Der Bastard von Istanbul von Elif Shafak, 2007, EichbornDer Bastard von Istanbul.
Roman von Elif Shafak (2007, Eichborn -
Übertragung Juliane Gräbener-Müller).
Besprechung von Steffen Radlmaier aus den Nürnberger Nachrichten vom 21.08.2007:

Auswirkungen einer zum Tabu gewordenen Tragödie
Die türkischen Autorinnen Elif Shafak und Esmahan Aykol thematisieren in ihren Romanen die Verfolgung der Armenier

Die Verfolgung und Vertreibung der Armenier Anfang des 20. Jahrhunderts ist in der Türkei immer noch ein großes Tabu-Thema. Zwei junge türkische Schriftstellerinnen, die in den USA lebende Elif Shafak und die in Deutschland lebende Esmahan Aykol, beschäftigen sich in ihren bemerkenswerten Istanbul-Romanen auf unterhaltsame Art mit diesem heiklen Thema.

Beide Bücher haben, so unterschiedlich sie auch sind, eine ganze Reihe von Gemeinsamkeiten: Elif Shafak (Jahrgang 1971) lebt in den USA und der Türkei und schreibt in englischer Sprache. Ihr Roman heißt «Der Bastard von Istanbul». Esmahan Aykol (Jahrgang 1970) lebt in Deutschland und der Türkei und schreibt auf Türkisch. Ihr Roman heißt «Goodbye Istanbul». Sowohl Shafak als auch Aykol erzählen die bis heute andauernden Auswirkungen der armenischen Tragödie jeweils am Beispiel einer Familie aus Istanbul.

Elif Shafak musste am eigenen Leib erfahren, dass sie mit ihrem Buch den Finger in eine offene Wunde gelegt hat: Die Schriftstellerin wurde in ihrer Heimat auf Betreiben türkischer Nationalisten wegen «Herabwürdigung des Türkentums» vor Gericht gestellt – wie vor ihr bereits Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk. Grund für die Anklage war die Tatsache, dass in ihrem Roman eine fiktive Figur vom Völkermord an den Armeniern spricht. Auch wenn Elif Shafak am Ende freigesprochen wurde, zeigt dieser Skandal, dass die Freiheit von Kunst und Literatur in der Türkei ein relativer Begriff ist.

Suche nach den Wurzeln

Indirekt bestätigt diese Geschichte so manche im Roman geäußerte Befürchtung: Wohlmeinende Armenier im amerikanischen Exil halten die 19-jährige Armanoush, die in Istanbul nach ihren armenischen Wurzeln suchen will, für verrückt. «Glaubst Du, sie werden sagen: Ja klar, es tut uns leid, dass wir Euch abgeschlachtet und deportiert und dann einfach alles geleugnet haben? Warum willst Du Dich unbedingt in Schwierigkeiten bringen?»

Armanoush ist wie eine junge Amerikanerin aufgewachsen und auf der Suche nach ihrer wahren Identität. Denn ihr Vater ist Armenier, ihr Stiefvater Türke. In Istanbul lernt sie die gleichaltrige Asya und deren skurrile Familie kennen, in der die Frauen das Regiment führen. Armanoush und Asya sind, das finden sie nach langen Gesprächen und Verwirrungen heraus, nicht nur durch ihre Außenseiterrolle verbunden, sondern gleichermaßen durch die leidvolle Geschichte der Türken und Armenier. Die Wahrheit ist allerdings nicht so schwarzweiß, wie es so mancher auf beiden Seiten gerne hätte.

Elif Shafak erzählt mit Humor, viel Esprit und literarischer Finesse. Die einzelnen Kapitel ihres hinreißenden Romans, in dem das Essen eine zentrale Rolle spielt, sind nach den Zutaten für die Süßspeise Aschure überschrieben.

Dagegen wählt
Esmahan Aykol für ihre Geschichte die wechselnden Adressen der Hauptfiguren als Kapitelüberschriften. Auch hier steht eine junge Armenierin im Mittelpunkt, die im Ausland mit der eigenen (Familien-)Geschichte konfrontiert wird.

Ece flieht vor dem tyrannischen Vater und dem verheirateten Geliebten aus Istanbul nach London. Aber eigentlich flieht sie vor den tradierten Rollenbildern, die sie nicht erfüllen will.

Die vollständige Rezension mit Abb. von Steffen Radlmaier finden Sie unter Nürnberger Nachrichten

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter Nürnberger Nachrichten]

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