besen im System.
Roman von David
Foster Wallace (2004, Kiepenheuer & Witsch - Übertragung Marcus
Ingendaay)
Besprechung von Markus Kuhn
aus der titel-magazin,
2004:
Sahnetorte für Diabetiker
Weniger wäre mehr gewesen – David
Foster Wallace’ Erstling ist ein überlaufender Topf voller Skurrilitäten.
Nachdem ihn seine Frau verlassen hat, weil er bei
den „Weight-Watchers“ statt die angepeilten 50 Kilo abzunehmen 35 Kilo
zugelegt hat, will sich der unendlich dicke, schwabblige Industrieboss Norman
Bombardini erst recht alles einverleiben, was ihm in die Finger kommt.
So wie dieser unter all den seltsamen Figuren des Romans kaum auffallende
Sonderling frisst, bis er aus allen Nähten platzt, hat der amerikanische Autor
David Foster Wallace seinem Roman „Der Besen im System“ jede Geschichte
einverleibt, die er irgendwo aufgeschnappt hat. Mit dem Resultat, dass sein Werk
vor lauter Motiven, Ideen, Figuren und Skurrilitäten auseinanderzuplatzen droht
wie besagter Bombardini vor lauter Kalorien.
Hier ein bisschen Highschool- und College-Milieu à la „American Pie“, da
ein wenig Big-Business-Parodie. Hier ein bisschen Mediensatire, in der ein
sprechender Papagei zum Star einer religiösen TV-Sendung wird. Da ein wenig Büro-Sitcom
mit Sekretärinnenklatsch. Dazu eine ordentliche Portion Familienroman mit
autoritären Vätern und zu Wahnsinn oder vorzeitigem Verfall neigenden Müttern.
Und fertig ist ... ja was eigentlich? Ein Roman? Eher ein wirres Sammelsurium
verschieden guter, verschieden mitreißender Geschichten. Eine krankende
Schilderung der am Medien- und Markenkonsum krankenden amerikanischen
Gesellschaft.
Geschichten-Flut
Zusammengehalten werden soll das Ganze durch einen nur scheinbar spannenden
Plot: Die 92-jährige Lenore Beadsman ist mit einigen Mitbewohnern und Pflegern
unter mysteriösen Umständen aus dem Altenheim verschwunden. Die 24-jährige
Lenore Beadsman, Urenkelin der Verschwundenen, nimmt die Verfolgung auf, weil
Lenore senior das einzige Mitglied der Industriellenfamilie ist, zu dem sie sich
hingezogen fühlt. Die Suche nach der Verschollenen führt Lenore junior nicht
nur auf die Spuren der dubiosen Geschäftspraktiken im Babynahrungsimperium
ihres Vaters, sondern auch ins Innerste ihrer grausam zerstörten Familie.
Doch weder diese Rahmenhandlung noch markante Leitmotive schaffen es, die Flut
an Geschichten zu kanalisieren, die den Roman überschwemmt. Schade, denn David
Foster Wallace hat Talent. Sein Werk sprüht vor Erzähllust, ist ein buntes
Mosaik verschiedenster Textsorten: Innere Monologe, Alltags- und Traumszenen,
Protokolle von Psychotherapien und vor allem: viele nacherzählte Short-Stories.
Denn der Geschäftsführer des Verlags Frequent & Vigorous, der sich
unsterblich in Lenore junior verliebt hat, sie aber nicht körperlich
befriedigen kann, erzählt ihr als Ersatz jede Nacht eine Geschichte. Vorrat hat
er genug, weil ihm als Verlagsleiter deprimierte jugendliche Schreiber tagtäglich
neues Lesefutter schicken. Darunter einige Perlen surreal angehauchter Erzählkunst,
so als würde man Kafka ins Medienzeitalter beamen und mit Psychopharmaka
vollstopfen.
Nachdem Wallace auf dem deutschen Markt mit der genialen Reisesatire
„Schrecklich amüsant – aber in Zukunft ohne mich“ und zwei
vielversprechenden Erzählbänden Fuß gefasst hat, wagt sein deutscher Verlag
nun mit seinem Erstling „Der Besen im System“ ein Monstrum von über 600
Seiten nachzuschieben. Vielleicht fehlte dem damals 25-jährigen Wallace die
Erfahrung, denn 200 Seiten weniger und einige konsequentere Erzählstränge mehr
und aus diesem postmodernen literarischen Form- und Gesellschaftsspiel hätte
eine bemerkenswerte Kapitalismus- und Mediensatire werden können.
[...diese
und weitere Besprechungen finden Sie unter
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