Der Begleiter von Norbert Kron, dtv, 2008

Der Begleiter.
Roman von Norbert Kron (2008, dtv).
Besprechung von Erhard Schütz in Freitag, 23.10.2008:

Mit wechselnden Damen
In Norbert Krons spannendem Roman "Der Begleiter" werden prekäre Schreib- und Liebesverhältnisse verhandelt

Am Ende von Die Welt ist blau (Freitag 26/2008), Charlotte Wolffs mondänem Liebesroman aus Ascona, schließen die sich wieder zusammenfindenden Liebenden einen Vertrag, dessen Paragraf fünf lautet: "Die Welt ist blau." Bei aller Zivilität in vertragsbrüchigen Zeiten - der Roman spielt 1933 - insistiert dieser Liebesvertrag auf utopischem Überschuss wie dem Recht auf privates Glück gegen die düsteren Zeiten: "Hier ist die Welt blau, Liebling, wundervoll blau, auch wenn sie schmutzig ist." Am Ende von Norbert Krons Roman Der Begleiter, der in unserer unmittelbaren Gegenwart spielt, gibt es die einstweilige Einsicht: "Was auch immer zwei Menschen zusammenführte: Entscheidend war nicht, ob sie dasselbe Ziel hatten oder ob der Weg, den sie gingen, lang oder kurz war. Entscheidend war, dass dem Ganzen eine faire Verabredung zugrunde lag." Kein geschriebener Vertrag, aber auch keine blaue Utopie. Alexander, der Protagonist des Romans ist einen Vertrag eingegangen, zunächst als kultivierter Begleiter bei Opernbesuch oder Stadtbummel, schließlich als sexueller Dienstleister. Eigentlich ist der 40-jährige Journalist, doch Aufträge fehlen, die Lage wird prekär. Darum wird er "Begleiter" und gerät gleich eingangs an die weltgewandte Liss Vonhofen, Gattin des Chefs eines globalen Konzerns, attraktiv, kühl, geheimnisvoll. Sie fasziniert ihn selbst noch, als er schon weiteren sexuellen Vertragsverpflichtungen bei wechselnden Damen nachzukommen hat. Dann trifft er sie wieder ...

Was sich derart stracks zwischen Bunte und Brigitte zu verlaufen scheint, ist tatsächlich mehr ein gegenwärtiger Spiegel. Der Begleiter bewegt sich zwar im Milieu der Lifestyle-Magazine, oft in deren Sprache. Aber ließe ein Illustriertenredakteur ernstlich einen Satz durchgehen wie "Jedes Begreifen war in seinem Kopf eliminiert"? Was den Roman jedoch vor seinen Sprachuntiefen rettet und aus der Illustriertenwelt heraushebt, ist sein Plot. Der ist raffiniert und spannend konstruiert und entfaltet nach und nach die Parallelität der prekären Schreib- und Liebesverhältnisse. Es geht dabei nicht nur plakativ ums Grundsätzliche zwischen Prostitution und aufrechter Moral, Professionalität oder Leidenschaft, Anerkennung oder Selbstachtung. Mehr noch geht es um eine Mikrologie des halbwegs richtigen Lebens zwischen Selbsterhalt und Selbstachtung. Eine kleine Lebenslehre mit vielerlei Facetten. Die Partien zum Journalismus wirken etwas blasser als die durchaus riskanten Beischlafszenen, was vielleicht auch daran liegt, dass man sich da besser auszukennen meint als bei den Bedürfnissen eines Fleischbergs, der aussieht wie die Geschäftsführerin einer Spielautomatenhalle. Doch so paradox das klingen mag: Gerade diese Szenen lassen abseits aller Dienstleister-Klischees eine Ahnung von neugieriger Freundlichkeit und humaner Zugewandtheit aufscheinen. Besonders überzeugend aber, wie Kron es gelingt, die zum Klischee verdammt scheinende Glamourexistenz einer Charity-Lady und abgeschobenen Gattin nach und nach als eine wenig glückliche, im Grunde tragische Figur zu konstruieren, der man sogar abnimmt, was sie zu einer neuen "Idee des Opfers" zu sagen hat. Selbst der Platz, den sie in ihrer Stiftung für Alexander vorsieht, ist weniger märchenhaftes Happyend als Spiegelung einer Kompromissmoral - nicht gedankenlos oder zynisch konform, sondern weltklug resignativ.

"Er, der alles hatte sein wollen, war ein Nichts, ein winziges Rad im Getriebe. Dies war der Grund für seine Lebensunzufriedenheit gewesen ­- eine Erkenntnis, die auf einmal die Grundlage einer grenzenlosen Leichtigkeit sein konnte. Er war gesund und noch nicht alt. Warum freute er sich nicht seines bloßen Seins?" Diese Überlegungen Alexanders zeigen noch einmal die Grenzen der Sprache zugleich aber den Spielraum der Klugheit seines Autors. Hier gibt es kein utopisches Blau. Immerhin aber als Kompensation dafür nüchterne Lebensmaximen in einen spannenden Roman verpackt. Ablenkung für zwischendurch, doch nicht ohne längeren Nachhall.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter Freitag]

Leseprobe I Buchbestellung 1008 LYRIKwelt © Freitag/Erhard Schütz